Festival der alten und ganz neuen Sterne

Experimentierfreudige Jugend und Gitarrenelite bei Leipziger Jazztagen

Leipzig.

Eine Stadt im Jazzrhythmus, zehn Tage, 22 Konzerte. Zum "Gitarrengipfel" hat der Leipziger Jazzclub in diesem Jahr geladen. Meister ihres Fachs stehen auf dem Programm: Freitagabend spielt Egberto Gismonti im Westbad, einem der neuen Veranstaltungsorte, am Samstag Pat Metheny in der seit Wochen ausverkauften Oper. Das dänisch-amerikanisch-norwegische Jakob Bro Trio war schon am Dienstag dran - wunderbar poetische Ausflüge zwischen Himmel und Erde. Sparsam und zart, behutsam und sehnsüchtig erkunden Gitarrist Jakob Bro, Bassist Thomas Morgan und Schlagzeuger Joey Baron, der lange mit John Zorn arbeitete, stille, aber tiefe Wasser, lichtdurchflutete Wälder, hügelige Wege über Stock und Stein.

Aber neben diesen Gitarren-Leuchttürmen gelingt es dem Jazzclub auch Jahr für Jahr funkelnde Glanzlichter mit jungen Musikern, überraschenden Auftritten, unerwarteten Entdeckungen zu setzen. Nicht mehr ganz unbekannt ist der diesjährige Gewinner des Leipziger Jazz-Nachwuchspreises, der Schlagzeuger Philipp Scholz, der in Chemnitz schon mit der Spielvereinigung Sued zu hören war. Mit seiner eigenen Band Flam spielt er einen weltoffenen, energiegeladenen, eleganten Jazz, der Einflüsse vieler Musikstile aufnimmt. Er scheut weder melodische Passagen noch rumpelnde Erkundungen und auch nicht politische Statements: Nach dem Ergebnis der Bundestagswahl wolle er Kollegen, "die die falsche Partei gewählt haben", gemeint ist natürlich die AFD, nochmal zum Nachdenken auffordern, "denn wir sind doch die Ersten, die rausfliegen". Einen Teil des Preisgeldes will er für eine Schulbibliothek in Kenia spenden.

Eingeflogen war auch die polnische Bassistin Kinga Głyk - und sie ist eine echte Entdeckung. Gerade mal 20 Jahre alt, spielt sie mit ihrem Vater Irek am Schlagzeug und dem Keyboarder Rafal Stepien einen wunderbar kraftvollen Jazz-Blues-Rock, der an die besten Zeiten dieser Musik in Polen mit Bands wie SBB und Künstlern wie Czeslaw Niemen erinnert. Die junge Frau liebt und spielt ihre Elektrobässe, als hätte sie nie etwas anderes getan. Hat sie wahrscheinlich auch nicht. Kraftvoll und dynamisch, aber auch beseelt, selbstbewusst, manchmal fast etwas trotzig jagt die Band dem Publikum im ausverkauften Klub "Nato" manchmal Gänsehaut über den Rücken. Selbst als Głyk ankündigt, in einem Song gehe es um ihre "Begegnung mit Gott - nicht um Religion, sondern um die tägliche Begegnung mit Gott" und der Beifall zunächst etwas spärlich ausfällt, überzeugt sie auch Atheisten mit ihrer Interpretation der Sinnsuche.

So muss ein Jazzfest sein - fast alle Konzerte sind ausverkauft, das Publikum bunt gemischt, viele junge Leute, die auch für die Zukunft des Leipziger Festivals hoffen lassen, ein vielseitiges Programm ohne Scheuklappen. Die Leipziger Jazztage präsentieren sich in ihrem 41. Jahr frischer und lebendiger denn je.

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