Herz und Klappe

Bei großen Künstlern ist es oft schwierig, den richtigen Einstieg in das Gesamtwerk zu finden. Es ist allerdings auch ausgesprochen reizvoll! Diese Serie will Leitfaden für klingende Entdeckungsreisen sein. Heute: Robbie Williams

Wenn es einen Skandal in der britischen Popmusik gibt, dann die schockierende Tatsache, dass ausgerechnet Robbie Williams noch nie den Titelsong für einen James-Bond-Film beisteuern durfte - wenn er schon die Rolle, für die er 2001 als Nachfolger für Pierce Brosnan durchaus im Gespräch war, letztlich an den (zugegebenermaßen auch recht brillanten) Daniel Craig abtreten musste: Niemand vereint den smarten britischen Bond-Charme, feinen sarkastischen Humor und coole Dreistigkeit so perfekt abgeschmeckt mit einem alles durchschimmernden Zartbitter bester englischer Melancholie wie der ehemalige Take-That-Sänger.

Robbie Williams träufelt mit seiner beeindruckenden Karriere seit vielen Jahren nichts anderes als die Wesensessenz der mächtigen Insel-Popkultur in immer neue Song-Großtaten. Über 77 Millionen Tonträger hat der 1974 in Staffordshire geborene Musiker seit seinem Abgang von der ja selbst schon exorbitant erfolgreichen Boyband verkauft und sich damit zu einem der wichtigsten Popstars der Neunziger und Nuller entwickelt. Wohlgemerkt: fast ausschließlich in Europa. Die USA, der größte Musikmarkt der Welt, blieben dem Charmebolzen trotz mehrerer Anstürme auf unerklärliche Weise verschlossen.

Obwohl Williams mit seiner herzlichen Riesenklappe vor allem ein Song-Künstler ist, der par excellence dafür steht, im Pop-Kurzformat der Single ganz großes Kino abzufackeln, sind bei seiner treuen Anhängerschar gerade die Alben gefragt: Seit dem Jahr 2000 ist jedes davon fast durchweg auf den Chart-Spitzenpositionen gelandet. Das macht es nicht leicht, die künstlerische Qualität des William-Œvres an den stets rekordverdächtigen Zahlen zu messen. Seine Karriere hat neben den vielen musikalischen Sternstunden aber durchaus einige flachere Phasen, sodass man für Menschen, die Robbie Williams bisher nur am Radio verfolgt haben, bezüglich eines anstehenden CD-Kaufs folgendes Güte-Ranking der Alben aufstellen könnte.

"Sing When You're Winning" (2000) Zwei Alben hatte Robbie Williams nach seinem Ausstieg bei Take That und den damit verbundenen Streitigkeiten gebraucht, um sich als ernstzunehmender Solokünstler europaweit zu beweisen: Seine ersten beiden Soloplatten waren zwar in England sofort an die Chartspitze geschossen - im Rest des Kontinents galt er aber noch als "grüner Junge", der mit Gewalt Kapital aus seiner Boyband-Vergangenheit schlagen wollte. Doch dann kam "Sing When You're Winning", dem sich niemand mehr entziehen konnte. Die Platte hat nicht nur Charme, wundervollen Humor und eine unnachahmlich sympathische Großkotzigkeit - erstmals kommt Williams dabei auch locker und entwaffnend selbstverständlich rüber. Dieser schlicht perfekte Mix ist es, der selbst Übersongs wie "Supreme" oder "Rock DJ" in ein größeres Ganzes bettet. Der Opener "Let Love Be Your Energy" macht bereits klar, worauf die Platte hinausläuft: Überschäumende Energie und Willenskraft trifft auf tiefe, einfache, große Liebe. Vom frech-legeren "Kids" über das sehnsüchtig breitwandige "Singing For The Lonley" bis zum verschmitzt-melancholischen Rausschmeißer "The Road to Mandalay" spannt Williams hier einen Bogen, der ihn, Superstar her oder hin, sowohl im Smoking als auch heulend am Pub-Tresen die allerbeste Figur abgeben lässt.

"Rudebox" (2006) Nachdem Williams sich von seinem congenialen Musik-Kumpan und Mit-Songschreiber Gus Chambers getrennt und danach mit "Intensive Care" ein eher labbriges Album verzapft hatte, erwachte sein bissig-rebellischer Geist: Mit den Pet Shop Boys, William Orbit oder Mark Ronson holte er sich Produzenten ins Studio, die mit ihm so lustvoll wie krude eine modern aufgebohrte Nuller-Version des 80er-Zeitgeistes zusammenexperimentierten. Statt nochmal den Radioknecht von "Intensive Care" zu geben, bot er wahlweise harschen Sprechgesang ("Rudebox"), ätzende Ironie ("She's Madonna"), derbe Frechheit ("Dickhead") oder genüsslich zelebriertes Zuckerwasser-Großgekotze ("We're The Pet Shop Boys"). Dazu ließ er immer wieder den genialen Interpreten aufblitzen, etwa in der großartigen Coverversion von "King Of Bongo", in das er zusammen mit Lily Allen "Je Ne T'aime Plus" rührt. Ein Kunstwerk, das auf Erwartungen und Konventionen pfeift und einen entfesselten Star zeigt. Bis heute hält Williams "Rudebox" vollkommen zurecht für eine seiner besten Arbeiten!

