Intendant des Vogtland-Theaters: "Ein Vergnügen am Denken"

Herbst '89 Theaterintendant Roland May über die Wende in Plauen, den Umschwung am Theater und die Kunst der Unterhaltung

Plauen.

Am Plauener Vogtland-Theater wird das Wendejubiläum der Stadt, in der am 7. Oktober 1989 die erste friedliche Massendemonstration der DDR stattfand, mit mehreren speziellen Programmpunkten begangen. Intendant Roland May will damit auch die besondere Rolle von Theater vor, während und nach dem Mauerfall ins Blickfeld rücken. Tim Hofmann hat mit ihm gesprochen.

Freie Presse: Herr May, wann haben Sie als Nicht-Plauener verstanden, wie besonders die Wende in der und für die Stadt war?

Roland May: Über die Jahre. Am Anfang denkt man, das war der etwas aufmüpfige, dickschädelige Vogtländer, der sich an seine besondere Geschichte klammert. Der Plauener hat oft Befürchtungen, dass er in Vergleichen hinten runterfällt, aber dann begreift man, dass es eben doch sehr einmalig war an diesem 7. Oktober 1989 in der Stadt, diese erste wirklich große Demonstration der Bevölkerung, bei der die Staatsmacht der DDR eingeknickt ist, einknicken musste. Weil da eben viel zu viele Plauener auf der Straße waren. Dann merkt man, es gab da Zustände in Stadt und Land, die man einfach nicht mehr ertragen konnte. Deshalb irritiert es die Menschen hier, wenn ausgerechnet ein Auflauf von fast 20.000 Menschen an dem Tag nicht reflektiert wurde, und deswegen haben etliche Protagonisten der Stadt über die Jahre diesen Kampf geführt, um in angemessener Form vorzukommen neben den Ereignissen von Leipzig, Dresden oder Berlin.

Wie schafft Ihr Haus diese Anerkennung im aktuellen Jubiläumsjahr?

Programmschwerpunkt ist "Wir sind auch nur ein Volk", das am Donnerstag im Vogtlandtheater Premiere hat. Eine Adaption von Drehbüchern Jurek Beckers auf der großen Bühne. Am 7. Oktober selbst kommt unser Orchester mit der Gruppe "Apfeltraum" zusammen für Songs der Renft-Combo. Ich selber habe einen Abend entworfen nach einem Biermann-Text: "Die bessren Zeiten sagen guten Tag". Da wollen wir die Zeit vor den Demonstrationen mit reflektieren. Die Unruhe gab es ja schon in den Monaten zuvor; es war der Sommer, in dem viele ausgereist sind über Ungarn. Das Theater damals hat sich mit aus dem Fenster gelehnt. Das Programm in Plauen war kritisch und progressiv, teilweise subversiv. Es war ja auch für die Künstler eine spannende Zeit. Es gab Christa Wolfs Aufruf "Für unser Land". Man hatte vor der Maueröffnung auf Selbstbehauptung gesetzt, hatte gehofft, die Alten würden endlich zur Seite treten, damit Reformen beginnen könnten. Allerdings hat man dann gemerkt, wie marginal man als Künstler oder Intellektueller ganz schnell wurde. All die Schriftsteller, von Heiner Müller über Christoph Hein bis Volker Braun, die mit ihrer Kunst zwischen den Zeilen zu formulieren immer so viel Gehör gefunden hatten, die darauf insistierten erhobenen Hauptes in eine Wiedervereinigung zu gehen, fanden ja dann kein Gehör mehr. Diesen Übergang wollen wir im Abend erfassen: Damalige Reflexionen wieder ins Gedächtnis rufen.

Das klingt sehnsüchtig. War die Wende für das Theater sozusagen auch ein Schlag, von dem es sich nie wieder ganz erholt hat?

Hart gesagt ist Diktatur gut für die Kunst, weil sie dann gegen etwas arbeiten kann. Danach kommen die "Mühen der Ebenen": Dann ist Theater eben eine Möglichkeit von vielen, sich zu bilden und zu reflektieren. In Sachsen können wir froh sein, dass der Stellenwert von Kunst und Theater hier nach wie vor so hoch ist!

Sie spielen auf den wachsenden Einfluss des Entertainments nach der Wende an?

