Gezeichnete Giganten

"Gilgamesch", "Edda" oder "Odysseus" - etliche Comic-Neuerscheinungen arbeiten sich an Mythen ab und befeuern den aktuellen Retropia-Trend, sich am Gestern zu orientieren.

Berlin.

Die Geburt der Zivilisation durch Mauerbau: Uruks Wälle werden hochgezogen, die erste Stadt der Menschheit steckt ihr Hochkulturareal von der Wildnis ab. Gilgamesch heißt der legendäre Herrscher der Sumerer, dem der Mythos diese Tat zuschreibt. Gleichnamiger Epos gilt als ältestes literarisches Werk, fantasievoll ist es allemal - und verräterisch. Denn mit Enkidu wird Gilgamesch ein sogenannter wilder Mann als Gefährte zur Seite gestellt: Dieser Urmensch soll den König an seine kreatürliche Seite erinnern. Damit steht die Janusköpfigkeit des Menschen als Natur-Kultur-Wesen am Beginn der Überlieferung, was "Gilgamesch" zum Muss für Jens Harder macht. Denn der Zeichner beschäftigt sich seit Jahren mit der Widerstandslinie Mensch-Natur, der Evolution und Humangenese. Aber er ist nicht der einzige Comickünstler, der derzeit am Urgrund des Mythischen rührt. So haben soeben auch mit Søren Glosimodt Mosdal und Andreas Kiener zwei weitere Autoren Arbeiten vorgelegt, die den Blick weit zurück richten.

Kieners eher humoristisch gehaltenes Bildalbum lässt die Geschichte von Odysseus aus der Perspektive eines Dieners lebendig werden. Ganz so Helden verehrend wie bei Homer geht es dabei nicht zu, wenn die Idee zum Holzpferd einem Sklaven zugeschrieben wird und der Ithaka-Herrscher eher den Rockzipfeln statt Schwertern zuneigt. Mosdal erzählt mit "Nastrand" ("Leichenstrand") eine düstere Geschichte aus der "Völuspá", der in der Sagen-Sammlung"Edda" enthaltenen "Weissagung der Seherin" als Comic-Parabel. Holzschnittartig zieht sich die Eisgebirgslandschaft über mehrere Schwarz-Weiß-Seiten dahin. Dann werden in der unwirtlichen Gegend zwei Personen sichtbar, die durch feinere Linien gezeichnet sind, aber auch kantige Aufwürfe bleiben. Sie werden als die junge Frau Deirdre und ihr Meister Thorke vorstellig. Harte, stark gesetzte Krakel umgeben die beiden als ausdrucksstarker Zickzack, während sie den Strand der Toten abstapfen. Eigentlich sollten beide in Walhalla, der Halle der Gefallenen, sitzen, saufen und sich schmutzige Witze erzählen. Doch nun sind sie im Zwischenreich gelandet, wo nur die Diebe und Betrüger eine zombiehafte Existenz fristen müssen. Was lief schief? Mosdals hoffnungslose Protagonisten erklettern den Weltenbaum Yggdrasil, werden von der Unterweltherrscherin Hel und ihrem Höllenhund verfolgt. Man taucht ein in ein finsteres Mittelaltermärchen, dem so alles Heroische fehlt, das die Popkultur üblicherweise mit den Wikingern verbindet.

Zurück zu Jens Harder: In seiner Serie "Leviathan", einer "Moby-Dick"-Adaption mit mythologischen Elementen, ringt ein Wal mit verschiedenem Seegetier. Menschen in Booten treten auf, ein Titanenkampf beginnt, der symbolisch steht für den Widerspruch von Natur und Technik. Sein "Gilgamesch" nun ist wie ein Mosaik aus Steintafeln gestaltet. Der in Fußleisten organisierte Text orientiert sich an drei Übersetzungen. Die Zeichnungen wirken wie eine modernisierte Form assyrischer Reliefe, sowohl formal wie inhaltlich. Deutliche Outlines, zurückhaltende Schattierungen und sandfarbener Ton zitieren die mesopotamische Ästhetik, die typische Maskenhaftigkeit und Statik der Figurendarstellung halten die antike Anmutung lebendig. Harder hat eine fantastische Urerzählung ins Heute transportiert, ihren Charakter erhalten, nur des Staubes entkleidet.

Alle drei Alben bergen jenseits ihrer jeweiligen Güte die Frage in sich, warum das Mythische wieder aufkommt. Utopische Fiktion fristet seit langem ein Nischendasein, während schweiß- und blutreiche Motive des Archaischen im Fantasy- und Pseudomittelalter-Genre zum Standard gehören. Das Comic-Universum ist bevölkert von solch barbarisch-fantastischen Welten. Zumeist aber dienten sie der actionreichen Unterhaltung. Die Hinwendung zu den Urstoffen der Menschheit ist da von anderer Qualität. In ihnen kommt ein allgemeiner Trend dieser Zeit zum Ausdruck, sich angesichts der Verunsicherungen der Gegenwart mit dem Zugriff auf Überlieferung selbst zu vergewissern. "Retropia" nannte der im vergangenen Jahr verstorbene Soziologe Zygmunt Bauman den dieser Tage verbreiteten Blick in den Rückspiegel der Geschichte. Ausgelöst vor allem durch ein neoliberal inszeniertes Alle gegen Alle erscheinen vergangene Zeiten als Heilsversprechen, auch wenn es damals gar nicht so muggelig war, wie man glaubt. Imaginierte Gemeinschaften wie die Nation werden zum letzten Bollwerk erklärt, wenn man nicht gleich wieder das Stammesfeuer der Sippe sucht. Das enge Wir schließt alle anderen aus. Zugleich katapultieren wir uns (a-)sozial in ein neues Feudalwesen, wo Ungleichheit zur akzeptablen Größe wird. Und weil das alles so unübersichtlich ist, schotten wir uns auch noch mental ab in der Blase unserer Peergroup.

Leicht resigniert schloss Zygmunt Bauman: "Es gibt keine Abkürzungen, die zu einer raschen und mühelosen Eindämmung der 'Zurück zu'-Strömungen führen. ... Die vor uns liegende Aufgabe, die humane Integration auf der Ebene der gesamten Menschheit wird sich vermutlich als beispiellos anstrengend, beschwerlich und problematisch erweisen ... Mehr als zu jeder anderen Zeit stehen wir, die menschlichen Bewohner des Planeten Erde, vor einem Entweder-Oder: Entweder wir reichen einander die Hände - oder wir schaufeln einander Gräber."

Vielleicht kann man den Comic-Arbeiten am Mythos daher auch etwas Positives abgewinnen. Sie erinnern an die Mühen der Menschwerdung und dass die Welt nicht automatisch besser wird. Und sie dienen nicht wie manche andere Geschichtsklitterung - der Dreißigjährige Krieg etwa wird derzeit zur "Urkatastrophe der Deutschen" umgedeutet - der Damals-Glorifizierung.

Buchtipps Jens Harder: "Gilgamesch", Carlsen-Verlag, 144 Seiten für 24,99 Euro.

 

 

 

 

 

Søren Glosimodt Mosdal: "Nastrand", Edition Moderne, 64 Seiten, 18 Euro.

 

 

 

 

 

Andreas Kiener: "Odysseus", Edition Moderne, 112 Seiten, 24 Euro.

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