"Fidelio" ohne Ausreden

Wie passen Beethoven, Mandela und Harry Potter auf eine Bühne, ohne dass es zu eng wird? Das Mittelsächsische Theater macht es vor.

Döbeln/Freiberg.

Einfach ist es nicht, die einzige Oper Ludwig van Beethovens zu inszenieren. Das liegt nicht an der Handlung - die ist recht simpel: Leonore will ihren Ehemann Florestan aus politischer Gefangenschaft befreien und heuert dazu in Männerkleidern unter dem Namen Fidelio ("Der Treue") als Gehilfe des Gefängniswärters an.

Doch "Fidelio" ist ein Werk voller Brüche. Dramaturg Christoph Nieder sagt dazu: "Die Original-Dialoge sind eher kleinbürgerlich-singspielhaft. Dagegen entwickelt die Musik zum Finale hin beinahe Oratoriumscharakter." Es sei schwierig, das unter einen Hut zu bringen.

Im Beethoven-Jahr ist das Mittelsächsische Theater nicht die einzige Bühne, die sich "Fidelio" vornimmt. Kürzlich startete in Bonn, wo der Komponist vor 250 Jahren geboren wurde, eine Inszenierung, in der sich Zeitzeugen zum Kampf der türkischen Regierung gegen die Kurden äußern. Es liegt ja auch nahe, die Geschichte, die vor dem Hintergrund der Französischen Revolution entstand, in unsere Zeit zu verlegen. Das Mittelsächsische Theater hat mit seiner konzertanten Variante einen subtileren, universelleren Zugang gewählt: Zwischen den Musikabschnitten spricht Leonore zu den Zuschauern. Hadert mit der Lüge, die ihrem Geliebten helfen soll. Heiligt der Zweck die Mittel? Was ist Freiheit? Mit diesen Fragen konfrontiert sie die Zuschauer. Eingeflochten sind Zitate von Friedrich Schiller, Immanuel Kant, Nelson Mandela und anderen. Jeder soll sich damit auseinandersetzen. Ausreden gibt es nicht. So passt sogar ein Wort aus Joanne K. Rowlings "Harry Potter" auf die Opernbühne: "Viel mehr als unsere Fähigkeiten sind es unsere Entscheidungen, die zeigen, wer wir wirklich sind."

Bei den Zitaten wäre weniger mehr gewesen. Doch das eindringliche Spiel der Leonore-Sprecherin (Sophia Pervilhac, im Wechsel mit Franka Anne Kahl) tröstet über manche Längen hinweg. Die zweite Leonore, die Sängerin, wirkt daneben zunächst blass. Allerdings nur bis zu Rezitativ und Arie im ersten Akt. Da füllt der gefühlvolle Sopran den Raum. Zur Premiere in Döbeln war Patricia Bänsch vom Gerhart-Hauptmann-Theater Görlitz-Zittau für die erkrankte Sonja Maria Westermann eingesprungen. Ihren Einsatz honorierte das Publikum mit Bravo-Rufen. Auch andere Solisten begeisterten: Elias Han stand fast bewegungslos da, aber Mimik und Stimme reichten aus, um das Bild des gewissenlosen Bösewichts Pizarro heraufzubeschwören. Überzeugend auch Grzegorz Rozkwitalski als Handlanger Rocco.

Es war eine gute Idee, eine konzertante Variante zu wählen. Kein Bühnenbild, keine Kostüme lenkten ab von Beethovens Musik. Und nur gut, dass das Orchester einmal nicht im Orchestergraben verschwand und unter der Leitung von Raoul Grüneis die Gesangspartien nicht nur begleitete, sondern vorantrieb. Gewöhnungsbedürftig zwar der schmucklose Bühnenhintergrund mit sichtbarem Heizkörper - aber das Kellerverlies war bestimmt auch nicht schöner.

Das Ende der Oper ist schnell erzählt: Pizarro will den Gefangenen töten, Leonore geht mit Pistole dazwischen. Da erscheint der Minister, Florestan ist gerettet. Doch Leonore belässt es nicht bei diesem Happy End. Der Bösewicht, so ruft sie, wird immer wieder auftauchen. Transportiert das bombastische Finale nur die "namenlose Freude" der Liebenden, oder auch den Verzweiflungsschrei derer, die noch gefangen sind? Die Entscheidung muss der Zuhörer treffen. Keine Ausreden.

Nächste Aufführungen"Fidelio" ist unter anderem am 30. Januar sowie am 7. und 29. Februar in Freiberg zu erleben.

www.mittelsaechsisches-theater.de

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