In den Mund gelegt

Der österreichische Schriftsteller Robert Menasse hat in Essays einen frühen Europa-Politiker mit Sätzen zitiert, die der nie gesagt hat - und einen offiziellen Termin erfunden, der nie stattgefunden hat. Anlass für viele, ihn der Fälschung zu beschuldigen. Anlass auch für die Frage: Wie gehen wir mit Zitaten und Fakten um? Eine Betrachtung.

Wien.

Ende 2017 warf der Historiker Heinrich August Winkler dem europafreundlichen Romanautor und Essayisten Robert Menasse im "Spiegel" vor, seit Jahren aus einer Rede des ersten Vorsitzenden der EWG-Kommission Walter Hallstein (1901 - 1982) falsch zu zitieren (siehe Kasten). Der argumentierte in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", ein Dichter habe andere Freiheiten im Umgang mit Quellen und Zitaten als ein Wissenschaftler oder ein Journalist. Punkt. Und obwohl Menasse, Jahrgang 1954, kein heuriger Hase mehr ist, steht diese Äußerung symptomatisch für eine in dieser Qualität neuen, gar zu sorglosen Umgang mit Fakten. Zumal Menasse als Intellektueller hier mit einer Ausrede, die seiner unwürdig ist, das eigentliche Problem umgeht: Er leugnet die Abhängigkeit des Produktes vom Produzenten und postuliert, dass für den Romancier auch dann die Gesetze des Romans zählten, wenn der einen Essay schreibt. Aber "gespaltene" berufliche Persönlichkeiten, solche also, die sich fiktional, nonfiktional und wissenschaftlich äußern, wechseln damit automatisch ihre Identität als Schaffende. Ein Essayist ist, wenn er einen Essay schreibt, kein Romancier. Dichterische Freiheit ist, meint, etwas anderes als Freiheit der Wissenschaft oder Pressefreiheit. Diese Freiheiten sind nicht kongruent, sie gelten auf verschiedenen Ebenen.

In der Wissenschaft etwa ist der Forscher frei in der Wahl seines Gegenstands. Aber es gibt verbindliche Standards, was sein Herangehen an eine Frage und den Weg zu deren Beantwortung angeht. Der Essayist wiederum muss bei seinen Erörterungen von realen Gegebenheiten ausgehen. Er darf sich nicht willkürlich aus womöglich vielseitig interpretierbaren Äußerungen bedienen und daraus eine ihm genehme, eindeutige Aussage basteln, um sie zum tragenden Element der eigenen Argumentation zu machen. So hat Essayist Menasse das offenbar bei Hallstein getan, indem er ihm in mehreren, nur in sprachlichen Details unterscheidenden Varianten die These in den Mund legte, die Überwindung der Nationalstaaten sei die europäische Idee. Wobei ihm wichtig war, einen Konservativen zu zitieren, der sich damit scheinbar progressiver äußerte als die Nachgeborenen in dessen Partei, der CDU. Damit setzt er die Regel des intellektuellen Diskurses außer Kraft, laut der Faktentreue Leitwährung ist. Dass er dies in guter Absicht tut, ändert daran nichts. Im Gegenteil. Der Idee des einigen Europa, der Menasse mit Zitatklitterei dienen wollte, hat er geschadet. Manchmal muss das Gute - von dem eh' jeder sein Bild hat - argumentative Lücken und Mehrdeutigkeit aushalten. Das Gute und Wahre ist selten einfach. Und das Einfache selten gut oder wahr.

Selbst dichterische Freiheit, wie sie Menasse in "Die Hauptstadt" für sich reklamierte, ist nicht total. Wer einen Roman über die DDR schreibt, der kann sich deren Wirklichkeit, deren Welt nicht aus den Fingern saugen. Gleiches gilt für europäische Geschichte als Hintergrundrauschen eines Romans. Dass Menasse etwa im Roman "Die Hauptstadt" sowie in einigen Reden mit dem historisch unzutreffenden Verweis durchkam, Hallstein habe seine Antrittsrede zum ersten Vorsitzenden der EWG-Kommission 1958 in der Gedenkstätte des NS-Vernichtungslagers Auschwitz gehalten, zeugt von Geschichtsvergessenheit.

