Im Mekka des Prog-Rock

Jedes Frühjahr versammeln sich hunderte Fans aus ganz Europa im Vogtland beim Reichenbacher Art-Rock-Festival. Der dreitägige Band-Marathon hat inzwischen Kultstatus.

Reichenbach.

"Good evening, Raikenbek" - so oder ähnlich klingt es, wenn internationale Bands ihren Auftritt beim Art-Rock-Festival im Neuberinhaus beginnen. Man hört den Namen der vogtländischen Kleinstadt in englischen, italienischen, niederländischen, polnischen, sächsischen, hessischen, bayerischen, fränkischen, kölschen Dialogen. Das dreitägige Festival genießt in ganz Europa Kultstatus und belebt die ansonsten nachts wie ausgestorben liegende Stadt für ein Wochenende wie kaum ein anderes Kulturereignis.

Schon im Foyer des Neuberinhauses, mit dem Organisator Uwe Treitinger einen idealen Partner gefunden hat, stimmen Konzertfotos von Andreas Tittmann und Bodo Kubatzki auf die drei langen Konzertabende ein. Die beiden waren bei unzähligen Gigs, zum Teil auch in Reichenbach beim Festival oder im Bergkeller, mit der Kamera dabei und haben zahllose Größen des Art- und Progressive Rock in faszinierenden Porträts festgehalten, in denen sich mitunter ein ganzes Musikerleben spiegelt.

Mit dem Italiener Claudio Simonettis Band Goblin dürfte Freitagnacht ein lohnendes Motiv hinzugekommen sein. Goblin sind in Italien eine Legende, vor allem wegen der Musiken zu Dario Argentos Thrillern und Horrorfilmen. Die macht die verjüngte Band um Simonetti (es gibt eine zweite mit weiteren Gründungsmitgliedern) mit Videoeinspielungen im Konzerts auch zum Teil der Show. Sie faszinieren mit Instrumentalrock, der leichthändig Anleihen bei Klassik und Folklore nimmt - mitreißend. Mit IQ und Karat standen weitere Genre-Legenden auf dem umfangreichen Konzertprogramm des Wochenendes.

Aber es gelingt den Organisatoren auch immer wieder, jüngere Bands zu engagieren, die sich als Nachfolger von Prog-Rock-Größen wie Genesis, King Crimson, Emerson, Lake & Palmer oder Yes sehen. Sie füllten in ihren besten Zeiten auch Stadien; inzwischen ist die Sparte eher ins Nischenprogramm gewandert. Und weil alles eine Schublade braucht, um eingeordnet zu werden, heißt diese Art Musik eben immer noch Progressive Rock, obwohl sich der Fortschritt auf die Zeit vor 40 Jahren bezieht. Die Band Silhouette aus Holland etwa klingt mit ihrem von Keyboards und Gitarren dominierten Sound wie Genesis, als sie noch keine Pop-Band, aber auch nicht mehr so avantgardistisch waren wie zu Anfang. Die Songs sind manchmal gefühlt 40 Minuten lang, was daran liegt, dass die Spannung nicht immer ganz ausreicht und die Texte sich mitunter im allgemein Philosophischen verlieren, wo früher knallhart und hochdramatisch aktuelle Probleme behandelt wurden. Mirror, eine deutsche Prog-Rock-Band, 1987 im Ruhrgebiet gegründet, nach diversen Pausen immer noch aktiv und mit ihren opulent orchestrierten Songs über Schuld und Opfer im Niemandsland bleibt hörenswert. Eine weite Anreise hatten Red Sand. Das nach einem kanadischen Küstenstreifen benannte junge Quintett aus Quebec bewegt sich zwar im Rahmen der Prog-Rock-Konventionen, aber mit ganz eigener Klangfarbe: eindringliche Gitarren, Keyboards, teils etwas modern und digital gesteuert, kaum weniger als zehn Minuten lange Songs mit ausgiebigem Instrumentalanteil, emotionaler, ausdrucksstarker Gesang mit schauspielerischem Anspruch. Ihre Themen zielen auf Aktuelles: "Manchmal benutzt uns unsere Regierung wie Marionetten", sagt Sänger Steff Dorval. Es gibt Songs über Masken, Prägungen in der Kindheit - hörenswert.

Aber die Musik macht nur einen Teil der Faszination des Festivals aus. Da sind die vielen freundlichen Helferinnen und Helfer, die sich unermüdlich um Getränke und Imbiss kümmern. Da sind die Gelegenheiten, die Musikerinnen und Musiker im Foyer zu treffen, zu diskutieren; vogtländische Instrumentenbauer, die das Festival - auch mit ihrer Anwesenheit - unterstützen; Gespräche mit Gleichgesinnten über vergangene und künftige Konzertbesuche. Und die gemeinsame Vorfreude auf das nächste, dann schon achte Festival im Mekka des Prog-Rock.

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