"Glaube nicht alles, was Du denkst"

Ein Rhetorik-Profi erklärt, warum viele Menschen auf Fake News hereinfallen und wir eine Toleranz für Unsicherheit brauchen

Alle Asylbewerber sind Abschiebe-Saboteure: Dass es immer wieder Falschmeldungen wie diese gibt, liegt nicht nur an ihren Verfassern, sondern auch an denen, die sie glauben wollen und weitererzählen, sagt Kommunikationscoach Jürgen Rixgens. Wieso das so ist, darüber sprach Susanne Plecher mit ihm.

Freie Presse: Herr Rixgens, Fake News sind oft gut gemacht. Wie kann ich ausschließen, dass ich darauf hereinfalle?

Jürgen Rixgens: Nachrichten, denen wir ohnehin misstrauen, sind nicht das Problem. Umgekehrt wird es schwierig. Bei den Nachrichten, die meinen Vorstellungen und Glaubenswelten entsprechen, ist Skepsis angebracht. Dann sollte ich mir die Mühe machen, die Quelle zu prüfen, zu überlegen, woher die Nachricht kommt und wessen Interessen dahinterstecken. Die wichtigste Frage ist: Wem nutzt es? Wenn ich eine Studie lese, in der steht, dass Nudeln gut sind, und finde heraus, dass die Nudelindustrie der Auftraggeber ist, kann ich den Wahrheitsgehalt besser einordnen. Auf einem Plakat in meinem Büro steht der Satz "Glaube nicht alles, was du denkst." Das ist ein gutes Motto. Man sollte mehrere Seiten ansehen, bevor man sein Urteil fällt.

Und wie reagiere ich auf jemanden, der Falschmeldungen weiterposaunt?

Ich empfehle, nachzufragen, eine offene, Unschuld vermutende Neugier zu zeigen. Vielleicht weiß ja auch ich zu dem Thema etwas noch nicht. Wir können und müssen nicht immer alles wissen und sofort eine eigene Meinung entgegenschleudern.

Sie sagen, dass es Fake News leicht haben, weil es genügend Leute gibt, die sie hören oder lesen wollen. Warum denken Sie das?

Weil wir das bestätigt bekommen wollen, was wir bereits glauben. In der Psychologie wird das Bestätigungsfehler genannt. Wenn wir zum Beispiel der Meinung sind, dass Homöopathie gut ist, nehme ich jede Nachricht pro Homöopathie sehr wohlwollend auf und prüfe sie nicht. Aber auch der Empfänger einer Nachricht hat eine gewisse Verantwortung. Und da lassen sich Leute gerne belügen, weil es ihnen nicht bewusst ist, dass etwas wiederholt wird, vielleicht auch deutlicher oder im Stammtischformat, was sie ohnehin schon glauben.

Warum suchen sie diese Bestätigung?

Die Welt ist so komplex geworden, viele Entwicklungen kann man gar nicht mehr nachvollziehen - und hat auch nicht das Gefühl, dass man sie versteht. Darin liegt die Problematik. Denn in diesem Gefühl der Unsicherheit bin ich froh, wenn ich eigene Meinungen habe, die bestätigt werden. Ich brauche Gewissheit, in ihr finde ich psychologischen Halt. Doch zwischen Wahrheit und Gewissheit müssen wir scharf unterscheiden.

Finde ich diese Gewissheit darin, dass andere etwas genau so sehen wie ich?

Ja, genau. Psychologen nennen das Groupthink, das Gruppendenken. Leute innerhalb einer Gruppe glauben die Dinge, die ihre Gruppe vertritt, immer mehr. Glauben wird zur Gewissheit. Was andere Gruppen denken, ist falsch. Das ist sehr gefährlich.

Wie erklären Sie sich das?

Evolutionsbiologisch. Wir waren immer in kleinen Gruppen unterwegs, in denen man zusammengehalten hat. Der Fremde von außen war ganz häufig der Feind. Ich denke, dass dieses Gefühl immer noch im Menschen steckt. Er hat ein psychologisches Grundbedürfnis nach Sicherheit. Wenn er sich in Gefahr sieht, neigt er dazu, zu glauben, was das Gefühl ihm vorgibt. Wenn sich dann noch Menschen im öffentlichen Bereich entsprechend äußern, bekommt dieses Gefühl Rückendeckung.

Meinen Sie damit übertreibende oder lügende Politiker?

