Für alle, die die Liebe suchen

Von Anna Haifisch bis Jim Avignon: Ein neues Buch vereint zehn Comicstrips zu Liedern aus 25 Jahren Tocotronic-Geschichte.

Dresden.

Ein Zusammenhang zwischen bildender Kunst und Tocotronic ließ sich noch nie leugnen, galt bisher aber nur im übertragenen Sinne. Der Dichtkunst von Sängertexter Dirk von Lowtzow sind innerhalb der vergangenen 25 Jahre sehr bemerkenswerte deutschsprachige Beiträge zeitgenössischer Popkultur zu verdanken, sodass sich allenfalls darüber streiten lässt, welcher davon den meisten Mehrwert hatte.

Auf zwölf Alben hat es die größtenteils längst in Berlin statt Hamburg beheimatete Band seit ihrem im März 1995 erschienenen Debüt "Digital ist besser" inzwischen geschafft - und ein jedes davon hat zur Bildung beigetragen. Bevor nächstes Jahr das 13. Album erscheint, dessen Genuss die treue Anhängerschar vermutlich wiederum nicht nur glücklicher, sondern auch klüger altern lässt, ist der Kulturbegriff der Band im Jubiläumsjahr auf spektakuläre Weise erweitert worden: durch "Songcomics".

Die Idee kam mit Michael Büsselberg einem DJ, Journalisten und Tocotronic-Fan der ersten Stunde, als er vor Jahren in Frankreich künstlerische Interpretationen von Songs des hierzulande sträflicherweise weitgehend nur als Schauspieler (1991: "Van Gogh") wahrgenommenen Musikers Jacques Dutronc entdeckte - obwohl etwa sein "Et moi, et moi, et moi"-Klassiker einiges vom späteren Sloganismus der Hamburger Schule vorwegnahm.

Im Fall von Tocotronic wurden elf Comic-Künstler aktiv, die sich zehn zwischen 1995 und 2018 erschienenen Liedern zuwandten. Den Auftakt macht Popartkünstler Jim Avignon mit fünf Seiten zu "Digital ist besser", das aus der Vorliebe der Band für Digitaluhren entstanden und auch nur so gemeint war, wie von Lowtzow in einem seiner launigen Einführungstexte bemerkt. Wie Avignon arbeiten sich auch die meisten anderen Künstler mit ihrer Bilderfolge Wort für Wort an den Original-Songtexten ab: die frischgebackene Max- und Moritz-Preisträgerin Anna Haifisch etwa, die der Protesthymne "Kapitulation" (2007) ein Picknick von Tieren im Wald unterlegt: "für alle, die die Liebe suchen". Julia Bernhard lässt "Warte auf mich auf dem Grund des Swimmingpools" (2013) mit einem Happy End unter Wasser ausgehen, Jan Schmelcher bevorzugt neun Großformate für "Rebel Boy" (2015). Etwas aus dem Rahmen fällt die Herangehensweise des einzigen Künstlerduos: Katja Klengel und Christopher Tauber lassen "Let There Be Rock" (1999) als Lied aus dem Autoradio plärren, als eine Frau nach 20 Jahren Berlin wieder bei ihren Eltern in der Provinz einzieht.

Als vierseitige "Zugabe" findet sich nach den zehn Songcomics noch eine Art Bandgeschichte im Turbodurchlauf von Schlagzeuger Arne Zank. Ihr ist zu entnehmen, dass er Bassist Jan Müller aus der Parallelklasse seiner Schule kannte und man gemeinsam der ersten Tote-Hosen-Platte "Opelgang" (1983) lauschte. Jahre später stellte ihm Jan seinen Jura-Mitstudenten von Lowtzow vor, der dann wiederum ein paar Jahre später den 2004 offiziell einsteigenden Gitarrist Rick McPhail am Rande eines Konzerts als "Freund einer alten Freundin" vorstellt. Zanks Werk endet mit einem roten Herz und der schlichten Feststellung: "Was für ein Glück, dass wir uns getroffen haben." Schöner kann ein Buch für Fans nicht enden.


Das Buch Michael Büsselberg (Hg.): Sie wollen uns erzählen. Zehn Tocotronic-Songcomics, Ventil-Verlag, 2020

ISBN: 9783955751326

Preis: 25,00 Euro

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