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Soziologe Thomas Wagner arbeitet in seinem Buch "Der Dichter und der Neonazi" den Briefwechsel zwischen Erich Fried und Michael Kühnen auf.

Wien/Hamburg.

Leicht befremdlich erscheint der freundschaftliche Ton zwischen den beiden: Als hätten sie Kreide reichlich gefrühstückt, hofieren sich Erich Fried (1921-1988) und Michael Kühnen (1955-1991) in ihren Briefen - der jüdische Dichter, dessen Großmutter in Auschwitz vergast wurde und der selbst nur knapp einer Deportation durch die Nazis entkamt, und "Deutschlands berühmtester Neonazi", wie ihn Thomas Wagner im gerade erschienenen Buch "Der Dichter und der Neonazi" nennt. 16 Briefe schrieben sie sich zwischen dem 27. Dezember 1984 und dem 10. Juni 1987, heute befinden sie sich im Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek Wien. Eine außergewöhnliche Korrespondenz, die nicht nur seinerzeit für Erstaunen sorgte.

Wie der Untertitel des Buches gleich von einer "deutschen Freundschaft" zu reden, ist sicher übertrieben. Aber eine gewisse Achtung voreinander lässt sich den beiden Briefpartnern nicht absprechen. Bisher wurden die Korrespondenz nur in Fachkreisen diskutiert - und durch eine literaturwissenschaftliche Arbeit von Tilman von Brandt, die sich mit "Öffentlichen Kontroversen um Erich Fried" (2003) beschäftigte. Der 1967 in Rheinberg geborene Kultursoziologe und Journalist Thomas Wagner arbeitet sie jetzt für eine breite Öffentlichkeit auf. Nicht zuletzt, weil die Frage nach dem Umgang mit Rechtsradikalen heute, da die AfD im Bundestag sitzt, an Aktualität nichts verloren hat.

Der erste Kontakt zwischen Fried und Kühnen erfolgte 1983 nach der Talkshow "III nach 9", zu der der Neonazi ursprünglich eingeladen, dann aber wieder ausgeladen worden war, weil man ihm kein Podium bieten wollte. Erich Fried kritisierte das in der Sendung: "Wir trauen uns offenbar nicht zu, mit so etwas fertig zu werden, wenn er auch herkommt", sagte er und appellierte an die Zuschauer, das Gespräch zu suchen und den politischen Gegner "vielleicht zweifeln zu machen". Kühnen sah die Sendung und ließ sich danach telefonisch mit Fried verbinden, um ihm zu danken. Am Ende waren beide einig, sich eingehender miteinander zu unterhalten und sich möglichst auch bald zu treffen. "An diesem Abend wurden die Weichen für eine selbst für Eingeweihte nur schwer zu verstehende Beziehung gestellt", schreibt Wagner. Die zwei schrieben einander Briefe, Fried widmete Kühnen ein Gedicht und bot sich dem 34 Jahre jüngeren Neonazi an, als der wegen Verbreitung von Nazi-Propaganda zu vier Jahren Haft verurteilt wurde, als Leumundszeuge an. Sogar an Amnesty International schrieb der Dichter später, weil er das Strafmaß für Kühnen als überhöht empfand.

Wagner rekapituliert das alles gewissenhaft und zeigt anhand der beiden Lebensläufe, wie die beiden Männer zu denen wurden, die sie waren. Da ist Erich Fried, der schon mit 16 einen ersten (unveröffentlichten) Roman schrieb, in dem er für eine klassenlose Gesellschaft plädierte und wenig später mit ein paar Schulkameraden eine Widerstandsgruppe gründete. Dort hatte er erlebt, wie junge Nazis beim illegalen Plakatkleben in Wien ihre linken Gegner vor der Polizei warnten. Früh lernte er Nazis als ambivalente Mitschüler kennen, was ihn zeitlebens prägte. Er war bemüht, Einzelnen zu verzeihen und wollte Menschen nicht auf ihre Ideologie oder Verbrechen reduzieren. Das ist der Grund, warum er den Kontakt zu Michael Kühnen suchte: Dieser war schon im katholischen Jungeninternat vom Faschismus begeistert. 1977 wurde er als Leutnant der Bundeswehr wegen seiner rechtsextremen Haltung entlassen - im gleichen Jahr gründete er die Neonazi-Gruppe "SA-Sturm Hamburg" und wurde zu einem der zentralen Köpfe der westdeutschen Neonazi-Szene.

Durch das Miteinander-Sprechen lasse sich mehr erreichen als durch Prügel, so die Ansicht Frieds, der sich durch Kühnens Argumentationen schon mal vor den Kopf gestoßen fühlte und sich zur Ruhe anhalten musste. "Ich frage mich, wie ich argumentieren wollte, wenn einer von meinen Söhnen so etwas geschrieben hätte." Zwar versichert ihm Kühnen, es werde, solange er in der neonazistischen "Bewegung noch etwas zu sagen habe, "keinen undifferenzierten (Rassen-)Antisemitismus geben und nichts gegen die Juden allgemein gemacht oder propagiert werden" - dass es Fried aber, wie der selbst glaubte, gelungen sei, den Neonazi zu überzeugen, sich der Realität des Holocaust zu stellen, bezweifelt Wagner im Buch: Schließlich agitierte Kühnen trotzdem straff weiter. Da wirkt der Dichter mit seinen Idealen eher naiv. Ein spannendes Kapitel Zeitgeschichte ist die Korrespondenz zwischen den Beiden dennoch.

Das Buch Thomas Wagner: "Der Dichter und der Neonazi. Erich Fried und Michael Kühnen." Klett-

Cotta, 176 Seiten,

20 Euro.

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