"Life Thru a Lens" (1997) Hört man Williams' Solodebüt zum ersten Mal, begegnet man einem künstlich aufgekratzten Jungspund, der mit aller Macht versucht, einen Fuß ins Geschäft zu bekommen: Die Dreadlocks für eine Fast-Glatze geopfert, kommt er ruppig, breitbeinig und dreist rüber. Sein "Let Me Entertain You" ist keine Bitte! Doch unter dem rauen Marketing-Lack schimmert bereits unübersehbar das Riesentalent - ein Spannungsfeld, dass das Debüt sehr besonders macht. "Angel" etwa macht das immense Balladen-Potential von Robbie schnell deutlich: Kaum ein anderer Star der Blitzlicht-Kategorie bringt große, tiefe Gefühle so packend und schmalzfrei über die Rampe.

"Escapology" (2002) Der Nachfolger von "Sing When You're Winning" ist fraglos eine Superplatte und holt die vielen neu gewonnenen Fans genau in ihrer Erwartungshaltung ab - nicht umsonst handelt es sich um die meistverkaufte Robbie-Williams-Platte, die mit "Feel" oder "Come Undone" Single-Ansagen für die Ewigkeit enthält. All das kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass "Escapology" Stagnation auf ganz hohem Niveau ist: Erstmals wirkt der Meister routiniert und nicht zwingend.

"I've Been Expecting You" (1998) Hier weiß jemand noch nicht so recht, wo es mal hingehen soll: Zur Jungs-Musik, als breitbeiniger Egomane im James-Bond Stil wie in "Millenium" - oder eher zur Mädchen-Musik mit Superballaden wie "She's The One". Dass der Widerspruch nur scheinbar ist und als Spannungsfeld unter einem Hut bestens zusammenpassen kann, hat Robbie Williams auf seinem Zweitwerk noch nicht recht gemerkt, obwohl er bereits alle Teile des Ganzen in der Hand hält, etwa in "Phoenix from the Flame", das sanftes Innehalten in besten britischen Trotz gleiten lässt. Tolle Platte, aber noch nicht perfekt.

"Heavy Entertainment Show" (2017) Wer hätte nicht gedacht, dass der Meister nochmal zu dieser Größe auflaufen kann: Wirkt das aktuelle Werk im Erstkontakt erst einmal übermotiviert und teilweise sperrig, so bekommt man es doch bereits nach wenigen Runden nicht mehr aus dem Player. Keiner weiß so gut, wie man an der Kante des Overacting herumtänzeln muss! Ein neuerlicher gelungener Befreiungsschlag eines Superstars, der sich einfach nimmt was er will - und dabei wie nebenbei allerfeinste Ohrwurm-Unterhaltung wie Brotkrumen vom Tisch fallen lässt. Solche Moves bekommen nur echte Stars hin!

"Intensive Care" (2005) Mit "Tripping" als Falsett-Volltreffer enthält die Scheibe zwar eine geniale Single, darüber hinaus biedert sich "Intensive Care" aber zu arg dem Formatradio an. Dass Williams hier versucht, ohne seinen einstig fast siamesischen Musikzwilling Gus Chambers gesichtswahrend über die Runden zu kommen, macht die Platte zwar sympathisch, rettet sie aber nicht vor ihrer Belanglosigkeit.

"Reality Killed The Video Star" (2009) Wenn man schon so deutlich an die 80er erinnern muss wie mit diesem Album-Titel, ist Vorsicht geboten. Leider zu Recht: Obwohl Trevor Horn (Frankie Goes To Hollywood) diese Vorliebe des Stars nochmal entzünden sollte, wirkt das Album sehr beliebig - und war folgerichtig die erste Williams-Platte, die in seiner englischen Heimat nicht auf Platz 1 kam.

"Take the Crown" (2012) Robbie Williams als Hipster? Mit elektronischen Spielereien und Retrogitarren, aber ohne griffige Songs? Dieses Experiment ging eher schief.

"Swing When you're Winning (2002)/ "Swings Both Ways" (2013) Diese Platten laufen ausdrücklich außer Wertung, denn hier lebt Williams sehr charmant seine erklärte Vorliebe für Crooner wie Frank Sinatra aus - eine liebevoll spleenige Spielerei, die er zudem (natürlich!) perfekt drauf hat. Geschmackssache!

Im Konzert Robbie Williams tritt am 26. Juni im DDV-Stadion Dresden auf. Karten gibt es in allen "Freie Presse"-Shops in Ihrer Nähe oder unter freiepresse.de/meinticket

 

Dieser Beitrag erschien in der Wochenendbeilage der "Freien Presse".

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