Geliefert wie bestellt - Wurde Ostdeutschland kolonisiert?

Lässt sich Ostdeutschland als Kolonie des Westens verstehen? Mit dieser Fragestellung provozierte eine Tagung in Dresden, verweigerte aber eine einseitige Opfererzählung.

Dresden.

Es war ein Aufschrei, den Thomas Krüger, Chef der Bundeszentrale für politische Bildung mit DDR-Bürgerrechtler-Vergangenheit, vor zwei Jahren auslöste, als er in einem Interview mit der "Berliner Zeitung" von einer "kulturellen Kolonialisierung" Ostdeutschlands sprach. Jetzt machte das Dresdner Institut für Kulturstudien in Kooperation mit dem Sächsischen Industriemuseum den provokanten Begriff zum Tagungsthema, allerdings mit Fragezeichen: "Kolonie Ost? Aspekte von ,Kolonisierung' in Ostdeutschland seit 1990." Wegen des unerwartet großen Interesses wurde die Debatte kurzfristig vom Riesa-Efau Kulturforum in einen Saal der Sächsischen Landesbibliothek verlegt.

Die Kolonialisierung des Südens ging in historischer Perspektive mit Verbrechen gegen die Menschlichkeit einher. "So etwas habe ich hier nicht erlebt", stellte Michael Schindhelm, Chef der Dresdner Kulturhauptstadt-Bewerbung 2025, zu Anfang klar. In Deutschland könne man vielleicht von einer "Kolonisierung" sprechen: friedliche Übernahme, dann Transfer politischer, sozialer und wirtschaftlicher Güter. Insgesamt hätten Deutschland und die Deutschen durch die Wiedervereinigung sehr viel gewonnen.

Es gehe um die Rettung der Empirie, des Erfahrungswissens, vor den vielen "Fehl- und Ferndiagnosen über Ostdeutschland, die viel Flurschaden anrichten", sagte Paul Kaiser, der Organisator der Tagung. Zum mangelnden Basiswissen über ostdeutsche Lebensformen komme eine unzureichende Repräsentation der Ostdeutschen sowohl im Diskurs als auch an den praktischen Schalthebeln der Gesellschaft. Ostdeutsche sähen sich in der Öffentlichkeit oft bloß zu "Zeitzeugen und Leserbriefschreibern" degradiert.

Tatsächlich sei nur ein Viertel bis knappes Drittel der derzeitigen ostdeutschen Eliten im Osten sozialisiert, bei einem Bevölkerungsanteil von 85 Prozent, bestätigte Raj Kollmorgen, Soziologieprofessor der Hochschule Zittau/Görlitz. Bei allen Problemen fehlender Daten und wissenschaftlich korrekter Abgrenzung, was heute überhaupt ein "Ostdeutscher" sei: "Was sagt uns diese Tatsache über die hier abgelaufene Transformation?"

Völlig offensichtlich ist es für die Experten, darunter Thomas Krüger, dass der Beitritt Ostdeutschlands zur Bundesrepublik mit klassischem Kolonialismus nichts zu tun hat. Ohnehin sei eine Analogie nie als Gleichsetzung zu verstehen, unterstrich die Berliner Migrationsforscherin Naika Foroutan. "Analogien heben bestimmte Aspekte hervor: hier ähnelt sich etwas, das schauen wir uns genauer an." Foroutan hat gerade Ergebnisse einer vergleichenden Studie über Abwertungserfahrungen von Muslimen und Ostdeutschen vorgelegt, die ihren Begriff einer "Migrantisierung der Ostdeutschen" untermauert. Ostdeutsche und Muslime sähen sich durchaus vergleichbaren Vorurteilen und Stereotypen ausgesetzt. So werde beiden Gruppen vorgeworfen, eine Opferhaltung einzunehmen und sich ungenügend vom Extremismus zu distanzieren. "Das Narrativ vom ,Jammerossi' macht dabei Ungleichheiten unsichtbar, und es delegitimiert die Beschwerde."

Dass Ostdeutsche sich häufig immer noch als "Menschen zweiter Klasse" verstehen, berichtete die sächsische Gleichstellungs- und Integrationsministerin Petra Köpping (SPD) aus ihrer jahrzehntelangen politischen Erfahrung in den Jahren der Umgestaltung. Die ungenügende Aufarbeitung der 90er-Jahre und mangelndes Interesse an den Lebenserfahrungen der Ostdeutschen lasse Mythen entstehen und verfestige die Spaltung, glaubt sie. Migrationsforscherin Foroutan erinnerte an das Gleichheitsversprechen des Grundgesetzes, Artikel 3, das "irritiert" werde, wenn jeder zweite Ostdeutsche den Eindruck habe, mehr leisten zu müssen für ein gleiches Maß an Anerkennung. Das stelle die Grundfesten der Demokratie in Frage. Ein solches Gefühl der Benachteiligung gehe, das zeige die Forschung, auch mit dem Wunsch einher, andere benachteiligte Gruppen nicht an sich vorbeiziehen zu lassen. Foroutan spricht hier vom "Kampf um den zweiten Platz".

