Erotischer Rebell ohne Parfüm

Mozarts Oper "Don Giovanni" hat am Samstag in Plauen Premiere gefeiert. Das Publikum bekommt dabei eher die ernsten Seiten des "heiteren Dramas" präsentiert.

Plauen.

Die Braut und ihr Verführer sitzen sich gegenüber. Stumm. Don Giovanni lockt Zerlina mit hypnotisierenden Blicken: Das ist im Theater Plauen-Zwickau einer der wenigen ruhigen Momente in der "Oper aller Opern", wie E. T. A. Hoffmann Wolfgang Amadeus Mozarts "Don Giovanni" nannte. Für die Einstudierung in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln hat Operndirektor Jürgen Pöckel die kaum überschaubare Sekundärliteratur von Adorno bis Felsenstein verschlungen und auf die Bühne zu übertragen versucht. Also wird die Bäuerin Zerlina wichtiger als die von Mozart weitaus reichlicher mit Musik bedachten Damen Donn'Anna und Donn'Elvira. Zerlina ist es deshalb auch, die nach Giovannis Höllensturz neben Leporello am meisten leidet.

Zur Premiere am Samstagabend wurden die Sänger der acht schwierigen Solorollen schon vor der Pause laut und herzlich gefeiert. Man erlebte eher die ernsten Seiten des "heiteren Dramas", weniger dessen bizarre, anarchische Facetten. Trotz des Spiels der Hände und den vor Aggression oder verhaltener Gier bebenden Körpern bleibt Mozarts Abgesang auf das feudale Zeitalter hier definitiv jugendfrei. Wenige Bildelemente verdeutlichen einiges von dem durch Andrea Hölzls Bühne und Kostüme zeitlos gehaltenen Geschehen: Eine unser Sonnensystem und deren Planeten nachbildende Lampe schwebt über den Figuren - erwartungsgemäß verlischt sie bei Don Giovannis Untergang. Vor mit schneebedeckten Bergen der Sierra Morena bemalten Wänden und den blinden Fenstern in ihnen rumort und brodelt es aus den meisten Figuren eher maßvoll. Dafür ist Sebastian Seitz ein eleganter, betörender Latin Lover. Der Diener Leporello daneben das schiere Gegenteil! Marlon de Silva Maia würde man sofort nächtlichen Graffiti-Vandalismus zutrauen: Ein wendiger und von der Regie stellenweise als schmierig dargestellter Kerl. Donn'Anna (Marija Mitic), deren anfangs gleich von Giovanni gekillter Vater (Frank Blees) vom Komtur zum hohen kirchlichen Würdenträger wird, kehrt unter roten Stoffen und schwarzen Bändern eine eher milde Psyche nach außen. Die von Giovanni verlassene Donn'Elvira (Stephanie Atanasov) verbirgt die in ihren drei Arien vokal herausbrechende Leidenschaft hinter Sonnenbrille und kühler Fassade. Blässlich bleiben die von Don Giovanni auf immer und ewig ausgebremsten ewigen Bräutigame Don Ottavio (Wonjong Lee) und Masetto (Maurice Giancarlo Avitabile), der Chor verharrt bei seinen wenigen Aufgaben meist im Hintergrund. In Pöckels Deutung ragt also Christina Maria Heuel als Zerlina aus dem beeindruckenden Ensemble heraus. Zum Höhepunkt der Inszenierung gerät das sonst stets gestrichene Duett zwischen ihr und Leporello. Da wird die Enttäuschte zur Furie.

Jenseits eines eleganten Versteifens auf historisch informierte Aufführungspraxis zeugt die musikalische Seite des Abends von Können und Mut: Rau, schroff und plausibel widerborstig klingt die Partitur unter Generalmusikdirektor Leo Siberski, der mit Solocellist Nicolaus Köhler die Rezitative selbst am Hammerklavier begleitet. In jeder Sekunde spannend sind die sonst oft länglichen Rezitative und die Sänger dürfen sich wie in Prag 1787 oder der Wiener Erstaufführung im Jahr darauf vokale Freiheiten erlauben. Am häufigsten natürlich Seitz als erotischer Rebell, dessen explosive Spitzentöne auch vor Innenspannung beben und der in seiner Serenade fast unverschämte Verführungsstrategien mobilisiert. Zum Glück geht es in Siberskis sehr theateraffiner Lesart des "Don Giovanni" um weitaus mehr als die Herzensergießungen besserer Kreise. Und es gibt sogar, wenn Don Giovanni unter der Hochzeitstafel der willigen Braut Zerlina an die Wäsche geht, die von Mozart geforderten drei Orchester. Das ist nicht einmal an großen Bühnen selbstverständlich und um so beachtlicher. Doch am meisten erfreut, wie gut diese Premiere auch ohne musikalische Pomade, Puder und Parfüm funktioniert.

Nächste Vorstellungen von "Don Giovanni" im Vogtlandtheater Plauen am 16. und 22. November, 19.30 Uhr. www.theater-plauen-zwickau.de

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