Helmut "Joe" Sachse wird 70: Ein Freigeist und seine besten Saiten

Zum 70. Geburtstag beschenkt Helmut "Joe" Sachse sein Publikum und sich selbst mit einem großartigen Konzert: Die Jazzgrößen Nils Wogram, John Marshall und Dieter Glawischnig gratulierten dabei auf ihre Weise.

Chemnitz.

"Es gibt eine Originalität aus Mangel, die nicht imstande ist, sich zur Banalität aufzuschwingen." Der Satz von Karl Kraus könnte für Helmut "Joe" Sachse geschrieben sein. Am Sonntag wurde der weltweit hoch geschätzte, gleichwohl immer noch als Geheimtipp geltende und in seiner Heimatstadt Chemnitz von offizieller Seite eher ignorierte Gitarrist 70. Und in einem Konzert am Vorabend seines Geburtstages in den Kunstsammlungen zeigte er sich ungebrochen virtuos, kollektiv und kreativ.

Tatsächlich hat Sachses Qualität wohl etwas mit dem Mangel zu tun. Geboren wurde er am 28. Oktober 1948 in Mittweida, die Eltern betrieben eine kleine Konditorei. Sachse spielte schon an der Erweiterten Oberschule in einer Band, und als Anfang der 60er-Jahre die Beatles die Szene betraten, war das für ihn, "als wäre ein Fenster aufgestoßen", wie er in einem Filmporträt von Rainer Lind sagte. Jimi Hendrix, einige Jahre später, wurde sein erster Gitarrengott, der auch für seinen Spitznamen verantwortlich wurde - nicht nur, weil Sachse "Hey Joe" gern und oft spielte: Er kann es an Virtuosität, Einfallsreichtum und Vielseitigkeit mit den besten Gitarristen der Welt aufnehmen, was ihm die internationale Presse mehrfach bescheinigte. Dass er das Gitarrenspiel um einige Facetten bereicherte, liegt eben am Mangel in der DDR: Weil es kaum Effektgeräte gab, experimentierte Sachse mit Schraubenzieher, Messer, sogar einem Rasierapparat, um seinem Instrument neue Töne zu entlocken. Selbst der Gitarrenkoffer wurde einbezogen. Das Verbot, zu viele "West"-Lieder zu spielen, führte wiederum zu eigenen Stücken. Ausgebildet an der Musikhochschule Weimar, ist Sachse, ganz gleich, ob improvisiert oder komponiert, inspiriert von einem freien Geist, der sich auch aus Literatur und einem wachen Blick auf die Gesellschaft speist. Er verweigerte in der DDR den Wehrdienst mit der Waffe, weil er den Einmarsch der Warschauer Paktstaaten in die CSSR miterlebt hatte, demonstrierte für Dubcek, arbeitete mit renitenten Schriftstellern wie Rainer Klis, Günter Saalmann und Matthias Biskupek zusammen. Und er ist auch mit dem ironischen Skeptizismus eines Karl Kraus und Kurt Tucholsky bestens vertraut.

Sachses Offenheit führte ihn zu zahlreichen Kollaborationen mit vielen der bedeutendsten zeitgenössischen Jazzmusikern, legendär etwa "Doppelmoppel" mit Uwe Kropinski, Hannes und Conny Bauer. Und er spielte mit Günter "Baby" Sommer, Ernst Ludwig Petrowsky, Klaus Koch, David Moss, John Tchicai, Maggie Nicols, Peter Kowald, Fred Van Hove und Paul Rutherford begeisterte er das Publikum. Gerade war er mit dem jungen Posaunisten Nils Wogram auf Kurztournee, der auch zu dem Quartett gehörte, mit dem Sachse am Samstag sich und sein Publikum beim Geburtstagskonzert beschenkte. Außerdem dabei: der großartige österreichische Pianist Dieter Glawischnig und Schlagzeuger John Marshall von der Band Soft Machine. In Soli und gemeinsamen Auftritten - vom betörend schönen "A-Lied" (in A-Dur) bis zum einfallsreichen Stück "Einfallslos" gratulierten die exzellenten Instrumentalisten und verzauberten das Publikum mit kraftvollen wie feinfühligen Tönen, bei denen Teufelsgitarrist Sachse seinen drei Begleitengeln viel Raum für eigene Glanzstücke ließ. Musik, die hoffen lässt, obwohl Joe Sachses Lieblingsautor Karl Kraus eher pessimistisch war: "Der Teufel ist ein Optimist, wenn er glaubt, dass er die Menschen schlechter machen kann."

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
1Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.

  • 0
    1
    acals
    29.10.2018

    Er hatte wirklich seine besten Saiten aufgelegt. Danke und herzlichen Glueckwunsch an einen, der sich nicht hat vereinnahmen lassen, der seinem Gewissen Raum gegeben hat und der aufrecht durch wechselnde Zeiten laufen kann - ein Vorbild und halt auch ein echter freigeist.



Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
Mehr erfahren Sie hier...