Kulturmanager Michael Schindhelm, der auf Berufsjahre unter anderem in der Schweiz und in Dubai zurückblickt, rät dazu, die eigenen Verletzungen nicht überzubetonen: "Umstürze wie 1990 haben einfach Auswirkungen, die über Generationen spürbar bleiben. Das gibt es auch in anderen Ländern: Nord- und Süditalien wachsen seit 150 Jahren nicht zusammen. Wir sollten das nicht verabsolutieren." Zugleich beobachtet Schindhelm an sich selbst, dass er immer noch als "Sonderdeutscher" wahrgenommen wird. Während Westdeutsche einfach nur Deutsche seien, werden Ostdeutsche immer auch als Ostdeutsche wahrgenommen. "Das ist diese doppelte Identität, die niemand gesucht hat und mit der viele, so auch ich, gar nichts anfangen können. Für mich war die DDR nie Heimat, sondern nur ein Heimat-Surrogat."

Nach 1990 sei eine "Kolonisierung" am ehesten in der Wirtschaft zu erkennen gewesen, glaubt Christoph Links, Berliner Verleger, der die Transformation in der Buchbranche akribisch untersucht und beschrieben hat. "Etwa 80 Prozent der Ostindustrie gingen nach 1990 kaputt. Heute besitzen Ostdeutsche nur fünf Prozent am produktiven Kapital hierzulande. Die Bundesrepublik steckte 1989/90 in einer Überproduktionskrise und erlebte dann bis Mitte der 90er-Jahre eine Vereinigungskonjunktur. Im Osten wurden produzierende Einheiten klein- und plattgemacht. Man wollte keine Konkurrenz. Ostverlage wurden bewusst an Westverlage mit ähnlichen Programmen verkauft. Irgendwann holten die dann die Rechte ins Mutterhaus und wickelten den Laden ab. In der Verlagsbranche gingen 90,9 Prozent der Arbeitsplätze verloren. Der westdeutsche Buchmarkt hatte zu jener Zeit Wachstumsraten von 12 bis 15 Prozent. Ausländische Übernahmeinteressenten kamen nicht zum Zuge, Investitionszusagen wurden nie überprüft. Die westdeutschen Übernehmer hatten die Immobilien und die Rechte und mussten die Zusagen nicht halten."

Das sei nun allerdings zu "glatt", wandte Raj Kollmorgen ein: "Der Großteil der Ostbetriebe war am Markt nicht überlebensfähig, das gehört zu der Geschichte. Und es gab einen Wohlstandstransfer, den wir nicht vergessen wollen." Mit der Vereinigung, die ja ein willentlicher Beitritt war, sei unausgesprochen ein Gesellschaftsvertrag geschlossen worden: "Wir lassen uns ent-eignen und kaufen dafür den Wohlstand des Westens." Jene Parteien, die diesem Tausch kritisch gegenüberstanden, hatten bei den Wahlen im März und Dezember 1990 tatsächlich schlecht abgeschnitten.

Die damalige Entscheidung für den Kapitalismus, so Thomas Krüger, war auch eine Entscheidung für Praktiken, sprich: Machtpraktiken des Kapitalismus. Das gelte es zu reflektieren, wenn von der "Kolonisierung des Ostens" die Rede ist.

Bewertung des Artikels: Ø 3.3 Sterne bei 3 Bewertungen
4Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 1
    0
    Malleo
    12.04.2019

    Saxxon
    Meine (positive) Antwort mit weiteren Ergänzungen wollten die Administratoren nicht platzieren.
    Warum wissen nur sie.

  • 13
    4
    saxon1965
    11.04.2019

    @Malleo: Ich denke es geht den Wenigsten um Larmoyanz, sondern ganz einfach um Gerechtigkeit. Ich gebe ihnen aber Recht, dass "wir" es ja so gewollt haben.
    Fast 30 Jahre später muss es jedoch auch erlaubt sein, dass man seine Sicht auf die Dinge teilweise revidieren muss. Leider muss man unseren "Brüdern und Schwestern aus dem Westen" eine gewisse Kolonialherrenmentalität attestieren.
    Was damals mit der Treuhand alles so gelaufen ist dürfte, wenn nicht verjährt, noch heute strafrechtlich relevant sein. Auch haben wir erlebt, wie Arroganz und Ignoranz sich heute rechen und das "nicht alles beileibe schlecht war", was vorsätzlich zerstört wurde.
    Und wie ich immer sage, erfindet man so manches Fahrrad wieder neu, nur leider dieses Mal mit eckigen Rädern.

  • 10
    1
    Malleo
    11.04.2019

    Der Beitrag setzt sich wohltuend von jenen Ergüssen ab, die Herr Hofmann im Ostismus von sich gab.
    Den letzten Satz könnte man ergänzen mit..
    Wir haben es so gewollt und der historische Sieger (dazu getan haben die Sieger persönlich recht wenig) bestimmt die Regeln.
    Das kann man auch Kolonialisierung nennen.
    Ich sage, wenn das Wasser bis zur Unterkante Unterlippe steht, darf man sich nicht aufregen, dass das Wasser schal schmeckt!
    Für mich gab es allerdings genügend Gelegenheiten mich im Beruf auf Augenhöhe zu bewegen.
    Ob das in jedem Fall auskömmlich honoriert wurde, muss jeder für sich selbst entscheiden, der diese Herausforderung suchte (und sie auch bekam!!)
    Ich kenne das Wort Larmoyanz nicht.

  • 16
    3
    Freigeist14
    11.04.2019

    Christoph Links spricht aus ,wie die "feindliche Übernahme " der DDR-Verlage ablief .Bis aus sein Haus, den Eulenspiegel-Verlag und dem Lehmstedt-Verlag liegen nahezu a l l e überregionalen Verlage in westdeutschen Händen . Und wenn ein Herr Kollmorgen den Wohlstandstransfer nach dem Osten erwähnt sollte er nicht den Vermögenstransfer in die andere Richtung verschweigen .



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