"Walter Hallstein ist bekannt als Erfinder einer Doktrin, mit der die Anerkennung der DDR verhindert werden sollte. Dass mitten im Kalten Krieg dieser erste oberste Beamte des westeuropäischen Staatenbundes seine Antrittsrede auf dem Boden der Volksrepublik Polen gehalten haben könnte, ist viel unwahrscheinlicher als jedes erlogene Augenzeugnis von Claas Relotius. Es ist, nach allen Maßstäben historischen Wissens und historischer Logik, schlicht unmöglich. Aber keiner der Interviewer, denen Menasse das Märchen erzählte, fragte nach", schrieb Patrick Bahners um die Jahreswende in der "FAZ".

Hätte es Hallsteins Rede in Auschwitz wirklich gegeben, wäre sie heute so tief im europäischen Bewusstsein verankert wie Willy Brandts Kniefall in Warschau. Aber wer nichts weiß, muss alles glauben. Und geglaubt wird gern. Nicht erst seit Facebook, Twitter & Co. Sondern schon immer. In diesem Fall, weil die Idee so verlockend war, dass, wie Menasse erläuterte, das gemeinsame Europa da begonnen worden sein sollte, wo der Nationalstaatsgedanke in seiner schlimmsten Ausprägung hingeführt habe.

Warum wird falsch zitiert, ungeprüft geglaubt? Um Sympathieträger oder Vertreter eines Feindbildes zu instrumentalisieren, sich auf die Seite der Guten zu stellen, ein vorgefasstes Bild vom Zitierten zu stärken, eigenes Verhalten zu rechtfertigen. Harmloses Beispiel: Seit Jahren ist ein vorgebliches Zitat Albert Einsteins im Umlauf, das besagt: "Wenn ein unordentlicher Schreibtisch für einen unordentlichen Geist steht, wofür steht dann ein leerer Schreibtisch?" Argumentative Munition für Aufräum-Muffel, per se brillant und bedenkenswert. Aber nein, irgendwer meinte, das Zitat müsse, um Gewicht zu haben, von Einstein sein, der tatsächlich kein Ordnungsfanatiker war. Als ob das eine Rolle spielte. Dass er das je gesagt hat, ist indes unbewiesen. Ball paradox: Das Internet setzt Zitate in die Welt, die im Internet selbst nicht nachprüfbar sind. Und hilft auch nicht, mit uralten Zitat-Legenden aufzuräumen. Das Apfelbäumchen, dass Luther noch vorm Weltuntergang pflanzen wollte? Unausrottbar, aber vor 1944 unbekannt. Marie Antoinettes Satz von den Bauern, die Brioche essen sollen, wenn es an Brot fehlt? Eine Wanderanekdote - sie kursierte schon über andere Regentinnen, als sie gerade elf war. Bundespräsident Heinrich Lübkes Grußadresse bei der Liberia-Visite "Liebe Neger"? Nicht belegt.

Wer hat wann was gesagt? Die Hoffnung auf mehr Klarheit und Wahrheit außerhalb professioneller Medien, deren Glaubwürdigkeit ihr Kapital ist (und bisweilen sträflich aufs Spiel gesetzt wird), stirbt zuletzt. Heute kann man Videos in Bild und Ton so akkurat fälschen, dass man Papst Franziskus ein Gebet an Satan in den Mund legen könnte und US-Präsident Donald Trump das Bekenntnis vor seinen Fans, er sei schwul und stolz darauf. Wachsamkeit und Redlichkeit sind gefragt, damit man auch künftig anderen Menschen etwas glauben kann.

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1Kommentare
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  • 0
    1
    franzudo2013
    08.01.2019

    Menasse ist ein Lügner und Betrüger. Er gehört hinausgeworfen aus den Tempeln der Literatur.
    Kein Überlebender wie Imre Kertesz oder Carl Laszlo haette jemals so einen Gedanken an das Geschehene so verdreht.
    Menasse kann bei Soros anfangen. Der Kolloborateur liebt die Lügen, die ihm seine Existenz erträglich machen.



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