Ein wunderbarer afrikanischer Abend

Der Titel "Afrika! Afrika!" verrät gar nichts: Varieté, Zirkus, Nummernrevue oder "nur" reine Folklore? Die Neuauflage der ehemaligen André-Heller-Produktion war am Mittwoch in Chemnitz zu sehen.

Chemnitz.

"Afrika! Afrika!" ist nur ein Geheimnis für Nichteingeweihte. Denn schließlich tourt die Show nicht zum ersten Mal durch Deutschland. Und sicher hat auch ein Teil des Chemnitzer Publikums bereits Bekanntschaft mit der "Idee" André Hellers geschlossen.

Das Wiener Multitalent holte 2005 afrikanische Artisten, Tänzer, Akrobaten und Musiker nach Europa und präsentierte den Besuchern eine bis dahin unbekannte Zirkuswelt - das beinahe zehn Jahre lang und außerordentlich erfolgreich. Heller brachte dies auch Kritik ein. Ihm wurde vorgeworfen, als eine Art "moderner Kolonialherr" mit Afrikanern Geld zu verdienen. "Ich kann garantieren, dass weder einer der Künstler noch ich das jemals so empfunden haben. Wir verdanken André Heller sehr viel und haben mit ihm genauso wie mit allen anderen Mitgliedern des Teams gearbeitet, gesprochen, gebetet, getanzt und gefeiert - und dabei nicht in Kategorien wie Herkunft, Hautfarbe, Religion oder Stellung gedacht." Der dies sagt, ist Georges Momboye - er muss es wissen. Der Ivorer war die rechte Hand Hellers, hat nun die Nachfolge seines Mentors angetreten und setzt seine eigene Vision von "Afrika! Afrika!" um. Die unterscheidet sich freilich wenig von Hellers und das ist auch gut so. Denn was die Zuschauer im nicht ausverkauften großen Saal der Stadthalle zu sehen bekamen, begeisterte.

Eigentlich ist es ja - milde ausgedrückt - naiv zu glauben, dass es auf einem Kontinent mit über einer Milliarde Menschen keine hervorragenden Artisten, Tänzer oder Akrobaten gibt. 80 Zirkuskünstler wurden von Talentscouts in aller Herren Länder gefunden. Und was sie zeigten, waren Spitzenleistungen, die per se nicht unbedingt etwas mit Afrika zu tun haben, außer, dass sie eben zumeist von Afrikanern präsentiert wurden. So Abraham Dereje Woldehawaryat aus Äthiopien, ein Weltklasse-Jongleur, der die Kunst des Bounce Juggling wie kein Zweiter beherrscht. Beeindruckend auch, wie Akrobaten aus Äthiopien - hier schienen die Talentscouts besonders erfolgreich auf der Suche gewesen zu sein - durch die Luft wirbelten und gewagte Elemente zeigten.

Nicht immer gelang da alles perfekt, was aber nur zeigte, dass "Afrika! Afrika!" eben keine in Routine erstarrte Show ist. Kleine Unzulänglichkeiten erhöhten nur den Thrill. Denn man stellte sich lieber nicht vor, dass Yusuphu Ramadhani Fuko aus Tansania, der auf einem Stuhl-Turm in zehn Meter Höhe kunstvoll turnte, die Kontrolle verloren hätte. Grobe Fehler dürfen sich auch die Kiriku-Brothers nicht leisten. Der kleine Natnael landete nach unglaublich schnellen Drehungen, Sprüngen und Salti immer wieder sicher auf den Beinen seines Partners Kirubel. Das Chemnitzer Publikum zeigte sich aber ebenso entzückt von afrikanischen Tänzen, die es zum Glück auch zu genießen gab.

Für einen Höhepunkt sorgte freilich der schwarze Kanadier Andreis Jacobs Rigolo: Der Ausnahmekünstler führte die Zuschauer mit seiner "Sanddornbalance" in eine neue Dimension des Gleichgewichts. Seine Soloperformance, in der er 13 Palmäste und eine Vogelfeder zu einer schwebend leichten, aber sehr fragilen Skulptur zusammenlegte, zelebrierte mit einer unfassbaren Konzentration und Körperbeherrschung die Magie der Stille. Man mag es kaum fassen, dass diese Skulptur hält und ist geradezu verblüfft, als er durch die Wegnahme der vielleicht fünf Gramm schweren Feder das ganze Konstrukt zum Einsturz bringt.

Egal, wie man "Afrika! Afrika!" nun einordnen möchte - das Chemnitzer Publikum bedankte sich mit "Standing Ovations" für einen wunderbaren afrikanischen Abend, an dem auch die Musiker und Sänger großen Anteil hatten. Das kleine Orchester beherrschte alle Spielarten moderner Popmusik, von Afropop und Jazz auf das Vorzüglichste.

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