Ja. Das Theater ist erst einmal in eine tiefe Sinnkrise gefallen. Heiner Müller sagte sogar mal frustriert, dass man die Hälfte der hiesigen Theater besser schließen müsste. Das Freizeitangebot war plötzlich größer geworden, die Leute hatten auch erst einmal mit anderen Dingen zu tun, ehe sie wieder in die Theater zurückfanden. Dort waren allerdings viele Führungspositionen zwischenzeitlich mit Importen aus dem Altbundesgebiet, Österreich und der Schweiz besetzt worden, bei denen man nach einigen Jahren merkte, dass das vielleicht nicht überall zu einer guten Ensembleleistung führte. Danach haben sich die Ost-Theater wieder bemüht, irgendwie auch Stachel im Fleisch der Gesellschaft zu sein - da waren sie strukturell aber oft schon in GmbHs ausgegliedert, und das Thema der Einnahmen wurde allgegenwärtig. Seitdem ist da schon eine gewisse Schere zwischen künstlerischem Anspruch und der Forderung nach Wirtschaftlichkeit.

War nach der Wende wirklich die Qualität kritisch, oder prallten da auch unterschiedliche Kunstsichten aufeinander? Im Westen war das Publikum bereit, gestochen zu werden, im Osten war eher der Anspruch, dass "die da oben" gestochen werden?

Das bundesdeutsche Theater hatte vor der Wende von DDR-Theaterleuten wesentliche Infusionen erfahren. Ausgereiste Autoren, Regisseure und Bühnenbildner haben die Gesellschaft in der Bundesrepublik durch ihre künstlerische Auseinandersetzung immer mit beeinflusst. Und die hatten ihren kritischen Impuls aus der DDR ja mitgebracht, der Stachel wurde auch im Westen ausgefahren. Damit haben die durchaus ganze Landesregierungen zur Weißglut gebracht. Nach der "Wende" begann ein Tasten, ein Suchen, welche Inhalte, welche Formen nun gebraucht würden. Die Spielpläne wurden breiter und teils auch gefälliger. Ich finde, Theater könnte sich da heute durchaus mehr trauen. Es braucht im Stadttheater ein Angebot für alle mit subjektiven Handschriften. Aber richtig ist auch, dass Theater heute nicht selten offene Türen einrennt, sich zu oft mit sich selbst und mit Nebenthemen beschäftigt.

Das klingt auch, als hätte die Gesellschaft der Nachwendezeit eine Art Teflon-Schicht gegen die Intentionen des Theaters entwickelt. Aber was bleibt ihm denn dann, Entertainment?

Es ist eine Sisyphusarbeit. Man muss immer wieder neu den Versuch machen, die richtigen Gegenstände zu finden, um im Sinne Brechts den Zuschauer als mitdenkenden Co-Produzenten zu gewinnen, Erkenntnisse und Zusammenhänge aufscheinen zu lassen, auch Machtkonstellationen zu durchleuchten. Davon bin ich fest überzeugt. Gerade heute gibt es viele brennende gesellschaftliche Fragen. Darüber müssen wir in einen Austausch kommen. Und Entertainment heißt ja nicht, belanglos zu sein. Es gibt durchaus nach wie vor Theaterleute, die nur provozieren wollen. Da hat Unterhaltung oft einen komischen Beigeschmack. Ich nenne es mal produktives Vergnügen, was ich als Regisseur erreichen möchte. Es sollte eben im Idealfall ein Vergnügen am Denken sein.

Die Aufführungen Das Lyrik-, Prosa- und Songprogramm "Die bess'ren Zeiten sagen guten Tag" ist am Donnerstag 19.30 Uhr im Löwel-Foyer des Vogtland-Theaters zu sehen. Am Samstag hat dort auf der großen Bühne "Wir sind auch nur ein Volk" von Jurek Becker 19.30 Uhr Premiere. Am 7. Oktober bringt das Philharmonische Orchester mit der Band Apfeltraum dort 20 Uhr das Renft-Programm "Zwischen Liebe und Zorn" zu Gehör.

Roland May 

Der Schauspieler war bis Ende der 1980er-Jahre am Staatsschauspiel Dresden tätig, wo er auch inszenierte. Danach wurde er Intendant am Theater Zittau; zur Spielzeit 2009/10 ging er als Generalintendant ans Theater Plauen-Zwickau. tim

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