Johannes Bobrowski: In "Sarmatien" eine poetische Heimat gefunden

Am Sonntag jährt sich zum 100. Mal der Geburtstag des Dichters und Schriftstellers Johannes Bobrowski.

Berlin.

Damals fuhr man mit der S-Bahn aus dem Zentrum Berlins bis zur Station Friedrichshagen, ging ein paar Schritte über den Fürstenwalder Damm und bog dann in die kleine, ruhige Ahornallee, wo er seit 1953 mit seiner Familie in dem Haus Nr. 26 bis zu seinem Tod am 2. September 1965 lebte. Da stand er dann im Hof mit dem Nussbaum und freute sich über Gäste: der Dichter Johannes Bobrowski, der vor hundert Jahren, am 9. April 1917 in Tilsit geboren wurde. "Ich bin Ostpreuße, allerdings nicht durchweg auf dem Lande aufgewachsen. Aber bei uns ist es wohl so, dass man aus dem Dorf nie ganz herauskommt", schrieb er einmal. Und diese Landschaft wurde auch das große Thema seiner Literatur. Aufgewachsen auch in der geistigen Welt Herders und Hamanns, die für ihn zum Fundament erster eigener dichterischer Versuche wurden. Aufgewachsen in christlichem Milieu, sein tolerantes Christentum begleitete ihn zeitlebens. Begonnen in Tilsit an der Memel, Gymnasium dann in Königsberg. Auch Bobrowski scheiterte an den Forderungen mancher Schulfächer, schaffte erst 1937 das Abitur. 1938 kam er mit den Eltern in den Dichter-Wohnort Friedrichshagen. Bruno Wille, Peter Hille, zeitweilig Knut Hamsun und auch Gerhart Hauptmann im benachbarten Erkner gehörten zu dieser Kolonie des Naturalismus. Auch Bobrowski sollte aus dieser Beziehung später leben. Zunächst freilich erfuhr er in Hitlers Armee als Nachrichtensoldat das bittere Ende in sowjetischer Kriegsgefangenschaft, ehe er 1949 nach Berlin zurückkam und seine poetische Existenz begann. Neben der Musik war es das Gedicht, das er schließlich als seinen Eintritt in die Literatur sah. Aber die wenigen frühen Verse, die er schon in den 40er- Jahren publizierte, waren eben noch unfertige Versuche, und es brauchte Zeit und Erfahrung im Leben wie in der Kunst, ehe er ein Dichter mit ganz eigener Sprache wurde.

Er war derweil ins literarische Leben gezogen, Lektor im Altberliner Verlag und seit 1959 im Union Verlag. Erst jetzt fand er im Rückblick auf sein Leben, vor allem auch im Erinnern an Krieg und "unübersehbare historische Schuld meines Volkes, begangen an den Völkern des Ostens", sein Thema, seine sarmatische Gedichtwelt. Der Begriff "Sarmatia", wie einst auf der Weltkarte des Ptolemäus die östliche Welt zwischen Weichsel und Wolga hieß, wurde für ihn zum poetischen Bild.

Das war nun sein Thema, und es wurde in seiner dichterischen Originalität auch bald erkannt, als der erste Gedichtband "Sarmatische Zeit" 1961 gleichermaßen in Ost und West erschien. Es folgten weitere Gedichtbücher, die den Rang des Autors festigten, und nun auch Prosa. Hier sind die Erzählungen des Bandes "Boehlendorff und Mäusfest" (1963) zu nennen, vor allem aber der Roman "Levins Mühle. 99 Sätze über meinen Großvater" (1964). Das ist nun die Geschichte des Großvater, der dem Juden Lewin die Mühle wegschwemmt und Habedank, dem Zigeuner, das Haus anzündet. Jedes Unrecht gibt er für Recht aus. Der tiefere Gehalt dieser glänzend erzählten Geschichte öffnet sich dem Leser: Bobrowski spricht vom Großvater und meint sein Volk, das in die historischen Verbrechen seiner Zeit verstrickt war. Horst Seemann hat 1980 das Buch einprägsam verfilmt.

Freilich, seine wirkliche Schaffenszeit währte nur vier Jahre. Er starb mit 48 Jahren ganz plötzlich an einem Blinddarmdurchbruch. Und auch das Haus in der Ahornallee hat seine Anziehungskraft, seinen lebendigen Mittelpunkt verloren. Bobrowski war ein Genie der Freundschaft; Peter Huchel, Stephan Hermlin und viele junge Dichter waren hier gern gesehene Gäste. Sein schönes Arbeitszimmer, Gerhard Wolf hat es in dem Buch "Beschreibung eines Zimmers" (1971) geschildert, ist in ein Museum zu seinen Ehren nach Wilkischken in Litauen gewandert. Aber da nun eine Enkelin des Dichters das Haus bewohnt, wird es auch hier in der Ahornallee einen Raum geben, der seinem Andenken gewidmet ist. "Ein endloser, unaufhaltsamer Ostwind jagt durch diese Dichtung. In ihr treffen Juden und Litauer, Polen und arme Deutsche aufeinander, vereinen sich gegen ihre Unterdrücker, werden von ihnen besiegt." (Stephan Hermlin in seinen Worten am Grab). Ein Stück großer deutscher Dichtung, unvergessen und unvergänglich.

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