Händel auf der Spielkonsole

Mit seiner Umsetzung der Barockoper "Rinaldo" wagt sich das Inszenierungsteam der Chemnitzer Oper auf neues Terrain. Und das ist zum großen Teil höchst virtuell.

Chemnitz.

Seit einigen Jahren grübeln Theaterleute darüber, wie man junge Leute ins Theater holen kann, namentlich auch in die Oper. In Chemnitz hatte am Samstag ein Beispiel Premiere, das zeigt, wie das gehen könnte. Auf dem Programm stand die Opera Seria "Rinaldo" von Georg Friedrich Händel, uraufgeführt 1711 in London. Bei näherem Hinsehen ein Werk, das an Handlung alles hat, was eine spannende Geschichte braucht: Die Kreuzritter stehen vor den Toren Jerusalems; Ritter Rinaldo (Jurij Mynenko) will die Tochter seines Anführers Goffredo (Anna Harvey), Almirena (Franziska Krötenheerdt), heiraten. Die Zauberin Armida (Guibee Yang), Verbündete und Geliebte Argantes, des Königs von Jerusalem (Andreas Beinhauer), versucht diese Pläne zu hintertreiben, um die Kreuzritter zu schwächen: Es entspinnt sich ein Konglomerat aus Liebe, Verrat, Entführung, Hexerei, das mit normalen Bühnenmitteln nicht darstellbar ist.

Regisseur Kobie van Rensburg bediente sich deshalb für die Oper der Bluescreen-Technik: Sänger und Statisten agieren auf der unteren Hälfte der Bühne vor hellblauem Hintergrund. Elektronische Kameras nehmen ihre Live-Bilder ab. Alles, was nicht hellblau ist, wird in teils bewegte Computeranimationen integriert. Die fertigen Bilder erscheinen auf der oberen Hälfte der Bühne auf Leinwand. So reitet etwa Goffredo eine virtuelle Armee aus Tausenden Kreuzrittern ab. Argante umrundet sein prachtvolles Jerusalem auf dem fliegenden Teppich. Armida schmiedet Zauberpläne in einem Feuermeer. Rinaldo ist unter Wasser gefangen in einer großen Luftblase. Weitere Schauplätze sind ein Boot auf dem Meer, eine Oase mit Wasserfall, Argantes Palast und Armidas Unterwasserschloss. Die italienischen Texte der Oper werden auf Deutsch eingeblendet, zudem bisweilen kurze Lagebeschreibungen, wie man sie aus Comics kennt.

Auch bildlich entfaltet diese Oper so etwas wie Comic-Ästhetik, wobei ihr freilich das überzeichnende Element fehlt. Noch besser zu vergleichen ist das Ganze mit der Optik moderner 3D-Konsolenspiele - und was soll man sagen: Es funktioniert! Die Video-Regie lässt es bisweilen richtig krachen, die Opernhandlung bleibt - oder wird erst? - in allen Teilen verständlich, und das Ganze ist keine Minute langweilig. Wohl auch, weil den Sängern mimisch deutlich mehr abverlangt wird als in der Oper üblich. Mezzosopran Anna Harvey wirkt mit der bissigen Mimik in ihrer Hosenrolle männlicher als die zwei Countertenöre, und selten kommt das Böse, Dämonische in der Oper so erotisch aufgeladen daher wie in Gestalt von Guibee Yang als Zauberin. Denn die Leinwandbilder bringen die Akteure dem Publikum, das zur Premiere fast zehn Minuten applaudierte, viel näher. Und sie warten mit witzigen, überraschenden Details auf. Humor in der "ernsten" Opera Seria: Das haut hin.

Über dem Eifer der ansprechenden Visualisierung hat das Inszenierungsteam auch seine Ansprüche an den guten Ton nicht vergessen: Unter Felix Bender am Cembalo musiziert die Robert-Schumann-Philharmonie höchst akkurat nach allen Regeln der barocken Kunst. Sogar Theorbe und Erzlaute kommen im Generalbassapparat zum Einsatz. Stimmlich geben die Solisten alles, so auch die brillanten Countertenöre Jurij Mynenko und Jud Perry als Goffredos Bruder Eustazio.

Insofern hatten alles in allem nicht mal Opern-Puristen was zu meckern. Sie könnte lediglich die so bunte und eingängige Bildersprache dieser Inszenierung verstört haben. Aber, Hand aufs Herz, die wirkt allemal überzeugender, ansprechender, als wenn im "Freischütz" eine im Bühnenboden steckende Eisenstange den Wald symbolisiert.

Weitere Vorstellungen von "Rinaldo" finden in der Chemnitzer Oper am 31. März, 9. und 23. April sowie 4. Mai statt. Tickethotline: 0371 4000430.

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