Großes Kino

Hollywood, Shepperton, Cinecittá - Sehnsuchtsorte in der Welt des Films. Einer davon liegt ganz in der Nähe. Auf die Barrandov-Studios in Prag schwören alte Meister und aktuelle Stars. Und James Bond? War auch schon hier.

Prag.

Im August vorigen Jahres hieß es, Barrandov wäre abgebrannt. Ein Feuer habe die "legendären Kulissen" vernichtet. Manche der Berichte waren gloriose Nachrufe zu Lebzeiten: Eines der größten und besten Studios Europas sei verloren, das Set von "Amadeus", "Yentl" und, natürlich, "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel". Alles futsch. So schön das Lob, so übertrieben der Anlass. Nur eine Filmkulisse war abgebrannt. Sie steht längst wieder.

Barrandov, auf einem Plateau im Süden Prags gelegen, steht nicht nur für tschechische Filmkunst. Die Studios haben im Weltkino ihren Platz. Drei Faktoren begründeten Barrandovs Ruhm: ein visionärer Gründer, günstige äußere Bedingungen und ein Zustrom von Talenten, die das Studio groß gemacht haben.

Erbauer der Ateliers war Miloš Havel, ein Onkel des späteren tschechischen Präsidenten Václav Havel. In der Lucerna-Passage am Wenzelsplatz betrieb Miloš Havel ein Großkino, das 1929 als erster Saal in Tschechien auf Tonfilm umgestellt wurde. Im französischen Film "La vie en rose" von 2007, mit Marion Cotillard als Edith Piaf, ist die "Lucerna" als das Pariser "Olympia" zu sehen. Die Filme für sein Kino ließ Miloš Havel teilweise selbst in einer eigenen Produktionsgesellschaft im Stadtzentrum herstellen. Jakub Zika, Sprecher der Studios Barrandov, erzählt: "Als der Tonfilm aufkam, wurden die Aufnahmen vom Quietschen der vorbeifahrenden Straßenbahn gestört. Havel fuhr nach Hollywood und schaute sich moderne Studios an. Als er zurückkam, schuf er die Barrandov-Studios."

Schon vor dem ersten Spatenstich erfreute sich die Gegend am linken Moldauufer eines guten Rufs unter den Bessergestellten von Prag. Das erste Haus auf dem Berg waren die "Barrandov-Terrassen", von denen heute nur noch ruinöse Reste hinter einem Bauzaun stehen. "Die Terrassen waren ein Vergnügungslokal mit Bühne, Bar und einem Pool, in dem meine Großmutter, eine Sängerin, noch gebadet hat", erzählt Jakub Zika. Es fällt einem leicht, sich vorzustellen, dass ein Investor diesen Ort mit seinem Flusspanorama bald wieder aus dem Dornröschenschlaf erwecken wird.

Miloš Havel jedenfalls machte 1931 Nägel mit Köpfen: am 23. November, vor etwas über 85 Jahren, ließ er den Grundstein legen für den "Kristall auf der Spitze des Berges", der ihm vorschwebte. Architekt Max Urban schuf einen Komplex mit zwei Studios im Bauhaus-Stil, einem schlanken Turm in der Mitte und zwei Seitentrakten, die sich wie Adlerschwingen öffnen. "Havel dachte an Phoenix, der sich aus der Asche erhebt", erklärt Jakub Zika. Ein ikonisches Haus - das Wahrzeichen der Barrandov-Studios.

Havel war Eigentümer und Präsident der neuen Ateliers, überließ die Direktion aber anderen Leuten. Die ehrwürdige Stadt Prag und die Vielfalt und Schönheit der Umgebung boten beste Voraussetzungen für ansprechende Leinwandbilder. Von Beginn an entstanden auch Koproduktionen, mit zusätzlichen Geldgebern und auswärtigen Talenten. Schon 1933 wurden 20 Filme in Barrandov hergestellt. Die Studios gehörten zu den am besten ausgestatteten in Europa. Auch die deutsche Ufa, seit 1933 unter der Regie der NSDAP, mietete sie regelmäßig an.

Die deutsche Okkupation 1939 wurde zum tragischen Einschnitt in die aufblühende tschechische Filmkunst. Zwar investierten die Deutschen in die Ateliers und bauten 1943 einen neuen Hallenkomplex, die tschechischen Filmemacher aber wurden marginalisiert oder aus Barrandov herausgedrängt. Miroslav Cikán, ein vielbeschäftigter Regisseur der Vorkriegsjahre, drehte nun unter dem Namen Friedrich Zittau. Auch Martin Friè, nach dem im Studiogelände eine Straße benannt ist, fügte sich notgedrungen in die Verhältnisse. Friè hatte bei vielen deutsch-tschechischen Koproduktionen Regie geführt und drehte nach dem Krieg noch viele Filme. Er nahm sich das Leben, nachdem sowjetische Truppen den Prager Frühling niedergeschlagen hatten.

