Herrscher der Liebe

Eigentlich will Funkrock-Superstar Lenny Kravitz mit seiner aktuellen Tour das im Herbst kommende Album bewerben. Nur: Danach klang sein Berlin-Gastspiel eher nicht.

Berlin.

Historisch gesehen ist die Zitadelle Spandau in etwa die Festung Königstein Berlins - in Sachen Kultur kann man sie dagegen als das Wasserschloss Klaffenbach der Hauptstadt bezeichnen: Das historische Ambiente im geschlossenen Burghof lockt Stars aller Couleur, und die variable Kapazität mindert das Risiko, in einer halbvollen Riesenmessehalle blöd auszusehen, obwohl man tausende Fans angelockt hat. Man kann im Zweifel in der Zitadelle aber auch ohne Verlust des Charmes der Szeneverwurzelung von 10.00o Leuten Eintritt nehmen.

Ideal also für jemanden wie Lenny Kravitz - ein Superstar, dessen letztes Album "Strut" vier Jahre alt ist und, verglichen mit dem Legendenstatus des US-Funkrockers, recht unschlüssig und erfolglos war. Doch am Dienstagabend gastierte Kravitz im Rahmen seiner aktuellen "Raise Vibration"-Tour zu einem seiner raren Deutschlandkonzerte in der Zitadelle - und alles stand im Zeichen der Liebe: "Let Love Rule" war nicht nur die erste der beiden Zugabesongs von Kravitz, es ist zugleichsein jahrelanges Mantra und Motto, das sich durch die gut 90-minütige Show unter freiem Himmel mit Blick auf die Einflugschneise des Flughafens Tegel zog.

Anders als viele Megastars seines Kalibers wie A-Ha, Amy Macdonald, Arcade Fire oder Joan Baez, die diesen Sommer im Rahmen des Citadel Music Festivals noch im Berliner Randbezirk auftreten werden, verzichtete der Amerikaner auf jeden Schnickschnack. Stattdessen gab es eine kleine Rampe hinter dem Schlagzeug und eine großartige Band, die drei Bläser aufwerten - und noch dazu Gail Ann Dorsey, ehemalige Bassistin von David Bowie. Auch auf moderne Lichtshow wurde verzichtet - man wartete mit Standard-Leuchten auf. Doch all das war egal, denn der 54-jährige, inzwischen Wahl-Pariser, nahm die gut 5000 Besucher der Zitadelle allein schon mit seiner Präsenz ein. Ein Lächeln hier. Ein lasziver Hüftschwung da oder ein längeres Gitarrensolo dort. Sicherlich war hier viel Routine dabei. Auch wenn Kravitz direkt mit dem Hit "Fly Away" startete und kurz danach mit "American Woman" einen weiteren Hit nachlegte, der in Reggae-Manier von "Get Up, Stand Up" von Bob Marley ausklang, kam im Publikum lang nicht die eigentlich zu erwartende Euphorie auf.

Dieses Gefühl sollte bis zum späten Mittelteil und Balladen wie "I Belong To You" oder "Believe" dauern. Aber dann dankte es ihm das Publikum zwischen emsiger Fotografiererei mit bravem Mitsingen und Klatschen. Dennoch standen die Fans überraschenderweise nicht starr herum, sondern wippten locker mit, nickten oder tänzelten. Dass dies der Fall war, lag vor allem an den leicht eingängigen und groovenden Melodien von Kravitz-Songs, die griffigen Gitarren-Soli und besonders tiefen Basslinien und der selten so überzeugenden Akustik inmitten der hohen Zitadellen-Mauern. Die Energie sprudelte irgendwann doch noch so richtig dank der starken Retro-Einflüsse aus Rock, Funk und Soul, die sich durch die fast 30-jährige Geschichte des Musikers ziehen und je nach Album stärker ausgeprägt waren.

Auch wenn es auf der aktuellen "Raise Vibration"-Tour eigentlich um das gleichnamige, erst im September erscheinende neue Album gehen sollte, spielte Lenny Kravitz am Dienstag nur zwei Lieder davon. Der Rest seiner Setlist war gespickt mit Klassikern. Er demonstrierte einen Querschnitt durch seine beeindruckende Diskografie, die den Sohn des TV-Produzenten Seymour Kravitz und der Schauspielerin Roxie Roker 1989 mit dem Debüt "Let Love Rule" in den Fokus der alternativen Rock-Szene rückte und frühzeitig zu viel Radio-Airplay verhalf. Diesen Status baute der Multi-Instrumentalist im Laufe der Jahre, trotz schwankender Chart-Erfolge, weiter aus und heimste 1998 bis 2001 allein vier Grammys für seine Songs und Alben ein. In der Zitadelle resümierte Lenny Kravitz zwischen seinen Hits wie "Always On The Run" oder "Again" immer wieder kurze Anekdoten aus seinem Musikerleben. Während es bei anderen Künstlern fast unglaubwürdig wirkt, wenn sie über ihre Liebe zu Berlin philosophieren, schwelgte der Amerikaner begeistert in Erinnerung und erzählte von seinem Berlin-Debüt im Dezember 1989, das er im damaligen Loft vor knapp 500 Leuten spielte, bevor er wieder in die Saiten griff und zum nächsten Riff ausholte.

Liebe versprühte Lenny Kravitz in Berlin bis zum Schluss und verabschiedete sich mit "Are You Gonna Go My Way" vom Publikum. Beim Verlassen der nett ausgeleuchteten Zitadelle wartete für die weiblichen Fans schließlich noch eine Überraschung. Denn diese erhielten noch eine rote Rose. Romantischer kann ein Konzertabend wohl nicht enden.

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