Heute: Weltuntergang!

Regisseur Calixto Bieito hat an der Semperoper György Ligetis "Le Grand Macabre" inszeniert - als Apokalypse, die nicht jedem im Publikum behagt.

Dresden.

Das schnieke Premierenpublikum ist entrüstet: Auf der Treppe vorm Haupteingang ihres feinen Wohnzimmers liegen Aktivisten auf Wärmedecken mit selbstgemalten Plakaten: "Heute Weltuntergang" steht darauf. Die Semperoper als Schauplatz für politische Demonstrationen! Na sowas! Ist man denn nicht mal beim Kulturgenuss vor Störenfrieden sicher? Kaum hängen die Roben an der Garderobe, folgt der nächste "Skandal" schon in den ersten Takten von Ligetis "Le Grand Macabre": Während die legendären Autohupen tröten, fallen vom ersten Rang Kraftausdrücke, Türen knallen, die Aufmerksamkeit ist abgelenkt von der grandiosen Musik. Alles Fake, es brüllen nur die Agents provocateurs.

Seit Calixto Bieito nicht mehr ganz so jung ist und die Skandale automatisch provoziert, inszeniert er sie sich eben selbst. Dass das 1978 uraufgeführte Stück seine Dresdner Erstaufführung erlebt, konnte noch nicht für den Eklat garantieren, und verlassen auch einige echte Zuschauer im Verlauf von knapp zwei Stunden den Saal. Und von denen, die dableiben, schimpfen ein paar hernach in der Straßenbahn, dies sei ja nun keine volksnahe Oper.

Wollte es und sollte es auch nie sein. Aber bietet er denn gar keine Angriffsfläche mehr für Heutiges, der von Nekrotzar, dem großen Makabren, ausgerufene Weltuntergang, der dann doch nicht stattfindet, von einem Liebespaar verschlafen und vom eigenen Knecht in Moselwein ertränkt wird?

Was Bieito da aus dem absurden Theater macht, das zwischen Dadaismus, schwarzem Humor und feiner Spottdichtung auf diverse Weltuntergangsszenarien changiert, ist dann doch eher brav bis statisch. Die vielen Anspielungen, Zitate und Ironismen sind sichtbar, wenn man sie kennt, aber Bieito weiß nicht so recht, auf welche Deutung er sich konzentrieren soll. Und wenn einem so gar nichts mehr einfällt, tun es immer noch die guten alten Körperöffnungen, als Großaufnahmen auf eine Weltkugel projiziert, die vom Schnürboden herabhängt und im Verlauf des Stücks immer schlaffer wird - so wie auch die anderen Planeten. Hier steht nicht nur die Erde auf dem Spiel, sondern gleich das Sonnensystem, soll das wohl heißen. Und Nekrotzar, der irgendwie nicht zum Tyrannen reift, säuft Blutkonserven und keinen Alkohol. Eine Idee, die desto länger breitgetreten wird, umso dünner sie bei näherem Nachdenken ist. All das ist verschmerzbar, aber warum müssen dazu gespaltene Zungen züngeln und ebenso gespaltene Hinter- und Vorderteile sich weiter teilen? Große Güte, das sieht eher nach den verkrampften Fantasien eines ältlichen Pennälers aus. Da geht es im Stück selbst deutlich deftiger und explizit zur Sache, in Libretto wie Vertonung: Immerhin kann man sich vor dem drohenden Weltuntergang nur mit sofortigem Tod oder infamem Liebesgenuss betäuben.

Das könnte nun alles recht langweilig sein, wenn nicht die Musik schon lautmalerisch die eigentliche Geschichte erzählte. Omer Meir Wellber, seit der vergangenen Spielzeit Erster Gastdirigent der Semperoper, kostet die muntere und herausragend schwierige Partitur mit ihren komplexen Rhythmen und unvermittelten Brüchen regelrecht aus. Im äußerst präsenten Opernchor und den durch die Bank konzentrierten Solisten hat er dabei prächtige Mitstreiter. An vorderster Front stehen hier Hila Baggio als koloraturenstarke Venus, Counter Christopher Ainslie als wunderbar infantiler Prinz Go-Go und das weibliche Liebespaar Katerina von Bennigsen und Annelie Sophie Müller als Amanda und Amando. Sie meistern ihre Partien so mühelos, als sängen sie Schubertlieder, und man staunt nicht nur über ihre Expertise, sondern auch über Ligeti selbst, dessen Lust an der Provokation schon die zur Entstehungszeit verblassende avantgardistische Provokation selbst angriff. Daher der Gattungsbegriff "Anti-Anti-Oper".

Wellber hält diese meisterliche Partitur ganz großartig beisammen, und auch die Sächsische Staatskapelle, deren Solisten mehrfach auf der Bühne, in der Proszeniumsloge oder auf den Rängen ihre musikalischen Kommentare abgeben, haben sichtlich Spaß an ihren höchst abwechslungsreichen Partien. Wenn man vor allem die Ohren öffnet, breitet sich das ganze absurde Panoptikum schon ganz von selber aus. Mehr als freundlichen Applaus gibt es nicht, aber die Buhs, die früher für Bieitos Arbeiten selbstverständlich waren, sind auch Geschichte.

Weitere Vorstellungen von "Le Grand Macabre" in der Dresdner Semperoper am 7., 13., 26. und 27. November, jeweils 19 Uhr. www.semperoper.de

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