"In der Badewanne singe ich"

Schauspielerin Katharina Thalbach über ihren neuen Kinofilm "Ich war noch niemals in New York", ihr Hotelbar-Erlebnis mit Udo Jürgens und das alte New York

Für seine Leinwandversion des erfolgreichen Udo-Jürgens-Musicals "Ich war noch niemals in New York", das jetzt in die Kinos gekommen ist, hat Regisseur Philipp Stölzl ein bemerkenswert hochrangiges Ensemble zusammengetrommelt, um es in bunten Kulissen singen und tanzen zu lassen. In der Rolle der vernachlässigten Mutter Maria, die nach einem Gedächtnisverlust als blinder Passagier eines Kreuzfahrtschiffes gen New York schippert, macht die beliebte und vielseitige Schauspielerin Katharina Thalbach eine gute Figur. André Wesche hat sich mit ihr unterhalten.

Freie Presse: Frau Thalbach, singen Sie unter der Dusche?

Katharina Thalbach: Nein. Ich dusche nicht gerne, ich bin ein Bader. In der Badewanne singe ich, ja. Meistens das, woran ich momentan arbeite. Im Augenblick erklingen da gerade Cowboysongs.

Sie haben sich nach eigenem Bekunden erst in den letzten zehn Jahren dem Gesang gewidmet. Warum so spät?

Sagen wir es mal so: Ich habe mich ein wenig dem Tingeltangel ergeben. Und das mit großer Freude. Vor zehn Jahren habe ich zusammen mit Andreja Schneider ein Musikprogramm gespielt, mit sehr vielen Schlagern, aber auch mit Operette. Es war ein Ritt quer durch die deutsche Musikgeschichte. Gesungen habe ich immer schon. Ich habe ja am Berliner Ensemble angefangen und dort die Polly in der "Dreigroschenoper" gespielt. Singen gehörte für mich eigentlich immer dazu, aber immer nur innerhalb von Stücken, nie im Film. Im Film habe ich nur einmal, in meiner ganz frühen Zeit, am Klavier gesessen und "Santa Lucia" gesungen.

Wann haben Sie erstmals entdeckt, dass Udo Jürgens tatsächlich mehr war als ein Schlagersänger?

Ein Schlagersänger in dem Sinne war er für mich sowieso nie. Für mich war er eher ein Chansonnier. Ich wusste schon sehr früh, dass er eigentlich vom Jazz kam. Für mich war seine Musik immer etwas völlig anderes als "Und dann hau' ich mit dem Hämmerchen mein Sparschwein". Sein Werk bekam dann fast Volksliedstatus. Mir wurde es zum ersten Mal mit "Siebzehn Jahr', blondes Haar" so richtig bewusst. Ich glaube, da fühlte ich mich angesprochen.

Sind Sie Herrn Jürgens jemals persönlich begegnet?

Ja. Einmal in Wiesbaden, an der Hotelbar. Die haben wir dann auch lange nicht verlassen, während wir uns vielen Getränken hingegeben haben. Und sehr vielen Zigaretten. Wir haben uns - und Sie werden staunen - eine ganze Weile über Brecht und Heinrich Heine unterhalten. Da hatte er bei mir einen großen Stein im Brett, weil ich gemerkt habe, dass er ein richtig gescheiter Mann ist.

Wie Regisseur Philipp Stölzl sind auch Sie eine gefeierte Opernregisseurin. Steht man als solche dem Musicalgenre nicht erst einmal skeptisch gegenüber?

Nein. Ich verweigere mich dem ja sowieso. Ich verstehe diese deutsche Arroganz immer nicht, zu sagen: Das ist nur schnöde Unterhaltung, und das ist die hohe Kunst. Das kenne ich nicht. Natürlich gibt es gute Musicals und schlechte Musicals. Wenn ich in London oder in New York bin, gehe ich immer sehr gern in Musicals, weil die das dort einfach wahnsinnig gut können. Ich habe aber durchaus auch Sachen gesehen, aus denen ich vorzeitig rausgegangen bin, weil ich es einfach furchtbar fand. Andere Vorstellungen haben mich umgehauen. Ich kann dem Genre gar nicht in irgendeiner Weise misstrauisch gegenüberstehen. Auch das gehört für mich dazu, so wie es die abstrakte Kunst und die abbildende Malerei gibt. Und alles hat seine Berechtigung. Ich halte es da immer mit Goethe: Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen.

Was auf der Leinwand leicht und schwerelos wirkt, ist oft das Ergebnis besonders harter Arbeit. Würden Sie das auch in diesem Fall unterschreiben?

Ja. Ich habe mich ja sehr viel mit solchen Dingen beschäftigt, am Theater und nun auch in diesem Film. Und es ist sehr harte Arbeit. Besonders das Tanzen.

Sind Sie seetauglich?

Ja, da hatte ich noch nie Probleme.

Kreuzfahrten sind seit einiger Zeit aus Umweltschutzgründen, aber auch wegen des ausufernden Tourismus in die Kritik geraten. Verfolgen Sie die allgegenwärtigen Klimadiskussionen?

Man kann ja gar nicht anders, als das zu verfolgen. Und den Klimawandel merkt man ja auch, selbst wenn man nicht Fernsehen guckt. Die Bäume verbrennen in den Sommern, das ist ja alles nicht mehr zu übersehen. Aber ich kann Sie beruhigen: Unser Kreuzfahrtschiff hat nicht einen Liter Öl verbraucht. Es hat nicht ein einziges Mal die Sicht auf Venedig verstellt. Es stand die ganze Zeit über im Studio. Es war auch kein so großes Kreuzfahrtschiff, wie sie jetzt gebaut werden. Im Grunde genommen ein kleines Schiffchen. Und ein sehr klimafreundliches.