Miloš Havel wurde von den Deutschen gezwungen, seine Studios zum Spottpreis zu verkaufen. Die Nationalsozialisten fabrizierten einige ihrer berüchtigten Propagandafilme in Prag: "Carl Peters" mit Hans Albers zum Beispiel oder "Jud Süß" mit Heinrich George. NS-Propagandaminister Joseph Goebbels besichtigte die Ateliers im November 1940 und schrieb in sein Tagebuch: "Groß, modern und weitsichtig angelegt. Sie gehören zu 51 Prozent uns." Für seinen wirtschaftlichen Schaden beim Zwangsverkauf wurde Havel später nie entschädigt.

Die deutschen Publikumslieblinge der Zeit - Hans Albers, Heinz Rühmann, Hans Moser, Theo Lingen - standen alle in Barrandov vor der Kamera, häufig für Unterhaltungsfilme, die den Kriegsalltag vergessen machen sollten. Der Krieg allerdings traf auch die Filmproduktion. 1943 musste Helmut Käutner die Dreharbeiten zu dem Hamburg-Melodram "Große Freiheit Nr. 7", in dem Hans Albers "La Paloma" singt, nach Bombenangriffen auf Berlin und Potsdam in Barrandov beenden. Käutners Klassiker geriet so düster, dass der Film nur einige Male in Prag gezeigt wurde und dann von Goebbels aus dem Verkehr gezogen wurde. Die deutsche Uraufführung im September 1945 in Berlin gilt als erste Filmpremiere nach Kriegsende.

In Barrandov entstand auch das letzte Fragment eines Films aus NS-Produktion, wieder mit Hans Albers als Protagonist: "Shiva und die Galgenblume". Regisseur war der aus Marienberg im Erzgebirge stammende, als "Hitlerjunge Quex"-Macher berüchtigte Hans Steinhoff ("brauner als Goebbels und schwärzer als Himmler", soll O. W. Fischer ihm nachgesagt haben). "Shiva", eine banale Detektiv-Klamotte, hätte selbst in kleinsten Rollen mit namhaften Darstellern aufgewartet, denn die bewarben sich nach Prag, um dem absehbaren Untergang Berlins zu entgehen. Die Dreharbeiten begannen im Januar 1945. Sie endeten mit den Aufständen gegen die NS-Herrschaft und der Ankunft der Roten Armee. Steinhoff setzte sich nach Berlin ab und starb beim Absturz eines Flugzeuges, mit dem er nach Spanien entkommen wollte.

In der sozialistischen Zeit, dem dritten Akt in der Geschichte der Filmstadt, wurden die Barrandov-Studios verstaatlicht. Unter den Filmen der einheimischen Produktion, die sich bald auch in der DDR großer Popularität erfreuten, ragten die Werke der "Neuen Welle" heraus. Im politischen Tauwetter der 1960er Jahre spielten sie mit unangepassten, unkonventionellen Stoffen und Helden gegen Linientreue, Dogmatismus und den kommunistischen Fortschrittsglauben an. Die letzten Blüten dieser kreativen Explosion welkten nach dem Prager Frühling dahin. Danach waren es vor allem Märchen wie die "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" oder Koproduktionen des tschechischen Fernsehens mit dem WDR, die beim Publikum gut ankamen. Der Anzug von Otto Šimánek alias "Pan Tau" hängt noch heute im Fundus von Barrandov. Und die Kleider, die Libuše Šafránková als "Aschenbrödel" getragen hat, sind in einer Vitrine des kleinen Museums im Hauptgebäude zu sehen. "Tschechisches Kulturerbe", sagt Jakub Zika verschmitzt. "Jedes Jahr kommt jemand von der Regierung vorbei und schaut nach, ob die Kleider noch da sind."

Die Ära der großen US-Produktionen in Prag brach im Rückblick schon mit Barbara Streisands "Yentl" (1982) und Milos Formans "Amadeus" (1985) an. In "Mission Impossible" (1996) stürzt Jon Voight als Agentenchef von der Karlsbrücke. Und an einem der Tische im Café des Phoenix-Hauses, wo man heute beim Barrandov-Besuch einen Espresso trinken kann, sitzt Daniel Craig als James Bond in "Casino Royale". Der Prager "Bond", Craigs erster, ist einer von wenigen Bond-Filmen, die nicht vorrangig in den Pinewood-Studios gedreht wurden. 2006, als "Casino Royal" entstand, wurde in Barrandov auch die neueste Halle errichtet, mit den Ateliers 8 bis 10. Im britischen Film "Anthropoid" hat ein ganzer Prager Kircheninnenraum dort Platz gefunden.

Vom Serienboom der vergangenen Jahre profitiert auch Barrandov. In Deutschland wurden vor allem die "Borgias" bekannt. Die BBC produzierte eine Neuauflage der "Drei Musketiere". Geoffrey Rush (aus "Fluch der Karibik") steht derzeit als Albert Einstein für "Genius" vor der Kamera, die erste Serie des National Geographic Channel. Und im Freigelände, das 166.000 Quadratmeter umfasst, reiten Tempelritter für den US-History-Channel ("Knightfall").

Die Studios sind praktisch ausgebucht, sagt Jakub Zika, was den Eigentümer - seit 1992 die Stahlfirma Moravia Steel - freuen dürfte. Und weil inzwischen selbst der kleinste Raum im Atelierkomplex aus den Nähten platzt, wird weiter investiert: zurzeit in ein neues Haus für den Riesenfundus an Kostümen.

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