Ende der Idealisierung

Unter dem Titel "Flucht in die Bilder?" beleuchtet eine Ausstellung im Berliner Brücke-Museum und im Kunsthaus Dahlem die Arbeit der Brücke-Künstler in der Nazizeit - behutsam, kritisch. Dabei lässt sie bewusst auch manche Fragen offen.

Berlin.

"Ich habe mein ganzes Leben lang ... gegen einen Geist der Enge und der Gewalt, der Überheblichkeit und der mangelnden Ehrfurcht vor anderen, der Intoleranz und des Absoluten, der erbarmungslos Konsequenten angekämpft, der in den Deutschen steckt und der seinen Ausdruck in dem nationalsozialistischen Staat gefunden hat." Dies schrieb Helmuth James Graf von Moltke in einem Abschiedsbrief vor seiner Hinrichtung am 23. Januar 1945. Ob Karl Schmidt-Rottluff von Moltkes Widerstandsaktivitäten gegen das Naziregime wusste, als er ihn 1942 in Kreisau besuchte, ist ebenso wenig bekannt wie ein ähnlicher Satz des Widerstands gegen die Herrschaft der Nazis vom Künstler selbst. Das Zitat Moltkes ist eine - nicht unwichtige - Randbemerkung in der Ausstellung "Flucht in die Bilder? - Die Künstler der Brücke im Nationalsozialismus", die im Berliner Brücke-Museum und im Kunsthaus Dahlem, dem ehemaligen Atelier des von Hitler verehrten Bildhauers Arno Breker, kritisch und doch behutsam und differenziert der Situation der Begründer der Dresdner Künstlergruppe Erich Heckel, Karl Schmidt-Rottluff, Max Pechstein und Ernst Ludwig Kirchner zwischen 1933 und 1945 und darüber hinaus nachgeht.

Dabei geht es den Kuratorinnen Aya Soika, Meike Hoffmann und Lisa Marei Schmidt nicht darum, effekthascherisch "die Wahrheit über die Brücke-Künstler" zu verkünden, sondern ihre tatsächliche menschliche und künstlerische Situation in der Nazizeit vor allem am Beispiel ihrer Werke und zahlreicher Dokumente zu bestimmen - und das auch gar nicht immer eindeutig.

Nach 1945 wurden die Brücke-Künstler in Ost- wie in Westdeutschland meist nur auf die Verfemung und Diffamierung ihrer Kunst, teil-weise - wie gegen Schmidt-Rottluff - ausgesprochene Malverbote durch die Nazis reduziert und zu widerständigen Opfern erklärt. Was wohl auch daran lag, dass es an einer größeren Zahl aktiver Widerstandskämpfer mangelte. In dieser Ausstellung werden die Haltung der Künstler und die Reaktion des NS-Staates auf ihre Kunst differenzierter dargestellt. So war die Haltung der Nazi- ideologen und Kulturpolitiker zum Expressionismus zunächst durchaus nicht eindeutig. Einige versuchten, ihn der "völkischen" Bewegung an die Seite zu stellen, und sei es nur als Kontrast zum französischen Impressionismus. Auch die Künstler selbst, einschließlich des seit dem Ersten Weltkrieg in der Schweiz lebenden Ernst Ludwig Kirchner, hofften anfangs zumindest auf Akzeptanz, Erich Heckel und Emil Nolde unterzeichneten deshalb 1934 sogar eine Loyalitätserklärung für Hitler. Max Pechstein beteiligte sich 1934 an einem Wettbewerb des Propagandaministeriums für ein Wandbild der Deutschen Arbeitsfront, das "Kraft durch Freude" vermitteln sollte. Darin ist vom Expressionismus seiner früheren Jahre nichts mehr zu sehen. Die Brücke-Künstler stellten auch nach 1933 noch in Deutschland aus. Die Ausstellung zeigt viele dieser Bilder - vor allem Landschaften, die in verschiedenen Galerien in jener Zeit zu sehen waren und fast durchweg positiv besprochen wurden. Angefeindet wurden vor allem die Porträts und figürlichen, nicht zuletzt die von fremden Kulturen inspirierten Darstellungen der Brücke-Künstler. Diese ästhetisch begründete Diffamierung fand ihren Höhepunkt in der Ausstellung "Entartete Kunst" 1937 und der darauffolgenden Beschlagnahme tausender Werke der Brücke-Künstler aus öffentlichen Museen. Auch die Kunstsammlungen Chemnitz waren von dieser tückischen Zensur betroffen. Die abstrusen Argumentationen der NS-Kulturfunktionäre gegen die individuellen Menschendarstellungen der Expressionisten dokumentiert die Ausstellung ebenfalls ausführlich. Bis hin zu einem Filmausschnitt, in dem Besucherinnen und Besucher der Ausstellung "Entartete Kunst" gezeigt werden: Hektische, verständnislos bis dümmlich dreinschauende, empörte Bürger im feinen Zwirn, Hausfrauen mit Einkaufstasche - Aufnahmen, die eher das Publikum diffamieren denn die Kunst.

Zur folgenden "inneren Emigration" der Brücke-Maler, vor allem in den letzten Jahren des "Dritten Reiches", verweist die Ausstellung unter anderem auf Landschaftsbilder Karl Schmidt-Rottluffs, "Brücke mit Eisbrechern" und "Entwurzelte Bäume", beide aus dem Jahr 1934, die vor allem in Katalogen der 80er- und 90er-Jahre als Dokumente der inneren Distanz zu den Nazis gedeutet wurden, während sie in Ausstellungen der 30er Jahre ganz anders interpretiert wurden. Dies führe zu einer "kritischen Reflexion über kontextabhängige Deutungen von Kunst", schreiben die Kuratorinnen in dem lesenswerten und dokumentenreichen Begleitkatalog.

Die Ausstellung endet nicht 1945, sondern blickt kritisch auf die Zeit danach - im Kunsthaus Dahlem, gleich neben dem Brücke-Museum. Alle Besatzungsmächte maßen Kunst und Kultur einen großen Beitrag zur Entnazifizierung zu und rehabilitierten die von den Nazis aus der Öffentlichkeit gedrängten Künstler schnell - aber, merken die Kuratorinnen an: "... keiner von ihnen dachte an einen radikalen Neuanfang. Sie richteten sich in der ihnen zugeschriebenen Opferrolle ein und erlebten die Kanonisierung ihres Lebenswerkes als Beitrag zur internationalen Moderne mit."

Es ist eine Schau, die vor allem fragt, nur behutsam, manchmal auch gar nicht antwortet, aber mit der Idealisierung der Brücke-Künstler aufräumt. Man wünscht sich mehr solcher Ausstellungen, die Fragen offen lassen, zu eigenen Antworten anregen, ohne zu diffamieren, mit klugem, einfühlsamen Blick darauf, dass das Leben nie einfach, nie nur schwarz oder weiß, sondern oft ganz expressionistisch, konflikt- und widerspruchsreich ist.

Die Ausstellung "Flucht in die Bilder? - Die Künstler der Brücke im Nationalsozialismus" ist noch bis zum 11. August, mittwochs bis montags, 11 bis 17 Uhr im Brücke-Museum Berlin, Bussardsteig 9, sowie im direkt benachbart gelegenen Kunsthaus Dahlem, Käuzchensteig 8, zu sehen. Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen.

bruecke-museum.de

kunsthaus-dahlem.de

 

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