Guns N' Roses in Leipzig: Halleluja Hardrock

Als wäre die Zeit des Rocks stehengeblieben und niemand von den Fans wirklich gealtert: 40.000 Anhänger feiern auf der Festwiese sich und ihre alten Helden.

Leipzig.

Es ist ein Affront. Als am späten Samstagnachmittag Zehntausende Hardrock-Fans aufgekratzt zum Konzert von Guns N' Roses auf die Festwiese in Leipzig strömen, tut eine kleine Gruppe - bitteschön - was auf dem staubigen Platz neben der Arena? Posieren diese Leute vielleicht mit ihren Harleys oder Bierbäuchen? Nein. Sie spielen Boule. Inmitten dieses Großkonzertgewusels wirft eine Handvoll Menschen in aller Seelenruhe die Metallkugeln in den Sand. Unglaublich.

Schon wenige Meter weiter aber sind die ersten Buden zu sehen. Man presst sich durch die Gänge, trägt vornehmes Schwarz zum tätowierten Körper, läuft breitbeinig und versucht trotz aller Vorfreude ein bisschen grimmig zu gucken; ist ja immerhin Hardrock angesagt. Auch die Nachmittagssonne trägt ihren Teil dazu bei, das Szenario wie einen amerikanischen Jahrmarkt aussehen zu lassen. Die Mundwinkel heben sich zu einem dreckigen Grinsen. Hoffentlich sieht einem niemand an, dass man Ohrstöpsel in der Tasche hat.

Zum Auftakt machen Tyler Bryant & The Shakedown ordentlich viel Krach und noch mehr Bohei darum: Trommelverprügeln am Bühnenrand, emporgereckte Gitarren, Solo im tiefen Hohlkreuz - alles dabei. Dass das junge Quartett unter vier Matten aber ganze acht nicht tätowierte Arme zu bieten hat - nein, nein, die Jugend von heute; was soll man davon halten.

Zweite Vorband sind die Rival Sons, die mit der imposanten Melodie aus "Zwei glorreiche Halunken" von Ennio Morricone die Bühne entern; man kennt sie ja, die mit dem Pfeifen, dem Wua-Wua-Wua und der mächtigen Gitarre. Schon vor der Hauptband denkt man dran, die Harley mal wieder aus dem Schuppen zu holen - und sei es nur die mit dem Diamant-Schriftzug auf dem Rahmen und dem Körbchen auf dem Gepäckträger.

Kurz vor dem geplanten Start (Guns-N'-Roses-Fans der alten Schule erinnern sich noch an stundenlanges Warten auf Herrn Rose) beginnt dann das, wofür man bis zu 150 Euro gezahlt hat. Ein Panzer röhrt und röchelt auf den riesigen Leinwänden, schießt aufs Publikum (schade, dass die großartigen Projektionen erst nach Sonnenuntergang wirklich zu sehen sind). Das tut auch die wiedervereinigte, ehemals größte Rockband der Welt, vom ersten bis zum 32. Song.

Das Septett um die vier alten Haudegen Axl Rose ("Gesang" und Klavier), Leadgitarrist Slash, Bassist Duff McKagan und Keyboarder Dizzy Reed (die beiden mittleren waren zwischenzeitlich mal 20 Jahre weg) spannt einen Bogen von "Appetite for Destruction", dem gerade wieder in die Charts eingestiegenen Debütalbum von 1987, bis zum (aktuellen) Album "Chinese Democrazy" von 2008 und zurück.

Mit "It's so easy" betreten die Helden die Arena, dunkelbunt geschmückt, mit Achtziger-Frisuren und allerhand zerrissenen Jeans, Leder und Geschmeide, ganz die unangepassten Millionäre eben. Wer den ehemals dürren Axl Rose zuletzt in den Neunzigern sah und sich im Eiskunstlauf auskennt, könnte ihn heute als "doppelten Axl" bezeichnen. Slash sieht aus wie immer und stellt weiterhin die Frage: Sind die langen Fransen am Hut angeklebt oder ist der Hut über die Jahre am Kopf festgewachsen?

Rose wirft den Mikroständer über die Bühne und verschwindet gelegentlich, um sich backstage einen neuen Hut aus dem Schrank zu holen oder eine neue Jacke. Er kommt dann jedes Mal wie ein Kampfhund rausgerannt, gebückt und latent aggressiv. Aber er will doch nur spielen ...

"Welcome in the Jungle" ist das erste Highlight (neben "Coma", "Nightrain" und dem finalen "Paradise City"). Roses Stimme peitscht hinein in eine amtliche Druckwelle. Man hört immer wieder das Wort "geil" in den Reihen. Und tatsächlich: Noch geiler als das Publikum findet wohl nur die Band sich selbst. Rose, Slash, McKagan und Fortus agieren wie vier Frontmänner, vielleicht ist die Bühne nur wegen ihrer Egos so riesig. Dagegen hat sich die "zweite Reihe" mit ihrem Status als solche abgefunden: Dizzy Reed, Frank Ferrer und Melissa Reese an Tasten- und Schlaginstrumenten knüpfen den fetten Teppich, auf dem die anderen abheben.

In "Estranged" klingt Rose schon ein bisschen wie im berühmten, viel später von allen inbrünstig mitgesungenen "Knocking on Heaven's Door"; dem Song des noch größeren Krächzers. Und die Band covert auch sonst fleißig: Die Mini-Oper "Live and let die" der Wings verwandelt sie in ein knochenhartes Brett. Oh, wie die Gitarre heult. Vorsicht, 007: Pink Floyds totgenudeltes "Wish you were here" holen Slash und Fortus als instrumentales Gitarrenduo zurück ans Licht.

Dass die Texte nicht unbedingt zu verstehen sind, liegt weniger am für so eine Veranstaltung wirklich ordentlichen Sound, als viel mehr daran, dass Rose nicht ganz so klar und hüstelnd singt wie er pfeift (unter anderm auch in "Civil War"). Aber das ist auch egal - worum es hier und heute wirklich geht, zeigt die Videoleinwand in "Yesterdays":

Die Zeiger einer riesigen Uhr laufen rückwärts, für 40.000 Menschen an diesem Abend glatte 30 Jahre. Erst nach vier Zugaben und knapp dreieinhalb Stunden endet die Zeitreise mit einem Konfettiregen für die ersten Reihen - und einem Feuerwerk für die ganze "Paradise City".

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