Esbjörn-Svensson-Trios: Zurück auf Los

2008 starb mit Pianist Esbjörn Svensson einer der großen Erneuerer und Popularisierer des Jazz. Nun greifen seine früheren Mitmusiker als Rymden das Erbe auf - mit einem Album, das sich hören lassen kann!

Chemnitz.

Irgendwie hatte es in der Luft gelegen, aber damit gerechnet hatte wohl keiner: Zu sehr hatten die Schweden des Esbjörn-Svensson-Trios, kurz E.S.T., auf einsamer Höhe gespielt und dem klassischen Pianotrio des Jazz zu neuer Popularität verholfen, als dass man sich wirkliche Nachfolger vorstellen konnte. Zu eingespielt war diese famose Band, zu traumwandlerisch sicher verzahnt, auch weil sich zwei von ihnen seit Sandkastentagen kannten. Irgendwann waren sie wie ein magisches Dreieck, das auch in Amerika signalisierte, wie der europäische Jazz endlich zu einer wirklichen Konkurrenz geworden war. Diese drei hatten suggestive Ohrwurmmelodien voller Poesie, Finesse und Magie. Auch live war das Trio mit Pianist Esbjörn Svensson, Bassist Dan Berglund und Schlagzeuger Magnus Öström ein Ereignis, das für ausverkaufte Hallen sorgte.

Doch dann war Schluss. 44-jährig starb Svensson 2008 nach einem Tauchunfall. Trauer lähmte die Szene, Berglund und Öström zogen sich zurück. Erst nach gehörigem Abstand meldeten sie sich wieder mit Bands, die weit davon entfernt waren, E.S.T. kopieren oder fortführen zu wollen. Erst vor wenigen Jahren waren sie wieder dabei, als live und auf CD eine erstaunlich frische großorchestrale Hommage zentrale Kompositionen des Trios als "E.S.T. Symphony" zusammenfasste. Im klassischen Klaviertrio, mit dem sie das kammermusikalische Jazzformat für Neues geöffnet hatten, hörte man sie seit Esbjörn Svenssons Tod nicht mehr. Das hatte auch mit Respekt zu tun. Doch die beiden Musiker bei E.S.T. waren mehr als nur eine dem Solisten nachgeordnete Rhythmussektion. So ist es nun so weit: Ein neues Trio veröffentlicht unter dem Bandnamen Rymden mit "Reflections & Odysseys" seine erste CD und wird umgehend als Großereignis für europäische Bühnen und Festivals gehandelt. Und Rymden ist wirklich eine neue Supergruppe des Jazz aus Skandinavien.

Auch der Norweger Bugge Wesseltoft (Jahrgang 1964), Pianist, Keyboarder, Arrangeur und Labelchef, steht für die Öffnung des Jazz hin zu den urbanen Clubs, seit er 1996 mit der gleichnamigen CD eine "New Conception of Jazz" ausgerufen hatte. Im Norden trat die Generation nach Jan Garbarek auf den Plan, die mit damals schon beteiligten Musikern wie Eivind Aarset, Nils Petter Molvær oder Audun Kleive noch heute die Jazzentwicklung maßgeblich mitbestimmt. Wesseltoft hatte in einem Trio mit dem deutschen DJ Henrik Schwarz auch schon mit Bassist Dan Berglund aufgenommen und dort Pop-Kultur und Jazzimprovisation fusioniert. Nun ist er bei Rymden der Dritte im Bunde.

"Ich wollte schon seit Langem ein Piano-Trio gründen", gesteht Wesseltoft, "fand aber nie die richtigen Leute dafür." Dann spielte er mit Öström und Berglund erste Konzerte, und die Chemie stimmte. Also buchten sie bald ein Studio in Göteborg, jeder brachte Kompositionen ein, und die Ergebnisse überzeugten. Man hört ordentliche Rockgrooves, anverwandelte Nordfolklore, betörende Balladen, packende Riffs, lyrische Songs, ist manchmal an den seligen Funk der 70er-Jahre erinnert und durchweg fasziniert von der Leichtigkeit, mit der hier ein neues Kapitel aufgeschlagen wird.

Bassist und Schlagzeuger haben Raum für imponierende Solos, die organisch in den Bandkosmos eingewirkt sind. Gemeinsam spielen sie so eng verflochten, dass man kaum einen Vergleich finden wird. Darüber kann Wesseltoft abheben, wozu er anders als Esbjörn Svensson oft elektronische Keyboards einsetzt. Diese CD überzeugt, weil sie nicht im Epigonentum dümpelt. Rymden machen eine optimistische, facettenreiche und zupackende Musik von heute, in der E.S.T. ein Element ist. Eines unter vielen.

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