Friedensverhandlungen im Bällebad

Das neue Schauspielstudio des Theaters Chemnitz feiert mit "Der Frieden" seinen Einstand. Es ist eine Inszenierung vom Kleinen Mann, der sich mit den Göttern anlegt.

Chemnitz.

Satt hat er es, der Bauer Trygaios. Also entscheidet er, nicht mehr nur der Leidtragende in den Kriegswirren seiner Welt zu sein, aus denen er keinen Nutzen ziehen kann. Er mästet und dressiert einen Mistkäfer und macht sich auf zum Olymp, um die Friedensgöttin zu befreien. Doch will seine Welt den Frieden überhaupt? Schließlich verdienen einige nicht schlecht am Krieg.

Die Frage stellten sich nicht nur der antike Dichter Aristophanes, der das Stück "Der Frieden" schrieb, und der ostdeutsche Dramatiker Peter Hacks, der es übersetzte und zur Parabel auf den Kalten Krieg stilisierte. Auch das neue Schauspielstudio des Chemnitzer Theaters nimmt sich des Themas mit seiner ersten Inszenierung an. Dafür wurde von Jan Klammer eine großartige Kulisse geschaffen. Das Spiel findet nämlich komplett in einem riesigen Bällebad statt, in denen die Köpfe kaputter Götterstatuen liegen, auf denen die Spieler sitzen und turnen.

Zwei große mobile LED-Wände schaffen Raum und wechselnde Lichtstimmungen und eine Kleiderstange am Rand hilft beim Wechsel der Rollen, den Dorothea Röger und Vinzenz Wegmüller von der Anton-Bruckner-Privatuniversität Linz sowie Nina Viten und Julian Laybourne von der Zürcher Hochschule der Künste permanent und rasant vollziehen. Denn wer gerade was ist, wird immer wieder neu ausgehandelt. Männer, Frauen, Menschen, Geschlechtsidentitäten, Götter - oder auch Mistkäfer, alles ist Verhandlungssache. Manchmal balgen sich die Spieler sogar um die Hauptrolle des Trygaios.

Das Ensemble, unter der Regie von Franko Jack, sieht vieles eher locker. Die derbe und volksnahe Handlung, der teils schwülstige Text, wird gebrochen, gebrüllt, von lauter Musik übertönt und wenn man einen Burger im Mund hat, verliert auch der leidenschaftlichste Friedensappell seinen Pathos. Überhaupt zeigt die Inszenierung erfrischend wenig Respekt vor Vorlage und Obrigkeit. Die Götter haben den Olymp verlassen, Hermes lässt sich mit Schinken bestechen, die Friedensgöttin lässt sich bitten und die Obrigkeiten auf der Erde werden als tattrige Waschlappen gezeigt. Die Inszenierung von "Der Frieden", die am Samstag im Chemnitzer Ostflügel Premiere feierte, geriet zumindest unterhaltsam. Was jedoch fehlte, war Biss. Als Hacks Nachdichtung des Stückes 1962 am Deutschen Theater Ostberlin Premiere feierte, war der Kalte Krieg Gegenwart. Das Stück traf den Nerv der Zeit. Es wurde zum vollen Erfolg. Heute jedoch hat das Theater kaum mit Zensur zu kämpfen. Viele Diskurse sind Meilen vorangeschritten. Daher wirken Hacks Worte teils altbacken, ebenso die Handlung vom Bauern, der den Frieden in die Welt bringt, die den eigentlich kaum haben will. Vom Kleinen Mann, der das Ruder umreißt. Heute weiß das Publikum: Die Welt ist komplexer. Kein Wunder, dass die Friedensverhandlungen im Bällebad stattfinden, als bildgewordene Reduktion des Problems, als Spielwiese. Lösungen wurden keine geboten, die Ratlosigkeit wurde jedoch prägnant in Szene gesetzt. Am Ende sollen dann alle noch was Lustiges singen. Klappt nicht ganz, gesungen wird, aber alle heulen wie die Schlosshunde.

Nächste Aufführungen 5. und 8. Oktober, 20 Uhr, im Ostflügel des Chemnitzer Schauspielhauses. www.theater-chemnitz.de

0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...