Installation in den Kunstsammlungen Chemnitz: Das Messer und die Wunde

Die Kunstsammlungen Chemnitz spielen mit Kinoästhetik zwischen Pacino und Lynch: Die Installation "Sieben Tage" ist ein subtil tiefsinniges wie zugängliches Werk über den schmalen Grat, auf dem der Mensch durchs Dasein dilettiert.

Chemnitz.

Installationskunst - war das nicht was mit Beuys und Fett, das zu erfassen man als Laie kaum in der Lage sein kann? Oft mag das so sein. Wie zugänglich tief derartige Formate aber sein können, zeigen die Kunstsammlungen Chemnitz mit ihrer aktuellen Ausstellung "Fan der Menschheit" des Münchener Künstlerduos Marc Weis und Martin De Mattia alias M+M. Sehenswert ist bereits der "Panic Room Chemnitz", der Angela Merkels berühmte "Wir-schaffen-das"-Rede detailliert zerlegt. Höhepunkt ist aber die Videoinstallation "Sieben Tage", die in jeweils zwei parallel laufenden Filmsequenzen einen Wochentag anschneidet. Das mit den parallel laufenden Szenen mag in der Beschreibung zwangsläufig chaotisch anmuten - praktisch erzeugt es aber ein unterschwelliges Schweben, mit dem die Macher perfekt spielen: Beide Zugleich-Filme zeigen jeweils das Gleiche, nur mit objektiv marginalen Unterschieden. Man kann dem rund 20-minütigem "Wochenzyklus" folgen wie einer Fernsehserie: da rüttelt nichts. Doch das vermeintlich Marginale beginnt stoisch, Risse aufzuziehen, die Detailschwebungen drücken den Betrachter unter die Oberfläche, wo ein berührend schockierendes Panoptikum unliebsamer Zusammenhänge wartet.

Der Einstieg ist dabei poppig, fast zu simpel: Zu ihrer Installation haben De Mattia und Weis exklusiv für Chemnitz eine achte Episode erstellt, die das Prinzip der "Sieben Tage" anhand Al Pacinos Antigottmonolog aus dem Blockbuster "Im Auftrag des Teufels" von 1997 ("Ich bin ein Fan der Menschheit! Ich bin Humanist, vielleicht der letzte Humanist!") umreißt: Der Text wird, aus dem Hollywood-Pathos geschält, von "Gott" und "Teufel" parallel gesprochen: "Gut" und "Böse" ad absurdum, okay.

Richtig bemerkenswert funktioniert das aber in der Hauptinstallation mit ihrer Anmutung von David Lynch "Twin Peaks": Bindung, Besitz, Gewalt, Lust - Hauptschlagadern des Lebens werden in den Parallelszenen auf doppelte Böden und ihre Wirkung im Perspektivwechsel abgeklopft. Das passiert mal subtil wie bei einer Autofahrt à la Film Noire, dann wieder dramatisch mit einem blutigen Mord: Das Rasiermesser, mit dem einem Gesicht gerade ein gesellschaftlich vorzeigbares Äußeres abgetrotzt wurde, trennt auch Kehlen durch.

Der Zuschauer muss dazu die Unterschiede in den quasigleichen Szenen entschlüsseln - mal ist es das Geschlecht, mal Varianten in den Texten, mal das Alter, mal der Familienstand der Protagonisten, die sich um Schauspieler Christoph Luser ("Mein bester Feind") als konstanten Hauptakteur gruppieren. Das ist ebenso spannend wie im Arthouse-Sinn ästhetisch und erfreut mit Kultszenen-Zitate von "Shining" bis zum "Andalusischen Hund". Doch dann beginnt die Installation zu erzählen: In der "Lazarus"-Szene etwa, in der Luser als Sohn eines Industriellen dem Besitz abschwört, um Gutes zu tun - was trotz vermeintlich offensichtlicher Richtigkeit einfach absurd wirkt. Klar: Verzicht muss Accessoire bleiben - wird er lebensverändernd für Geber wie Nehmer, kippt die Win-Win-Situation in eine drastische Gefahrenlage, weil sie den Bestand der Gesellschaftspyramide infrage stellt.

Die Installation ist gespickt mit derlei Gedankenschockwellen, die profan, leise und unaufgeregt aus den Bildern treten. Frappierend zum Beispiel, wie es wirkt, wenn der Konzernchef parallel Frau und Mann ist: Er souverän und gütig, sie verkniffen unbeherrscht - dabei sind Szene, Spiel, Dialoge gleich. Was der Film zeigt, ist das Bild im Kopf, ein Mem. Dem kann man sich emotional auch dann nicht entziehen, wenn man es intellektuell als falsch erkannt hat. Also: Wir entscheiden uns an sieben Tagen in der Woche anhand von Eindrücken, die in ihrer Fragilität extrem von den Umständen der Gewinnung abhängen.

Noch drastischer ist der Rahmen von Montag und Sonntag, in dem der Akteur parallel mit einem Kind und einer Erwachsenen erst über Verantwortung, Macht und Schutz spricht - und dann beiden beim Austausch über Nähe und Zuneigung, Anziehung und Gefallen im Bett umkreist. An diesen Stellen ist die Installation regelrecht bedrückend intensiv, weil sie den scharfen Grat gerade bei den prägendsten Kräften im Leben zeigt - und wie er aus verschiedenen Perspektiven verstanden oder missverstanden werden kann: ein Rasiermesser. Mit dieser Kino-Erfahrung wird das Museum zur Tür, über die man durch die populäre Oberfläche tief in den Maschinenraum des Dasein steigt.

Die Ausstellung "Fan der Menschheit" von M+M ist noch bis 22. September in den Kunstsammlungen Chemnitz zu sehen.

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