Ist die "MS Maximiliane" aus dem Film so ein bisschen Deutschland anno 2019: Oben wird Champagner getrunken, unten schuften die Armen?

Das ist ein schönes Bild. Aber ich glaube nicht, dass das gesellschaftskritisch gemeint ist. Man kann ja deutlich sehen, dass wenigstens im Film die unten wesentlich mehr Vergnügen haben.

Sie waren 1978 zum ersten Mal in New York, bevor die Stadt durch eine harte Gesetzgebung stark entkriminalisiert wurde. Welche Erfahrungen haben Sie dort gesammelt?

New York war einfach wild. Alles war so nah beieinander, die alte und die neue Zeit. Man ist in ein Kaufhaus gegangen, und dort gab es die schicksten und teuersten Klamotten. Thomas Brasch hat sich eine Jacke gekauft, die ihm ein bisschen zu groß war. Da ist man mit uns hinten in eine kleine, jüdische Schneiderei mit diesen alten Nähmaschinen gegangen. Man dachte, man befindet sich in einem alten Film. In jedem Drugstore haben die Verkäufer schlechteres Englisch gesprochen als man selbst. Die Stadt war voll von Pennern und Trunkenbolden. Es ist schwer zu beschreiben. Komischerweise hatte ich nie Angst. Und es ist uns auch nie etwas passiert. Wir sind von einer Kneipe zur anderen gezogen und haben den besten Jazz der Welt gehört. Es war wirklich sehr, sehr aufregend. So aufregend finde ich es heute nicht mehr, muss ich sagen. Die Globalisierung hat auch New York nicht unbedingt gutgetan.

Wo wurden Sie Zeugin der Ereignisse vom 11. September 2001?

Wir hatten Theaterproben. Am Tag vorher haben wir ziemlich getrunken. Ich habe im Theater geschlafen und wurde geweckt, weil jemand rief: Unbedingt den Fernseher einschalten! Und dann sah ich live, wie das zweite Flugzeug da reingerauscht ist. Natürlich war dann an Arbeit nicht mehr zu denken.

Im Gegensatz zu Lisa und Maria im Film scheint die Familie Thalbach immer gemeinsam an einem Strang zu ziehen. Was haben Sie bei Ihrer Erziehung richtig gemacht?

Ich habe mein Kind sehr früh bekommen. Deshalb kann ich alles noch miterleben. Das ist alles, was ich dazu sagen kann.

Mit 66 Jahren fängt das Leben angeblich erst an. Sind Sie schon aufgeregt?

Nee. Ich glaube, ich habe die wichtigen Punkte schon erreicht. Seit diesem Monat bekomme ich Rente. Ich gehöre zu den wenigen Glücklichen, die noch Rente kriegen. Also gedenke ich das auch zu genießen.

Schwer vorstellbar, dass Sie die Hände in den Schoß legen.

Nein, das nicht. Aber ich muss ja nicht mehr arbeiten. Theoretisch.

Gibt es ein Sehnsuchtsziel, das Sie bislang noch nicht besucht haben?

Ich möchte gern mal die Nordlichter sehen. Das habe ich noch nicht geschafft.


Katharina Thalbach

Am 19. Januar 1954 kam Katharina Thalbach in Ostberlin als "Katharina Joachim genannt Thalbach" zur Welt. Ihre Zukunft schien vorgezeichnet, ihr Vater war der Schweizer Regisseur Benno Besson, ihre Mutter die Schauspielerin Sabine Thalbach ("Der Untertan").

Das Theater bildete von Kindesbeinen an ein zweites Zuhause für das Künstlerkind. Schon mit fünf Jahren stand Thalbach selbst auf der Bühne und vor der Filmkamera. Die legendäre Schauspielerin Helene Weigel nahm das Talent am Berliner Ensemble unter ihre Fittiche. Wichtige Filmrollen spielte Thalbach in Defa-Produktionen wie "Lotte in Weimar" oder "Die Leiden des jungen Werthers".

Ende 1976 siedelte die Frau mit der unverwechselbaren Stimme gemeinsam mit ihrem damaligen Lebensgefährten, dem Schriftsteller Thomas Brasch (1945 - 2001), nach Westberlin über, was ihrer Karriere keinen Abbruch tat. Im Gegenteil. 1979 machte Volker Schlöndorffs Oscar-Erfolg "Die Blechtrommel" Katharina Thalbach auch international bekannt. Gegen Ende der 1980er-Jahre begann die Schauspielerin regelmäßig die beruflichen Seiten zu wechseln. Als Regisseurin inszenierte sie Theaterstücke und Opern, während sie Filmen wie "Sonnenallee", "Strajk - Die Heldin von Danzig" oder "Der Mond und andere Liebhaber" ihren Stempel als Darstellerin aufdrückte. Besonders gern präsent ist die 65-Jährige auch in Kinder- und Jugendfilmen wie der "Edelstein"-Trilogie, "Wuff - Folge dem Hund" oder den "Hanni & Nanni"-Filmen.

Auch diverse Hörbücher hat Thalbach eingelesen, zudem ist sie als Synchronsprecherin gefragt. Ihre Trophäensammlung umfasst neben dem Bundesverdienstkreuz auch den Grimme-Preis, die Carl-Zuckmayer-Medaille, diverse Film- und Darstellerpreise sowie den Deutschen Comedypreis und seit diesem Jahr auch den "Goldenen Ochsen".

Tochter Anna und Enkelin Nellie sind in die Fußstapfen von Katharina Thalbach getreten und standen wiederholt mit ihr auf der Bühne. (aws)

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