Irrfahrt der Heimatlosen

Roland Schimmelpfennigs "Odyssee"-Version erlebt am Staatsschauspiel Dresden ihre Uraufführung - Blick in die Gegenwart inklusive.

Dresden.

"Krieg!". Albrecht Goette schreit dieses Wort den Zuschauern entgegen. "Alles bricht auf, zerreißt. Da ist nichts als Angst, Schmerz, Gebrüll, Blut, weit aufgerissene Augen", ergänzt Hannelore Koch in Anlehnung an Homers Schilderungen des Trojanischen Krieges. Krieg, der Eroberer und Eroberte gleichermaßen heimatlos macht. Ganz bewusst setzt Roland Schimmelpfennig diese Schilderungen an den Beginn seiner Version der Homerschen "Odyssee" für das Staatsschauspiel Dresden. Krieg, Kolonialisierung als Beginn allen Übels.

Der Autor spielt nicht nur mit dem antiken Stoff, er benutzt ihn auch für einen Blick in die Gegenwart. Ein Schachzug, der in knapp zwei Stunden Aufführungszeit vortrefflich gelingt. Am Sonnabend hatte das Stück in der Regie von Tilman Köhler im Schauspielhaus Uraufführung. Der Regisseur greift den Stoff in einem Erzählstil auf, der auf innere Reflexionen setzt. Acht Schauspieler ohne feste Rollenzuweisung stellen sich den Homerschen Gesängen.

Um die Geschichten des Städtezerstörers Odysseus wie bei Homer zu erzählen, erfindet Schimmelpfennig die Figur des Lehrers. Der trifft sich heimlich mit Penelope, der Frau des Odysseus, die seit 20 Jahren auf dessen Rückkehr wartet, liebt sie auf dem Rücksitz seines Kleinwagens und erzählt Geschichten von ihrem Mann. Wahr oder Legende? Für oder wider gibt es nicht. Schimmelpfennigs Sicht ist dennoch eindeutig: Soldaten, die aus dem Krieg zurückkommen, werden genauso zu Flüchtlingen wie die, die ihr Land wegen des Krieges verlassen müssen. Auch wenn die Sprechchöre bisweilen wenig Raum für schauspielerisches Agieren lassen, so sind sie eindrücklich genug. Es braucht keiner Kommentare, um die Irrfahrten der Heimatlosen bis in die Gegenwart zu verfolgen - bestenfalls ab und an aufkommender Klagegesänge (Musik: Jörg-Martin Wagner).

Als Bühnenbild (Karoly Risz) reichen Tilman Köhler ein immer größer werdender Berg an Koffern, die hin- und hergeschoben werden, und zwei riesige holzgetäfelte Wände, die die Irrenden einschließen. Ein Gefängnis, das sie höchstens nutzen können, um an den Wänden aufkommende Winde zu imitieren, die ihnen immer neue Nachrichten zuraunen. Fake? Echt? Keiner weiß es. Die Hoffnung, beim Zyklopen Ruhe zu finden, zerschlägt sich. Denn er und seine besorgten Bürger wollen keine Eindringlinge: "Niemand hat sie eingeladen." Die Sehnsucht nach dem Garten, Frau, Kindern, die längst keine Kinder mehr sind, nach dem Geräteschuppen, der zu Ende gebaut werden muss, Bowlingspiel, Fernsehen - nichts weiter als Suche nach Normalität. Versprechungen lassen die Heimatlosen ins Paradies schweben. Kamen viele nicht auch deshalb nach Deutschland - und wie Odysseus aus Kriegsgebieten, aus Städten, Dörfern, die nicht mehr existieren? Autor und Regisseur müssen diese Parallelen nicht ziehen. Sie sind da. Als sich die Wände öffnen, stehen die ewig Suchenden vor Sternenhimmel und Meer.

Eine Idylle, die trügt. Denn hinter ihnen liegt ein weißes Feld. Das war mal eine ganze Stadt. Und das Meer empfängt sie mit riesigen Wellen. Ein bedrohlicher Ausweg. Und als Odysseus nach Hause kommt, findet er keine Heimat mehr. Die Suche nach dem Grundrecht auf Land unter den Füßen bleibt. So wie die Suche nach Grundrechten auf Rettung und Schwimmwesten, wie Schimmelpfennig es seine Akteure sagen lässt. Irrfahrt ohne Ausweg? Auch wenn sich die Wände wieder schließen, ein Fünkchen Hoffnung bleibt, wenn Eos, Göttin der Morgenröte, am Ende etwas von Aufbruch raunt. Viel Beifall für eine gelungene Irrfahrt, die mitten in Dresden endet.

Weitere Aufführungen von "Odyssee" morgen sowie am 24. September, 19.30 Uhr im Schauspielhaus Dresden.

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