"Ich will das so gut wie möglich machen"

Sängerin Katie Melua über Politik, ihre Kindheit in Georgien, Gassenhauer und ihre neue Musik

Chemnitz.

Die britische Sängerin Katie Melua liebt den Sommer und findet, da muss man andere Musik als im Winter machen. Das wird auch auf ihren Konzerten in Sachsen zu hören sein. Katja Solbrig hat mit ihr gesprochen.

Freie Presse: Im Moment kann man gar nicht anders, als nach dem Brexit zu fragen ...

Katie Melua: Oh ja, alle reden darüber! Beim Brexit kommt es mir zum ersten Mal so vor, als ob die Leute wirklich leidenschaftlich geworden sind. Bei mir ist das ein wenig seltsam: Ich habe, bis ich neun war, in Georgien gelebt. Und ich erinnere mich zum Beispiel daran, wie ich dort als Kind in der Schlange angestanden und gewartet habe, um Brot mit einem Coupon zu kaufen. Es gab nichts anderes in den Läden, nichts. Nur das Brot. Und ich hatte solche Angst, zerquetscht zu werden, so dicht drängten sich die Leute! Manchmal fiel die Schule aus, weil man sie nicht heizen konnte. An dieses Level politischen Wahnsinns erinnere ich mich. Deshalb hab ich mich in Großbritannien nicht so sehr mit Politik befasst, die politischen Probleme dort kamen mir immer wie Finetuning vor. Die Leute fangen an, über den Brexit zu lachen. Es gibt diesen Ausdruck "Brexiteering", das ist, wenn man sagt, dass man sich von einer Party verabschiedet, sich dann aber die ganze Zeit noch vorm Kühlschrank rumdrückt. Es ist schon mal gut, dass jetzt Humor hinzugekommen ist.

Werden es britische Musiker in der Popszene künftig wegen des Brexit schwerer haben?

Ich hoffe nicht. Ich glaube, dass, egal, was auf der politischen Ebene abgeht, die Menschen in England, Frankreich, Deutschland und all den anderen Ländern sehr eng beieinander sind. So war es doch auch zwischen Georgien und Russland. Und da standen sich die Länder offiziell feindselig gegenüber, aber im Privaten haben sich die Leute gut verstanden. So lange es genügend zu essen gibt und niemand umgebracht wird, glaube ich nicht, dass die Leute wirklich davon beeinflusst werden von dem, was auf der politischen Ebene passiert. Und die Musikindustrie in Europa ist sehr eng verwoben. Die Leute werden, egal, welche Formulare sie künftig ausfüllen müssen, klar kommen miteinander. Es wird funktionieren.

Zu Ihrer Musik: Im Winter sind Sie bereits mit dem georgischen Gori Choir durch Deutschland getourt, mit dem Sie ihr vorletztes Album aufgenommen haben.

Ja, da habe ich vor allem Lieder vom "In Winter"-Album gesungen. Und ein paar andere Songs. Ich kann schlecht ein Konzert geben ohne "Nine Billion Bicycles" oder "The Closest Thing To Crazy", weil es das ist, was die Leute auf jeden Fall hören wollen. Die Sommer-Tour wird sehr anders sein. Sommer ist meine Lieblingsjahreszeit. Natürlich werde ich den Chor vermissen, aber das Repertoire mit dem Chor ist ein Winter-Repertoire. Ich brauchte etwas, was ich im Winter anhören kann, was mich wärmt. Deshalb hab ich dieses Album gebraucht. Aber im Sommer ist die Stimmung anders, wir machen ein bisschen Jazz und Blues. Ich werde einige der besten Musiker Großbritanniens dabei haben, ich bin sehr froh. An den Gitarren ist mein Bruder Zurab, ich hab so ein Glück, dass er mein Bruder ist! Wir werden nur zu fünft auf der Bühne sein. Es wird ganz anders als die Winter-Konzerte!

Bekommen Sie eigentlich die Stimmung im Publikum bei einem Konzert mit? Und können Sie spontan darauf eingehen?

Mein Instrument als Sängerin ist nicht so sehr die Stimme, mein Instrument sind die Worte. Die Spontaneität liegt eher in den Emotionen, in dem, was der Song in mir auslöst. Wenn ich "The Closest Thing To Crazy" jetzt, mit 34 singe, fühlt es sich sehr anders an, als es sich für mich mit 25 angefühlt hat. Und ich weiß, es wird sich noch mal anders anfühlen, wenn ich 60 oder 75 bin.

So lange wollen Sie noch Konzerte geben?

Ich hoffe es. Wenn man mich lässt. (lacht)

Und "Nine Billion Bicycles" wird noch dabei sein?

Ich denke ja, denn "Nine Billion Bicycles" ist ein lustiger Song. Er ist so jugendlich, so leicht, sorglos ... Manchmal habe ich Probleme mit dem Lied, weil es sich künstlerisch nicht ernsthaft genug anfühlt. Aber wenn ich auf der Bühne stehe und das Lied singe und sehe, wie Paare ineinander verschmelzen und sich an den Händen halten, dann kann man nicht so richtig darüber streiten. Also muss ich es weiter singen.

Musikkritiker sagen, ihr aktuelles Album "The Ultimate Collection" sei besonders wichtig, weil Sie nun beweisen müssten, ob Sie ohne Ihren Entdecker und langjährigen Manager Mike Batt klar kommen - ist das so?

Wir haben uns vor vier Jahren getrennt. Das erste Album ohne Mike Batt war "In Winter", die Aufnahmen mit dem Gori Choir in Geor-gien. Das war etwas ganz, ganz anderes als das, was ich vorher gemacht habe. Aber auch "Ultimate Collection" ist kein richtiges Studioalbum, sondern etwas, um zurückzuschauen. Eine Möglichkeit, das zu reflektieren, was ich bis dahin gemacht habe. Mittlerweile weiß ich, dass ich in Mike den besten Mentor hatte. Aber je erwachsener und erfahrener ich wurde, desto mehr wurde mir klar, dass ich andere Vorstellungen vom kreativen Prozess habe. Ich arbeite gerade an einem neuen Album. Ich mache sehr gern Alben, und mit oder ohne Mike will ich das so gut wie möglich machen.

Katie Melua spielt am 30. Juli in der Jungen Garde in Dresden, am 31. Juli in der Parkbühne im Clara-Zetkin-Park in Leipzig. Tickets gibt es in allen Freie-Presse-Shops.

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