"Eingreifen und provozieren"

Eigentlich wollte er mit seiner aktuellen Anekdotensammlung auf nachdenkliche Weise seinen heutigen 75. Geburtstag feiern. Doch dann provozierte Schriftsteller Christoph Hein einen Skandal mit dem "Spiegel", der Öl ins Feuer der Debatte um die Glaubwürdigkeit von Ost-Erinnerung goss.

Berlin.

"Gegenlauschangriff" heißt Christoph Heins neues Buch, das er sich zum Geburtstag schenkte. Es birgt 28 Anekdoten, die sich zu einem lesenswerten Mosaik von Memoiren runden. Doch eine der Episoden sorgte für Wirbel, denn Hein behauptete darin, ein namentlich nicht genannter "Spiegel"-Redakteur habe 1993 ein Gespräch durch den Satz eröffnet: "Herr Hein, wir haben leider nichts gegen Sie in der Hand." Das Nachrichtenmagazin dementierte dies, und der Künstler ruderte zurück. In einem Interview mit dem Wochenblatt "Die Zeit" erklärte er sein Bedauern über den Fehler. Die Affäre bestimmte etliche Tage die Schlagzeilen - und man gewann den Eindruck, dass es im Kern darum ging, eine Ikone der ostdeutschen Literatur zu demontieren.

Freundlich gesinnt war das Feuilleton der altbundesrepublikanischen Presse dem Schriftsteller nach der Wiedervereinigung ohnehin nie. Bereits sein 1993 erschienener erster Nachwenderoman "Das Napoleon-Spiel" kassierte etliche Verrisse. Auf noch mehr Befremden stieß sein Novellenband "Exekution eines Kalbes". Skepsis rief bei den Rezensenten besonders die karge und lapidare Sprache des Autors hervor, die Hemingways Stil ähnelt. Dass Hein stets für eine Überraschung gut ist, zeigte sich 2000: Mit seinem von Andreas Dresen verfilmten Thriller "Willenbrock" bewog er selbst grimmige Gegner zum Einlenken. Das Opus entwickelte von der ersten Seite an den Sog eines Malstroms. Man konnte sich den psychologischen Spannungsbögen schwerlich entziehen.

Ähnliche Wirkung strahlte 2004 der Roman "Landnahme" aus. Darin griff Hein das lange tabuisierte Thema der Umsiedlung von Vertriebenen auf. Als Ort des Geschehens diente das sächsische Bad Guldenberg. Dieses fiktive Städtchen entpuppte sich dank etlicher Indizien rasch als Bad Düben, wo der Dichter aufwuchs und auch sein autobiografisches Text "Von allem Anfang an" handelt. Für dieses Buch verwertete Hein, der vor 75 Jahren im schlesischen Heinzendorf zu Welt kam, Erinnerungen an seine Jugend als Pfarrerssohn im Sozialismus. Da er nicht zur Arbeiterklasse gehörte, verweigerte man ihm einen Platz an einer Oberschule. Deshalb besuchte er bis 1961 ein Gymnasium in Westberlin. Nach dem Mauerbau schlug er sich mit Gelegenheitsjobs durch, ehe er das Abitur nachholte. Später studierte er Philosophie sowie Logik und betätigte sich als Dramaturg. 1979 wagte er den Sprung in die freiberufliche Existenz.

Als Theaterguru leistete Hein während der Achtzigerjahre Katalysatorarbeit. Er bemühte sich, "mit der Kunst der Welt beizukommen". Wie Heiner Müller und Volker Braun übernahm er unter der SED-Diktatur unbewusst die Rolle des Aufklärers, die in einer Demokratie gewöhnlich den Medien gebührt. Die Bühne gedieh bei ihm zum Forum, sie ersetzte den öffentlichen Disput. Hein wollte "eingreifen und provozieren". Spätestens nach der Uraufführung von "Die Ritter der Tafelrunde" 1989 in Dresden erreichte seine These indes eine völlig andere Dimension, denn die der Zensur abgetrotzte Posse reflektierte die explosive Situation vor dem Zerbrechen der DDR. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" verkündete, die Szenen seien ein "Fokus des politischen Prozesses".

Peter Hacks betonte, dass Hein "zu jener seltenen Klasse von literarischen Gestalten" zählt, die "kraft ihres poetischen Vermögens über den Gattungsschranken stehen". In der Tat finden sich bei diesem Autor Prosa und Dramatik von Anfang an eng benachbart. Während die Stücke jedoch bis auf wenige Sonderfälle allegorische Historien sind, haben die Romane und Erzählungen großenteils die Gegenwart zum Inhalt. Hein selbst begründet diesen Unterschied mit der Möglichkeit, auf der Bühne "ganze Jahrhunderte in den Griff zu bekommen". Die Epik hingegen erfordere "Genauigkeit der Berichterstattung".

Der Autor, der 2013 den Stefan-Heym-Preis der Stadt Chemnitz erhielt, musste sich nicht zuletzt mit dem Vorwurf beschäftigen, dass er "Simmelsche Erfolgsrezepte" benutze, indem er ein "bisschen Sex" mit einer "Prise Politik" und einem "Löffelchen Lokalkolorit" vermische. Solche Urteile verfehlen jedoch den Angelpunkt seines Schaffens, denn Christoph Hein bemüht sich vor allem darum, in einer Epoche wachsender Gefühlsarmut den Schwund zwischenmenschlicher Beziehungen zu schildern. Das ist seine Art des Realismus, die sich bereits in frühen Meisterwerken wie "Der fremde Freund" und "Horns Ende" klar zeigte.

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