Engerling und Jürgen Kerth: Der Blues vom Blues - und ein ganzes Leben

Im Glauchauer Schlosshof zeigen Engerling und Jürgen Kerth, dass sie noch immer zu den besten und beliebtesten ostdeutschen Musikern gehören - auch, weil sie sich treu geblieben sind.

Glauchau.

Jürgen Kerth ist gerade 70 Jahre alt geworden. Wenn er auf der Bühne steht, sieht man ihm das nicht an. Die uralte Gitarre in der Hand, ein ganz klein wenig Technik, Marke Eigenbau, die Finger flink und sicher. Er ist ein Arbeiter des Blues, und wenn er im "Blues vom Blues" die "Bluestränen" weint, dann klingt in seinem Spiel ein ganzes Leben mit. Alle Freuden: über großartige Auftritte, nach der Wende auch in den USA, mit Blues- und Rockgrößen, ein wunderbares treues Publikum. Auch am Samstagabend sind etwa 300 Gäste in den romantischen Hof des Schlosses Hinterglauchau gekommen. Aber auch alles Leid und alle Enttäuschungen klingen in seinen Liedern mit: über die erste Band, die sich 1966 auf Druck der Kulturbehörden der DDR auflösen musste, den Boykott durch die Plattenfirma Amiga ab 1982 wegen kritischer Texte, der frühe Tod des Sohnes Christoph. Musikalisch - mit Sohn Stephan am Bass und dem von Engerling geborgten Schlagzeuger Hannes Schulze an der Seite - ist Kerth am besten. Doch auch seine Texte haben einen ehrlichen, naiven Charme - wenn er etwa fragt: "Hallo, junge Mutti, warum schlägst du denn dein Kind?"

Dann kommt Engerling. Auch die Berliner Band mit Wolfram "Boddi" Bodag, Heiner Witte, Manfred Pokrandt und Hannes Schulze sind Urgesteine ostdeutschen Rocks. Eine reine Bluesband war Engerling nie, obwohl sie am Samstag viel Blues spielen, nicht zuletzt am Ende mit Jürgen Kerth. Auf eine neue Studioplatte der Combo warten ihre Fans seit 20 Jahren - aber wenn Engerling teilweise mehr als 40 Jahre alte Songs spielt - den "Blues vom roten Hahn" über einen abgebrannten Club, "Moll's Blues" oder "Moll's Party", kann man sich auch fragen, warum Bodag neue Lieder schreiben sollte, wenn doch die alten das Leben immer noch so gut beschreiben, als wären sie gestern entstanden. Moll etwa, der seit 1979 "im Erinnerungshotel" lebt, dem die "Wasser zu schnell" fließen, "er kommt nicht mehr mit", dem "seine Queen" davon gelaufen ist, "dann schnürt's ihm die Kehle zu" - der dann "Moll's Party" feiert, zu der keiner kommt, "Moll gibt ne Party mit Kuchen und Wein, Moll gibt ne Party für sich allein". Das ist derselbe Moll, der heute nicht mehr mitkommt, dem das Leben zu schnell und zu unübersichtlich geworden ist.

Lieder, die sagen, wir haben alle dasselbe Leben gelebt, mit denselben Enttäuschungen, denselben Freuden, demselben Glück und Unglück, denselben Erinnerungen. Und es hört nicht auf, und wir müssen damit umgehen, menschlich, gemeinsam und manchmal auch allein: "Moll, gib auf dich acht, sonst erstickst du im Hotel, die Erinnerung wird schwerer, und die Wasser sind viel zu schnell." Wozu dann "Riders On The Storm" von den Doors passt - eine Band, bei der sich Wolfram Bodag, ebenso wie bei den Rolling Stones, gern bedient, um die Apokalypsen von heute mit Liedern von damals zu beschreiben.

Ein langes, feines Konzert, viel Applaus von einem begeisterten Publikum, das sich schon auf das nächste der mittlerweile traditionellen Blueskonzerte im Schlosshof freuen wird - in der Gewissheit, dass sich die Musiker auch treu geblieben sein werden.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...