«Ich schimpfe auch»: Bisky zwischen DDR und Deutschland

Die DDR hat Norbert Bisky eingeholt. Der Maler befasst sich nach langen Jahren mit anderen Themen in einer Doppelausstellung wieder mit ostdeutschen Wurzeln und Mauerfall. Der Blick von einem der wichtigsten zeitgenössischen Künstler hat sich gewandelt.

Berlin/Potsdam (dpa) - «Diese Muster werden wieder hip, das zeigt, was es für komische Zeitläufe gibt.» Der in der DDR geborene Maler Norbert Bisky steht vor einer Tapete aus der Zeit vor der Wende. Darauf hängt in der Potsdamer Villa Schöningen eine neue Arbeit des 49-jährigen Künstlers, die sich mit der alten Zeit auseinandersetzt.

«Ich bin jetzt in der Lage, zu dem Thema etwas Relevantes beizutragen.» Bisky spricht von DDR und Mauerfall. Damit hat er sich schon mal in den 90ern auseinandergesetzt. Inzwischen zählt er zu den wichtigsten zeitgenössischen Künstlern des Landes.

Bisky befasst sich in einer kombinierten Doppelausstellung mit deutsch-deutscher Geschichte. 30 Jahre nach Öffnung der Mauer. «Jetzt ist der richtige Zeitpunkt», sagt er, «so unperfekt und unabgeschlossen wie das ist.»

Bisky hat ältere Werke mit neuen Arbeiten kombiniert, die vor allem in den vergangenen zwei Jahren entstanden sind. «Pompa» ist in der St. Matthäus-Kirche Berlin mit rund 40 Arbeiten zu sehen (10.11.-16.2.), für «Rant» hängen in der Villa Schöningen 47 Werke (9.11.-23.2.).

«Beide Orte liegen nahe der ehemaligen Grenze», sagt Bisky, «das war mir sehr wichtig.» Auch szenisch wird an die Grenzsituation erinnert. Nachts werden aus der Kirche wie aus der Villa heraus Suchscheinwerfer die Umgebung optisch abtasten.

Bei Bisky ist schon die Familie deutsche Geschichte. Sein Vater war der langjährige PDS-Vorsitzende Lothar Bisky (1941-2013), sein Bruder ist der Journalist und Schriftsteller Jens Bisky. «Familie ist ja der Ausgangspunkt von allem und das Zentrum, in dem wir leben und wo die Konflikte ausgetragen werden», analysiert der Maler. Er könne nicht sagen, dass er mit Familie fertig sei. «Das ist ja Quatsch, so funktioniere ich nicht.» Unter der zwölf Meter hohen Decke in der Matthäus-Kirche hängt nun sehr zentral ein großes Familienporträt.

Unter der Decke? «Ich kam gerade aus Venedig und deswegen war das Ding mit den Deckengemälden schon in meinem Kopf», erinnert er sich an die Entwicklung der Ausstellung. «Ich beschäftige mich natürlich immer mit Präsentationsformen von Malerei und das Deckending ist so ein bisschen aus der Mode gekommen.»

Bisky stammt aus Leipzig, wuchs in Berlin auf. Beim Mauerfall war er 19. «Andere Leute haben dafür gesorgt, dass dieses dumme System in sich zusammenfällt.» Die aktuellen Bilder, sie hängen vor allem in der Villa Schöningen, haben eine Perspektive von heute zurück, das ist ihm wichtig. Er spricht von einem «winzigen Ausschnitt von Reflexion zur Gegenwart, im Grunde mein Blick auf die Zeit in der wir jetzt leben. Wie sieht die eigentlich aus? Das ist natürlich genauso vermessen wie jetzt zu sagen: Ich mache eine Ausstellung zur DDR oder so.» Das gehe überhaupt nicht. «Das alles ist viel zu krass, viel zu groß, viel zu komplex.»

Mit dem Titel «Rant» will er sich auch mit den anonymen Hasstiraden im Internet auseinandersetzen, die aus seiner Sicht einen völlig verzerrten Blick auf die DDR werfen. «Ich schimpfe auch, aber nicht anonym», sagt Bisky. Zum Beispiel über Margot Honecker, die Frau des Staatsratsvorsitzenden Erich war als DDR-Ministerin für Volksbildung auch für Biskys Abitur 1989 und die «krasse Atmosphäre» in der Schule verantwortlich. «Ich hatte das Bedürfnis, die Frau zu malen und sie dann mit Farbe zu beschmeißen», schildert Bisky. Für das Bild «M» aus diesem Jahr mit den für Bisky typischen kräftigen Farben «habe ich das dann gemacht».

Andere Arbeiten befassen sich mit den Gräueln am Grenzverlauf. So hat Bisky thematisiert, wie DDR-Grenzsoldaten Kinder haben ertrinken lassen, die am Westufer von Grenzflüssen ins Wasser gefallen waren. «Das sagt viel über dieses Land aus», analysiert Bisky, «der Osten wäre nicht untergegangen, wenn die Grenzer das Kind gerettet hätten.»

In Deutschland ist aus Biskys Sicht eine Situation entstanden mit sehr vergleichbaren Themen wie vor 20 oder 25 Jahren: «Der Ossi, das unbekannte Wesen. Was ist denn da los? Warum wählen die denn das Falsche?» Zudem gebe es großes Interesse am Datum 30 Jahre Mauerfall. «Natürlich habe ich meine Assoziationen dazu. Mich lässt ja der Scheiß auch nicht los.» Nun schaue er auf seine DDR-Erfahrung, «verbinde das mit Bildern, die ich vor 15, 20 Jahren gemalt habe zum gleichen Thema». Die Auseinandersetzung ist für Bisky «ein sehr anstrengender, schmerzhafter Prozess». Sein Blick auf die Lage im vereinten Land? «Natürlich ist es auch etwas Schönes, dass das Land sich sozusagen selber ein bisschen findet gerade.» Das sei ein offener Prozess. «Ich bin Bestandteil davon, gehöre einfach dazu und zwar schon seit 30 Jahren.» So wie die anderen auch, sagt Bisky. «Und ich weiß, wo ich herkomme.»

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