Habgier, Leidenschaft und Intrigen

"Verhängnis" von Janet Lewis führt den Leser an den Hof des Sonnenkönigs und in die Elendsviertel von Paris.

Ihren historischen Roman "Verhängnis" hat die Amerikanerin Janet Lewis (1899 - 1998) bereits 1959 veröffentlicht. Jetzt, mehr als 60 Jahre später, ist er auf dem deutschen Büchermarkt erschienen. Endlich, möchte man sagen. Denn Lewis hat eine faszinierende Geschichte geschrieben, basierend auf einem spektakulären, wahren Kriminalfall. Sie nimmt ihre Leser mit nach Paris in die Zeit des Sonnenkönigs Ludwig XIV., gibt ihnen Einblick in das Milieu der Buchdrucker. Um Bücher, beziehungsweise ein spezielles Buch, geht es auch.

In Paris taucht 1694 ein Pamphlet auf, das die Mätressenwirtschaft des Königs diffamiert. Gleichzeitig wird ein Brief veröffentlicht, der dessen Kriegswirtschaft und die Verarmung der Bevölkerung zum Inhalt hat. "Frankreich ist zu einem großen, trostlosen Armenhaus verkommen", steht in dem Schreiben. Der König tobt und ist gekränkt, und will, zumindest den Verfasser des Pamphletes mit dem Tode bestrafen. Es wird der Falsche hingerichtet.

Der ehrenwerte Buchbinder Jean Larcher, dem König tief verbunden und in der Zunft hoch geachtet, wird das Opfer einer furchtbaren Intrige. Sein grausames Schicksal nimmt seinen Lauf, als er Paul Damas, einen Buchbinder aus der Provinz, einstellt, um seinen Sohn gehen zu lassen. Den zieht es in die Ferne, um Neues kennenzulernen. Was dann passiert, klingt banal: Damas beginnt ein Verhältnis mit der Frau des Meisters, mit Marianne. Damit sie mit ihm gehen kann, wollen sie gemeinsam Larcher für eine Weile aus dem Weg räumen und bringen ihn in Verbindung mit dem gesuchten Verfasser des Pamphlets. Aber statt einer erwarteten Haftstrafe gibt es das Todesurteil. Habgier und Leidenschaft haben dazu geführt, dass die Intrige aus dem Ruder läuft. Alles nimmt ein schreckliches Ende.

Diese Liebesgeschichte ist nicht das, was das Buch so lesenswert macht. Es ist Janet Lewis' Fähigkeit, basierend auf akribischer Recherchen und einem klaren, packenden Schreibstil, den Leser mitzunehmen in die Zeit Ludwig XIV. Sie lässt uns eintauchen in das Treiben am Hof des alternden Sonnenkönigs, seinen Tagesablauf miterleben, seine Aufgaben, seine Leiden. Noch fesselnder gelingt Lewis das Beschreiben des damaligen Lebens auf den Straßen von Paris und in den Armenvierteln. Begegnungen mit dem alten Laternenmann, dem Zahnzieher, dem Wirt im "Pflug" oder dem Balladensänger, die Beschreibungen der Atmosphäre voller Schmutz, Elend, Hunger, aber dennoch auch voller Lebensfreude, Hilfsbereitschaft und Liebe, bringen einem diese Zeit nah. Marianne aber, die untreue Meistergattin, die sich dieser neu entfachten Leidenschaft und der Liebe zu dem jüngeren Mann nicht entziehen kann, kommt in ihrer Zerrissenheit ganz heutig daher. Da ist Janet Lewis ein ergreifendes Porträt gelungen.

Ein Fakt noch zum Schluss: Die in Chicago Geborene hatte einen prominenten Mitschüler - Ernest Hemingway. Beide haben damals Texte für die Literaturzeitschrift ihrer Highschool geschrieben. Während Hemingway zu Weltruhm gelangte, blieb Lewis mehr im Verborgenen. Aber jetzt ist nach "Die Frau, die liebte" und "Der Mann, der seinem Gewissen folgte" mit "Verhängnis" auch ihr dritter Roman, alle zwischen 1941 und 1959 entstanden, erschienen. Niemand wird sie mit Hemingway vergleichen wollen, aber es ist an der Zeit, sie zu entdecken.

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