Festival der tausend bunten Bilder

5500 Gäste haben die bunten Wände der ehemaligen Buntfärberei in Limbach-Oberfrohna schon gesehen - zum Tag der Sachsen besteht noch einmal Gelegenheit, die von 160 Künstlern aus 15 Ländern umgestaltete Industrie-brache anzuschauen.

Limbach-Oberfrohna.

Wo früher Garne bunt gefärbt wurden, strahlen nun bunte Wände, tropft eine bunte Flüssigkeit über alte Fässer, teilen Installationen die Räume. Weststraße 52 in Limbach-Oberfrohna: Von der Straße aus kaum sichtbar, verbirgt sich hinter einer schmalen, grasbewachsenen Einfahrt ein riesiges Industriegelände, der ehemalige VEB Buntfärberei, Einheimischen auch als Rocherwerk II bekannt. Die Hallen sind teilweise verfallen, Decken eingestürzt, ein Teil der Gebäude ist aber nach der Stilllegung vor etwa 20 Jahren noch begehbar.

Hier macht in diesem Jahr das internationale Festival für urbane Kunst Ibug - die unhandliche Abkürzung steht für "Industriebrachenumgestaltung" - Station. Der Name ist allerdings das einzig Unhandliche an der Ibug. Das 2006 von dem Meeraner Street-Artisten Tasso gegründete Festival ist mittlerweile weltweit bekannt und gefragt. Dafür lassen international renommierte Künstler schon einmal andere Projekte sausen und nisten sich für zwei Wochen in westsächsischen Ruinen ein. Mit Erfolg, wie ein Gang durch die Hallen und durchs Gelände der ehemaligen Buntfärberei beweist. Individuell und gemeinsam, selbstbewusst und doch auch immer respektvoll gegenüber dem Gebäude selbst und gegenüber den anderen Künstlern sind in zwei Wochen Dutzende Kunstwerke entstanden, die verfallende Wände, leere Fensterhöhlen und grasbewachsene Wege der Industriebrache noch einmal in farbigem Glanz erscheinen lassen. Anspielungen auf die Geschichte des Betriebes fehlen dabei ebenso wenig wie künstlerische Positionen zur aktuellen Politik, subtile Miniaturen finden sich ebenso wie großformatige Wandbemalungen. Die Lokalmatadoren Gebrüder Onkel aus Kuhschnappel verstellen mit einer großen Installation aus Fäden den Blick ins Freie. Edelding - viele Mitwirkende treten unter einem Künstlernamen auf - hat in Dutzenden Sprachen das Wort "Nein" an die Wand gesprüht, in deren Mitte nur auf Arabisch das Wort "Ja" steht - Anspielung auf die Flüchtlinge der Gegenwart. Ebenso von der Politik inspiriert ist das riesige Wandbild von Papa Gallosch, der sich unter anderem Donald Trump und Beatrix von Storch vorgenommen hat und in eine gemeinsame Demonstration gegen die "Lühgenprässe" stellt. Lyrisch-abstrakte Farbimpressionen zeigen Quintessenz. Majilina lässt einen Fisch fliegen, Doktor Molrok einen phantasievollen Drachen. Die Superfreunde haben festgestellt: "Wirr ist das Volk." Es wurde gesprüht, geklebt, gemalt, geschweißt, arrangiert, gestapelt, sortiert, installiert.

Dabei stand kurz vor der Eröffnung des Festivals noch nicht einmal fest, ob es überhaupt stattfinden kann, da der Vertrag mit dem Liquidator erst spät geschlossen werden konnte, erinnert Daniel Schneider, einer der Mitorganisatoren. So mussten in Windeseile jahrelang zugewachsene Wege auf dem Gelände begehbar gemacht und Müllberge beiseite geräumt werden. Mit riesigem Engagement und lediglich mit Fördermitteln der Sächsischen Staatskanzlei, wie Daniel Schneider betont. Ansonsten seien die Kosten privat vorfinanziert worden. Doch die Ibug ist auch ein großes Fest der Gemeinsamkeit, bei dem alle mit anpacken, zwei Wochen lang gemeinsam leben und arbeiten und so einen bunten urbanen Dschungel geschaffen haben, in den einzutauchen lohnt. Die Woche über haben das unter anderem Schüler des Europäischen Gymnasiums Meerane getan - mit sichtlichem Vergnügen.

 

Neben allem, was das Festival noch ist - Kunst, kollektiver Spaß, Begegnung - verschafft es den ausgedienten Industrieruinen auch ein würdiges Ende. Einst waren sie Arbeiterinnen und Arbeitern notgedrungen fast so etwas wie eine zweite Heimat - hier verbrachte man einen Großteil seiner Zeit. Doch die Zeiten haben sich geändert - alles, was besteht, ist wert, zugrunde zu gehen. Es ist, als ob sich die Ruinen unter der Last ihrer Jahre noch einmal aufbäumen, noch einmal ein letztes Lebenszeichen von sich geben, in die Zukunft atmen, sich noch einmal ihrer eigenen Geschichte und der der Menschen, die mit ihnen verbunden ist, erinnern und an eben diese Menschen appellieren: Lasst unser Ende nicht vergeblich sein. Behaltet uns in Erinnerung.

Die Ibug - das Festival für urbane Kunst in Limbach-Oberfrohna, Weststraße 52 - ist bis Sonntag jeweils von 10 bis 20 Uhr geöffnet. Samstag, 22 Uhr: Disco. Außerdem: Lesungen, Führungen, Kunstmarkt, Kino.

www.ibug-art.de

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