Fotograf Kurt Buchwald: Der in die Röhre guckt

Kurt Buchwald ist einer der außergewöhnlichsten Fotografen Ostdeutschlands - nicht nur, weil er sich und anderen das Fotografieren manchmal verbietet. Die Neue Sächsische Galerie zeigt einen repräsentativen Querschnitt aus seinem Werk.

Chemnitz.

Kühlungsborn hat Kurt Buchwald vielleicht in nicht so guter Erinnerung. 1994 stellte er dort mit einem Helfer 37 "Fotografieren verboten!"-Schilder auf und überwachte die Einhaltung dieses Verbots, bis die Kurverwaltung samt Bürgermeister einschritt: Die Gäste würden abreisen, das Image des Ostseebades leiden. Passanten fanden, so hat es Kurt Buchwald protokolliert, die Schilder "treiben einen Keil in die deutsche Einheit" und "... die haben den Strand verkauft und wollen keine Fotos mehr", aber auch "endlich mal ein bisschen Humor unter den vielen Dummköpfen und Spießern".

Manche hätten sich vielleicht noch mehr gewundert, wenn sie gewusst hätten, dass Buchwald eigentlich Fotograf ist - allerdings einer, der den Fotos von Anfang an misstraut hat. Wie er überhaupt vielem misstraut, was offensichtlich zu sein scheint. In der Neuen Sächsischen Galerie Chemnitz sind nun Versatzstücke der Aktion und viele weitere Dokumente und Objekte von Auftritten des umtriebigen Künstlers in einer repräsentativen Ausstellung unter dem Titel "Umkehrung der Sicht" zu sehen.

Kurt Buchwald ist Gründer des "Amtes für Wahrnehmungsstörung" mit seinem Ableger, der "Deutschen Wacht". Das Amt schließt "Wahrnehmungsverträge" mit Menschen ab, die bereit sind, sich wahrnehmen zu lassen. Er gründete die "Partei der Röhrenmenschen" - für Menschen, die in die Röhre gucken oder aus ihr heraus oder aber dem Tunnelblick verfallen sind. Er befahl schon 1998 mittels Straßenschildern (und vergeblich) den "Volksaufstand", wofür sich "alle Arbeitnehmer und Arbeitgeber, ... Linke und Rechte, ... alle Schichten, Gruppen und Einzelpersonen" mit Vorschlägen melden konnten, während das "provisorische Büro" per Losentscheid den Zuschlag für eine Protestbewegung erteilt, die natürlich "spontan und unerwartet" eintreten muss. Kurt Buchwald ist der Erfinder von OM-Stationen, Beobachtungskästen für "offizielle Multiplikatoren", die durch schmale Sehschlitze, aber eben ganz offiziell, ihre Mitmenschen beobachten können, ohne sich hinter der Gardine zu verstecken.

Er warnte die Berliner vor dem "Roten Springer", einer Barschart, die angeblich aus dem Wasser springt und Menschen beißt. Mit seinen "Blenden", Metallplatten in verschiedener Form, die er vor Fotomotive platzierte, bewies er, dass man mit Fotos zwar etwas abbilden kann, was aber noch lange nicht heißt, dass dies die Realität ist oder irgendeinen Erkenntnisgewinn bringt. Deshalb bekannte Buchwald ganz offen: "Ich habe eine Scheibe", und er setzte ihr ein Denkmal, indem er sie wiederum für seine Fotos nutzte, die dann im Wesentlichen auch nur die Scheibe zeigten.

Angefangen hat der 1953 in Lutherstadt Wittenberg geborene Kurt Buchwald mit Videokunst ohne Videorekorder - weil es die in der DDR einfach nicht gab. Stattdessen beschäftigte er sich mit Fernsehbildern, Bildstörungen und dem Fernsehgerät, das er schon damals eher als ein Mittel der Wirklichkeitsverfälschung, wenn nicht gar der Entwirklichung empfand, denn als ein Mittel der Teilnahme an Wirklichkeit. Kurt Buchwald absolvierte von 1976 bis 1981 ein Ingenieurstudium an der Technischen Hochschule Karl-Marx-Stadt. Hier kam er auch mit der Clara-Mosch-Gruppe und anderen Karl-Marx-Städter Künstlern wie Klaus Hähner-Springmühl in Kontakt. 1989 bis 1991 war Buchwald Meisterschüler bei Lothar Reher an der Berliner Akademie der Künste.

Zunächst hatte der Künstler eigene, mehr oder weniger solitäre Kunstaktionen dokumentiert: die Verbrennung oder Verschüttung eines Fernsehers; er hatte die Augustusburger Drahtseilbahn mit Zeichen versehen und fotografiert. Der Realität in der DDR stellte er deformierte Gegenwelten gegenüber. Er verfiel weder dem schönen noch dem hässlichen Schein, verstellte den Blick, der ohnehin nicht offen war, in einer reglementierten Gesellschaft - eine Methode, der Kurt Buchwald auch nach 1990 treu blieb. Unermüdlich behinderte er den und schuf er Gelegenheiten für den Durchblick, porträtierte Kollegen wie Olaf Wegewitz, Osmar Osten und Angela Hampel bis zur Unkenntlichkeit, erfand Geräte, die die Wahrnehmung verengen oder erweitern, Versuchsanordnungen, die zur Benutzung reizen wie verstören, den Postkartenblick verhunzen und so die Welt als ein Gleichnis all ihrer Unvollkommenheit zeigen. Als wollten sie sagen, dass die Welt noch viel unvollkommener ist, als es Künstler je zeigen können und dass es für diese Unvollkommenheit in der wirklichen Realität manchmal gar nicht so viel mehr braucht als nur die absurde, egozentrische, inhumane Idee eines einzigen Menschen.

Die Ausstellung "Umkehrung der Sicht" mit Arbeiten von Kurt Buchwald ist bis 16. Juni in der Neuen Sächsischen Galerie Chemnitz zu sehen. Geöffnet ist donnerstags bis montags von 11 bis 17 Uhr und dienstags von 11 bis 19 Uhr.

nsg-chemnitz.de

 

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