In der Hölle der Erinnerung

Der Oper in Gera gelingt eine spektakuläre Inszenierung von Mieczysław Weinbergs "Die Passagierin". Sie verklingt ohne Applaus - auf ausdrücklichenWunsch desTheaters.

Gera/Altenburg.

"Die Passagierin" von Mieczysław Weinberg (1919 - 1996) ist es eine Jahrhundertoper. Nicht, weil da einer die Musiksprache des 20. Jahrhunderts revolutioniert hätte. Diese Musik des Schostakowitsch-Schülers verlässt die theatertaugliche, hoch emotional erzählende Tonalität nicht. Er kommt aber dem Zivilisationsbruchmitten im 20. Jahrhundert so nah, dass es einem die Sprache verschlägt. So sehr, dass sich Schlussbeifall von selbst verbietet. In Gera wird ausdrücklich darum gebeten, nicht zu applaudieren. Die endlose Reihe von Namen, die am Ende auf den Vorhang projiziert werden, macht klar, warum. Alle eint der Ort hinter ihrem Todesdatum: Auschwitz. "Die Passagierin" ist eine Oper, die in das Vernichtungslager Auschwitz führt und das auch noch als Erinnerung einer Täterin.

Zu Beginn der Oper ist diese Lisa Franz 1960 auf der Überfahrt aus dem Nachkriegsdeutschland des Wirtschaftswunders nach Brasilien, weil ihr Mann Walter (János Ocsovai) dort einen Diplomatenjob antreten soll. Auf dem Schiff erkennt sie in einer Passagierin jene Marta wieder, deren Aufseherin sie im KZ war und zu der sie eine Beziehung besonderer Art aufgebaut hatte.

Regisseur Kay Kuntze und sein Ausstatter Martin Fischer haben mit ihrem Drehbühnenkonstrukt das Kunststück vollbracht, sowohl vom Überseedampfer, als auch vom Lager eine Vorstellung zu vermitteln, ohne dabei allzu naturalistisch zu werden oder sich von der Assoziation der konkreten Räume ins Unverbindliche zu entfernen. Ein Konstrukt von Treppen, Gängen und Plateaus führt auf das Schiff; der Raum hinter der halbrunden Schiffswand direkt ins Lager. In die Erinnerung. Die Barackenatmosphäre ist in eine Ansammlung von Tischen übersetzt. Mit den Tischbeinen nach oben wirken sie wie Käfige für die Gefangenen. Die Kostüme kommen dem Chic der 50er ebenso nahe, wie das SS-Schwarz der Uniformen und die Lumpen der Gefangenen der Kleiderordnung in der Hölle des Vernichtungslagers.

Die Oper bezieht ihre Überzeugungskraft aus einer spürbaren Authentizität und der Verknüpfung von Opfer- und Täterperspektive. Bei den einen ist es der Kampf um das pure Überleben und einen Rest Menschlichkeit, der berührt. Auf der anderen Seite schockiert der im Grunde perverse Wunsch nach einer Art Dankbarkeit der Häftlinge, die nicht sofort für die Gaskammer selektiert werden, und die Fassungslosigkeit der Aufseherin über den Hass in den Augen ihrer Opfer.

So wie man über die vokale Qualität des Protagonisten-Ensembles nur staunen kann, lässt sich auch das Philharmonische Orchester Altenburg-Gera unter Leitung des Generalmusikdirektor Laurent Wagner mit Präzision und Hingabe sowohl auf den lakonischen Parlandoton als auch das unverstellte Pathos ein oder wechseln souverän zu Zitaten und schlichten Liedern.

An der Spitze des durchweg überzeugenden Protagonisten-Ensembles überzeugen Anne Preuß als Marta und Annette Schönmüller als ihre KZ-Aufseherin Lisa Franz restlos. Mit Ihrem Satz "Ich war eine ehrliche Deutsche. Ich bin stolz, denn ich habe meine Pflicht getan!" kommt sie (heute erneut!) dem aufflackernden Verdrängungsfuror einer neuen Rechten beängstigend nahe.

Weinberg hat seine Oper 1969 geschrieben. Sie wurde aber erst 2010 in Bregenz szenisch uraufgeführt. Der in Polen geborene Jude entkam (anders als seine Eltern und seine Schwester) dem Ausrottungswahn der Nazis 1941 in die Sowjetunion, geriet aber auch dort in den Strudel des Antisemitismus. Der Einsatz Schostakowitschs und Stalins Tod ließen ihn überleben. Es sind nicht nur die von den Nazis vertriebenen oder ermordeten Zeitgenossen eines Richard Strauss, denen die Nachwelt etwas schuldig ist. Auch Zeitgenossen Schostakowitschs geht es so.

Weitere Vorstellungen von "Die Passagierin" zeigt die Oper Gera am 17. März, 16 Uhr, 2. April, 18 Uhr, sowie 17. Mai 19.30 Uhr und und 19. Mai, 14.30 Uhr. Kartentelefon 0365 8279105. 

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