Felix Räubers neue EP "Me": Die Puppe und der Schmetterling

Felix Räuber, ehemaliger Sänger der Dresdner Band Polarkreis 18, spürt als Solokünstler auf verschiedenen Ebenen seiner und unserer Identität nach. Was er zuerst findet: exzellente, lebendige Popeleganz, wie man sie seit A-Ha vermisst.

Dresden.

Betörend. Das ist so ziemlich das erste, was einen zur neuen Felix-Räuber-EP "Me" einfällt. Der ehemalige Sänger der Dresdner Band Polarkreis 18 hat sich mit seiner Neuerfindung länger Zeit gelassen als seine ehemaligen Bandkollegen, die zusammen mit Schauspieler Christian Friedel ja seit 2014 als Woods Of Birnam zwei starke, bundesweit beachtete Kunstpop-Alben veröffentlicht haben, denen aber genau das ein wenig fehlt: Betörung. Räuber ist mit seinem Soloprojekt stilistisch (natürlich) nicht auf einem anderen Stern gelandet, die Polarkreis-Wurzeln sind hier wie da zu hören. "Ohne einen gewissen Pathos wäre das ja nicht wirklich ich", sagt der Sänger, der mittlerweile zum Teil in Berlin lebt. Aber: Auf Stücken wie "Burning Sky" oder "Running Out Of Time" findet er eine wesentlich bessere Mischung zwischen Kopf und Herz, zwischen Gedankenwelt und Realität, ohne dabei die kunstvolle Reflexionsebene aufzugeben. "Cinematic Pop" nennt Räuber seinen Mix aus Klassik-Elementen, kühler Elektronik irgendwo zwischen zeitlos und Zeitgeist und einer Pop-Eleganz, wie man sie seit "Minor Earth Major Sky" von A-Ha schmerzlich vermisst: Seine eben veröffentlichte "Me"-EP erinnert dank Räubers Sphärenstimme aber nicht nur an die großen Norweger, seine neu ausgebauten Tiefebenen lassen gelegentlich auch etwas Woodkid durchschimmern.

All das macht seine Musik bei allem Ernst, aller Melancholie irgendwie sehr leicht - und zur passenden Plattform für eine recht tiefgründige Suche, die Räuber in Texten und vor allem einer sehr konzeptionell angelegten Videokunst betreibt: Er will herausfinden, wo in ihm, in jeder Person die Grenze zwischen "Männlich" und "Weiblich" verläuft. Transsexualität ist dabei nur eine anfängliche Anregung, es geht Räuber nur am Rande um Sexualität - er forscht nach viel wesentlicheren Aspekten. Am gelungensten passiert das im neuen Video zu "Burning Sky", das aus Blutstropfen erst Rorschach-Testbilder und dann Schmetterlinge werden lässt und damit ein ästhetisches Feld irgendwo zwischen "Roter Drache" und atemberaubend simpler Schönheit aufmacht. "Ich will die ganzen Narrative nicht ausformulieren, sondern in minimale, symbolische Bilder packen. Wir alle haben männliche und weibliche Anteile in uns. Ich denke, es ist für die ganze Gesellschaft sehr wichtig, sich in diesen Balanceakt hineinzudenken." Damit geht Räuber zum einen weit über die aktuellen Gender- oder "#metoo"-Debatten, die oft sehr am Körper kleben, hinaus - und vermeidet gleichzeitig das lustvoll-provokante Spiel mit Androgynität, wie es in der Popkultur der Neunziger und Nuller modern war.

Musikalisch gehen die "Me"-Stücke, die großteils schon als Video-Singles im Netz sind, einen Schritt weiter als die vor einem Jahr nur digital veröffentlichte "Wall"-EP, die kühl-elegischen Autotune-Synthpop bot - und ein faszinierendes Gastspiel des Geigers Daniel Hope: In diese Richtung tendieren nun die neuen Stücke. Die neue EP, die im Juni auch als Tonträger erscheinen wird, klingt klassischer, orchestraler, organischer. Aus der Puppe ist auch klanglich ein Schmetterling geworden.

Das EP-Format hat Räuber bewusst gewählt, um nach dem Polarkreis-18-Crash vor zehn Jahren wieder Fuß zu fassen. "Das klassische Album ist für das Digitalzeitalter irgendwie zu spröde. Mit EPs kann man in kürzeren Phasen verarbeiten. Ich will jetzt starten und auf die Bühne. Irgendwann soll daraus ein Album werden, das ist aber nicht spruchreif." Vor allem will der Musiker nach seinen Erfahrungen mit großen Musikkonzernen die Fäden seiner Karriere in der Hand behalten: "Ich habe keine Lust mehr, ein Politikum in Management-Runden zu sein." Immerhin führten diese dazu, dass die Dresdner Band vor allem als One-Hit-Wonder ihres Songs "Allein Allein" in Erinnerung geblieben ist, obwohl die Alben "The Colour Of Snow" und "Frei" eher Konzeptkunstwerke waren. "Wir kannten uns seit der Schule und hatten nach einer immerhin 14-jährigen Bandgeschichte einen Riesenhit, der sogar in den US-Singlecharts auf Platz 12 stand. Als dieser Erfolg nicht zu wiederholen war, ging der emotionale Zusammenhalt auseinander. Wir waren ja erst eine Indie-Band, waren dann mit Pop erfolgreich und wollten danach wieder Kunst machen - aber eben nicht mehr auf Indie-Ebene. Wir waren auch total jung - diese ganzen Ansprüche, die wir zum Teil ja auch uns selbst gestellt haben, waren dann in der Summe zuviel. Diesen Bruch zu verarbeiten, da habe ich ewig gebraucht."

Im Konzert Felix Räuber tritt am morgigen Freitag in der Scheune Dresden auf. Karten gibt es in allen "Freie Presse"-Shops in Ihrer Nähe.

freiepresse.de/meinticket

 

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