Eine Holzpuppe lernt fürs Leben

Mit einer Adaption des italienischen Kinderbuch-Klassikers "Pinocchio" gibt das Theater Plauen-Zwickau einen Freilicht-Prolog auf die neue Saison.

Zwickau.

So ist das mit den lieben Kleinen: Kaum sind sie hinter den Ohren richtig trocken, wissen sie alles besser als ihre Eltern und machen sich auf, die Welt zu erobern. So erlebt es auch Meister Geppetto, der Puppenmacher in Carlo Collodis Geschichte von Pinocchio, der sprechenden Holzpuppe. Kaum hat er die aus einem sprechenden Stück Holz geschnitzt, wird der so übermütige wie schlagfertige kleine Kerl zum Nestflüchter. Zur Schule will er gehen, und als ihm das Meister Geppetto gestattet und für eine neue Fibel gar seine Jacke verkauft, nimmt das Ganze seinen Lauf: Pinocchio begegnet vielen Gestalten, die ihm ihren Weg zum Großwerden empfehlen - nicht alle in lauterer Absicht. Beim Puppentheater, seiner ersten Station, geht man noch halbwegs anständig mit ihm um. Aber Fuchs und Katze versprechen ihm Reichtum, wollen ihm dabei nur das Geld stehlen, das ihm der Theaterdirektor zugesteckt hat und schaffen es dank seiner Naivität auch. Als Bestohlener gerät Pinocchio selbst in die Mühlen der Justiz, landet im Gefängnis, folgt einem Zellengenossen ins Spielzeugland und findet nach weiteren Irrungen und Wirrungen schließlich zu Geppetto zurück - an Mut und Erfahrungen reicher, von der Holzfigur zum großen Jungen aus Fleisch und Blut geworden.

Im ersten Moment scheint es unmöglich, eine solche Geschichte im Theater in einer Stunde zu erzählen. Die Bühnenfassung von Peter-Jakob Kelting und Jürg Schlachter bietet dem Theater Plauen-Zwickau indes eine solide Basis. Das von Gastregisseurin Rike Reiniger inszenierte Ergebnis, das am Freitag auf der Freilichtbühne in der Zwickauer Alten Posthalterei Premiere feierte, zeugt jedenfalls von der Liebe und Sorgfalt, mit der man derlei Projekte für Theateranfänger ab 5Jahren an dem fusionierten Haus angeht. Bei aller Begrenztheit der Mittel wirkt die Inszenierung an keiner Stelle billig. Dass vier Schauspieler 13 Rollen verkörpern, führt den jungen Zuschauern vor Augen, was Theater kann. Und dass sämtliche Kulissen, wie die farbenfrohen, originellen Kostüme konzipiert von Luisa Lange, in ansehnlichen, eigens gezimmerten Schränken stecken, macht temporeiche Übergänge möglich. Vielleicht auch, irgendwann mit dem Stück durch die Schulen zu ziehen.

In dessen Zentrum steht mit Hannah Sieh (im Gastdebüt) eine Pinocchio-Darstellerin, der man ihre Rolle sofort abnimmt. Ihr gelingt die Mischung aus Aufmüpfigkeit und Naivität, dem ernsthaften Willen, groß zu werden und der Empfänglichkeit für die Ablenkungen, die auf dem Weg dahin lauern. Man würde sie gern auch mal in einer Rolle im Theater für die "Großen" erleben.

Auch ihre Spielpartner erfüllen ihre Aufgaben bravourös. Gastdarsteller Andreas Kunz muss etwa den fürsorglich-väterlichen Geppetto mit dem kriminellen Fuchs und dem zynischen Zirkusdirektor unter einen Hut bringen, dem zudem der Text einen der aktuellsten Sätze des Stücks in den Mund legt: "Ehe sie sich's versehen, werden aus kleinen, dummen Kindern nützliche Eselchen", kommentiert er die Begeisterung Pinocchios und seines Freundes aus dem Gefängnis, Romeo (Else Hennig), für die oberflächlichen Lustbarkeiten des Spielzeuglands. Sie werden dann auch zu Eseln, die im Zirkus auftreten müssen. Bezüge zur Gegenwart und einer über Handy, Tablet, Konsole etc. omnipräsenten Verdummungsindustrie muss man da schon hartnäckig und -leibig ausblenden, um sie nicht zu verstehen. Ebenso wie den dezenten Hinweis auf das, worum es Fuchs und Katze (Else Hennig, die auch als sprechende Grille der Kracher schlechthin ist) geht, wenn sie Pinocchio dazu verleiten, sein Geld auf dem Wunderfeld zu vergraben, wo es sich von selbst vermehren soll: Zur Szene erklingen ein paar Takte aus der Filmmusik des Mafia-Epos "Der Pate". Erkennen das auch nur die Großen erfreut, wird den Kleinen ebenso klar: Geld wächst nicht einfach auf Bäumen. Wer das sagt, hat Kriminelles im Sinn. Einer zahlt immer. Am Ende ist es Pinocchio selbst. Und dass es nicht immer Gerechtigkeit gibt, merkt die Holzpuppe, als sie vor Gericht einem Affen in Perücke (Mirjam Schollmeyer als Gast) gegenübersteht. Der Unfähigkeit in Person. Das Opfer wird am Ende zum Verurteilten.

Fazit: Dem Theater ist hier eine ebenso schöne wie lehrreiche Inszenierung gelungen, die es im Repertoire halten sollte: Denn kleine "Pinocchios" wachsen in den Reihen des Publikums immer wieder nach.

Das Stück"Pinocchio" ist noch am 14., 15., 16., 21., 22., 23. und 24. August, 10 Uhr, am 19. August, 11 Uhr, am 18. August, 15 Uhr und am 17. August, 18 Uhr in der Alten Posthalterei Zwickau, Katharinenstraße 27, zu sehen. Ticket-Hotline: 0375 274114647.

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