Heinz Helles neuer Roman: Die beste Antwort auf Vergänglichkeit

Heinz Helle hat seinen dritten Roman vorgelegt: "Die Überwindung der Schwerkraft". Darin gehen zwei Brüder mit dem Leid der Welt um - auf unterschiedlichen Wegen.

Chemnitz.

Die Wege des Herrn sind unergründlich - die Wege zweier Brüder in einer Winternacht durch die verschneiten Straßen Münchens auch. Wo wird die Nacht enden? Was braucht der Mensch, um sich fürs Bleiben zu entscheiden? Übersteht man die Schlagzeilen an einem Tag schadlos, muss man sich eine Frage stellen: Ist man am Wohlergehen der Menschheit noch länger interessiert, oder nur noch an der Information? Mancher nimmt das Leid der Welt routiniert zur Kenntnis. Den anderen geht es etwas an.

So den älteren des Bruderpaares in dem Roman "Die Überwindung der Schwerkraft" von Heinz Helle, der kürzlich erschienen ist. Der Autor gibt den Brüdern keine Namen. Es gibt den jüngeren Bruder, der diese Nacht aus der Erinnerung erzählt, und den älteren. Der Ältere recherchiert dem Schlechten, dem Bösen und Dunklen, dem Ungesagten hinterher. Er ist Historiker. Das Wissen um den Wahnsinn und den Schmerz in der Welt sei die Voraussetzung für die Würde des trotzdem, meint er. "Man hört nie auf zu hoffen, morgen ein wenig mehr zu verstehen von dem, was passiert, wenn man sich ansieht, was gestern war", sagt er. Der Jüngere in dieser Bruderbeziehung zwischen Ungeschicklichkeit, Liebe und Ohnmacht unterdrückt Fragen. Sagt nichts. Folgt dem Bruder in Kneipen, die er verabscheut. Deeskaliert. Lüftet, denkt an morgen.

Im dritten Roman des 1978 geborenen Heinz Helle gibt es wenige Punkte. Der Punkt an dem etwas passiert, wird ja kommen. Nach dieser Nacht. Die Sätze sind bis dahin lang, seitenlang. Sanft geben vereinzelte Kommata Orientierung. Die Erzählung lebt ohne Absätze, ohne Trennungen, ohne kühle Konsequenz und Härte. Jeder Satz nimmt Anteil am nächsten. So liest man das Buch wie im Vollrausch über jemanden, der verzweifelt, dass in der Welt Dinge geschehen, Schmerz, Leid, Krieg, Gewalt - ohne Logik, ohne Gerechtigkeit, ohne Witz - und einen, der auch keine Antwort weiß auf die Frage, wie man es verdammt nochmal hinbekommt, "sich endlich Zuhause zu fühlen, in dem großen, langweiligen, lauten, bunten, unermesslichen Raum zwischen der Einsamkeit und dem Krieg".

Wie hält man dieses Dasein aus? Mit den offenen Fragen, der Sinnlosigkeit, dem Tod? Und wie geht man mit dem Glück um? Es geht um diese Fragen, die aufkommen, nachdem man sich die erste Frage am Morgen beantwortet hat: Was geht mich die Welt an?

Auf Facebook notierte Heinz Helle Anfang September: Am 15. Oktober 2011 starb mein Bruder. Ein Jahr später kam meine Tochter zur Welt. Jetzt liegt hier dieses Buch. Es gibt Momente, in denen ich ganz fest daran glaube, dass es zwischen diesen drei Ereignissen einen Zusammenhang gibt. Dann bin ich alles: traurig, froh und dankbar.

Heinz Helle, der am Literaturinstitut der Schweiz studierte und bis heute mit seiner Frau und seinem Kind in Zürich lebt, schreibt in seinem Roman: Freude, Hoffnung und Liebe sind selten schwer. Das einzige Gefühl mit Schwere sei die Schuld und vergeblich bleibe der Versuch, die Existenz von Leid zu verstehen. Zu sagen, was ist, könne den Geist zwar beruhigen, aber niemals das Herz, schreibt Heinz Helle. Und so bleibt einer der Brüder am Ende allein zurück.

Wenn das Schreiben jenes Romans ebenfalls zu diesen Strategien des Aushaltens zählt, dann ist diese Konzentration auf jede einzelne Erinnerung an diese letzte Nacht, an die Worte des letzten Telefonats, an die letzten Gedanken des Bruders in brüchiger, kaum leserlicher Bleistiftschrift jedenfalls ein Umgang mit Trauer, der den Geist beunruhigt und das Herz erreicht.

Das Buch Heinz Helle: "Die Überwindung der Schwerkraft". Suhrkamp-Verlag. 20 Euro.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...