Ja. Das sind Dinge, die mich momentan sehr umtreiben. Nicht nur die Art, wie Donald Trump mit der Wahrheit umgeht, sondern auch, wie hochrangige Politiker in Deutschland zum Beispiel über die Situation der Geflüchteten sprechen, finde ich sehr gefährlich.

Worin sehen Sie die Gefahr?

In der Sprache, in den Begrifflichkeiten, die gewählt werden. Manchmal werden Ausdrücke verwendet, die negativ besetzt sind. Wenn Horst Seehofer Begriffe wie "die Herrschaft des Unrechts" bemüht, beflügelt er bei seinen Zuhörern etwas. Diese Formulierung verwendet seine Partei sonst für Diktaturen. Oder wenn Markus Söder von "Asyl-Touristen" spricht. Das kann man doch so nicht sagen. Dann denken die Leute: "Wenn der das sagen darf, dann darf ich das auch." Dann werden solche Aussagen salonfähig gemacht. Anderes Beispiel: Die Washington Post hat einmal nachgerechnet und aufgelistet, dass Donald Trump 77 Falschaussagen an einem einzigen Tag gemacht hat. Das führt dazu, dass sich Leute ein Vorbild daran nehmen und es mit der Wahrheit auch nicht mehr so genau nehmen. Gleichzeitig gibt es ein psychologisches Grundbedürfnis danach, dass bestimmte Dinge einfach gelten, dass es Dinge gibt, auf die man sich verlassen kann. Mittlerweile gibt es da eine gewisse Verunsicherung, eine Ohnmacht, weil man nicht mehr weiß, was noch stimmt.

Als wie gravierend empfinden Sie die Situation?

Wenn Autoren wie Axel Hacke Bücher schreiben wie "Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen", dann ist schon etwas im Fluss. Es wird langsam Zeit, darauf hinzuweisen, dass es wieder anders gehen muss, dass hier bereits etwas aus dem Ruder läuft. Wenn ich aber darauf komme, dass gelogen wird, wird die Verunsicherung noch größer. Bei der Wahl in den USA hat Trump behauptet, Hillary Clinton sei eine Lügnerin. Er hat das so oft wiederholt, dass das viele geglaubt haben, sogar hier in Deutschland. Wenn sich Politiker zu so etwas hinreißen lassen, wird es schwierig. Es gibt auf der einen Seite Fakten und auf der anderen Seite Meinungen. Jeder hat ein Recht auf eine eigene Meinung, aber niemand hat ein Recht auf eigene Fakten. Das ist ganz deutlich zu unterscheiden.

Wie gehe ich denn am besten mit solchen Äußerungen um?

Nicht nachreden. Sonst wird die Lüge wiederholt und bekommt noch mehr Gewicht. Entscheidungen mit Tragweite bitte unbedingt prüfen, andere Meinungen anhören. Schon die alten Griechen wussten das. Xenophanes, der Vorsokratiker, sagte einmal: "Sollte einer auch einst die vollkommenste Wahrheit verkünden, wissen kann er es nicht. Es ist alles durchwebt von Vermutung." Wir sollten eine Toleranz für Unsicherheit entwickeln. Denn es gibt nicht für alles eine Sicherheit.

Das stelle ich mir schwierig vor.

Ja, aber man kann ja mal klein anfangen. Wir sind häufig so schnell mit unseren Formulierungen und verwechseln Fakten und Meinungen. Sich mal wieder darüber im Klaren zu werden, ist ein sehr guter Ansatz.

Kann eine bewusste Wortwahl helfen, anders zu denken?

Ja, wenn wir Steuerzahler sind, klingt das negativ. Wenn wir uns aber als Leistungserbringer für die Gesellschaft sehen, ist das etwas anderes. Der Begriff "Erneuerbare Energie" ist nicht sexy. Wenn ich aber von sauberer Energie spreche, meine ich das Gleiche, aber es wirkt positiver.

Wie merke ich, dass mir jemand ins Gesicht lügt?

Das ist schwierig, vor allem wenn der Lügner gut ist. Doch beim Durchschnittslügner gilt: Er verhält sich anders als normal. Wenn jemand plötzlich verschroben redet, der sonst knapp und klar spricht, stimmt etwas nicht. Entweder ist er sich seiner Sache nicht sicher, oder er muss etwas verschleiern. Das wird Pinocchio-Effekt genannt. Es gilt, die Leute genau zu beobachten, auf Augenkontakt, Mimik und Stimme zu achten. Was und wie es gesagt wird, sollte widerspruchsfrei sein.

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