Jürgen Vogel: "Ein Außenseiter war ich nicht"

Der Schauspieler über seine Rolle im Jugendfilm "Die drei !!!", seine eigene Kinder- und Jugendzeit und seine heutigen Ansichten als Vater

Er gehört zu Deutschlands populärsten Schauspielern, dabei sind Jürgen Vogel kein Genre und keine Zielgruppe fremd. Im ersten Leinwandabenteuer der legendären jugendlichen Detektivinnen "Die drei !!!", das kürzlich in die Kinos kam, spielt der 51-Jährige den Theaterpädagogen Robert Wilhelms, der mit den Kids eine "Peter Pan"-Aufführung stemmen will. Aber was hat Jürgen Vogel eigentlich selbst als Kind und Jugendlicher erlebt, und wie sehr ist er noch Kind? André Wesche hat mit ihm gesprochen.

Freie Presse: Herr Vogel, von Filmen wie "Hexe Lilli" oder "Die drei !!!" geht eine große Leichtigkeit aus und Sie können dem Affen auch mal Zucker geben. Bereitet man die Szenen trotzdem ähnlich akribisch vor wie für Filme wie "Der freie Wille" oder "Der Mann aus dem Eis"?

Jürgen Vogel: Das darf man nicht unterschätzen. Bei "Die drei !!!" hatten wir unheimlich viele Performances, ich musste steppen und singen. Das war mit richtig viel Vorbereitung verbunden. Ich musste zum Beispiel Tanzunterricht nehmen. Ich hatte zwei verschiedene Choreografinnen, eine für Ausdruckstanz und Ballett und eine für das Steppen. Und dann noch das Singen. Wir haben an zwei Tagen drei verschiedene Songs aufgenommen. Das war echte Vorbereitung, mehr als bei vielen anderen Filmen.

Haben Sie jetzt Blut geleckt und werden in der nächsten "Let's Dance"-Staffel auftreten?

Natürlich! Oder ich veranstalte ein großes Kinomusical! (lacht) Nein. Aber ich mochte das wirklich, weil es eine Herausforderung war und ich etwas in dieser Form noch nie gespielt habe. In Kinder- und Jugendfilmen sind solche unterstützenden Rollen oft wirklich spannend. Deshalb spiele ich sie gern. Ganz abgesehen davon, dass einen so auch ein junges Publikum kennenlernt.

Ihre Figur Robert Wilhelms ist als Regisseur ein ziemlich kauziger Typ. Hatten Sie schon mit Filmemachern zu tun, die ein bisschen seltsam waren, die Ticks oder Macken hatten?

Ja, na klar. Jeder ist besonders und Autoren und Regisseure können sehr eigen sein. Ich hatte das große Glück, so viele verschiedene Typen kennenlernen zu dürfen. Ich mag es, wenn jemand eine kleine Macke hat. Ich finde das ganz gut und aufregend und ich schaue sehr gern dabei zu. Als Schauspieler lebst du ja auch von der Vision des Regisseurs. Und wenn du dich an einer solchen, ganz eigenen Vision andockst, kannst du unheimlich viel darauf bauen. Du bekommst eine Menge Informationen. Du liest jemanden und verstehst besser, was er möchte.

Robert sagt den Kids: "Alles, was Ihr Euch erträumt, kann im Theater Wirklichkeit werden!" Ist es genau das, was Sie am Beruf des Schauspielers reizt?

Ja, wir dürfen schon echt viel. Wir können Figuren, die in einem Buch geschrieben stehen, zum Leben erwecken. Das ist ein toller, oft magischer Moment. Insofern kann ich verstehen, was Robert meint. Für das Publikum eine Vision zu kreieren, ist einfach spannend.

Was haben Sie so getrieben, als Sie im Alter der Protagonistinnen von "Die drei !!!" waren?

Eigentlich das Gleiche wie die. Ich war viel reiten ... Nee, Quatsch. Ich bin natürlich ein Junge und entstamme einer ganz anderen Generation, in der man noch mal ganz andere Sachen gemacht hat. Ich habe viel an Mofas gebastelt oder Fahrräder zusammengebaut. An unserer Schule gab es so einen Fahrradkurs, dort haben wir gelernt, wie man Kugellager reinigt oder aus drei Schrotträdern ein funktionierendes zusammensetzt.

Haben Sie in der Schule zu den "Coolen" gehört oder waren Sie eher ein Außenseiter?

Ein Außenseiter war ich nicht. Ich war ja auch zwei Jahre lang Schulsprecher, das wird man nicht als Außenstehender. Ob man cool war, kann man selbst nicht sagen. Da müsste man andere fragen.

Glauben Sie im Allgemeinen, dass es heute einfacher oder schwerer ist, ein Kind zu sein?

Das kommt ganz extrem auf die Eltern an. Ich glaube, mit der Zeit hat das weniger zu tun. Eltern können sehr viel helfen oder viel verkehrt machen. Natürlich haben die Kinder heute viel mehr Optionen, mehr Möglichkeiten. Und jeder Generation stellen sich andere, ganz neue Herausforderungen. Ich denke mir, dass das für viele Kids heute ganz okay ist. Ich habe eher das Gefühl, dass viele darunter leiden, dass die Erwartungen der Eltern viel zu groß sind. Vielleicht sind sie auch total verwöhnt und haben bestimmte Grenzen nicht gesetzt bekommen, die eigentlich ganz gut gewesen wären. Es kann ein Kind unheimlich verwirren, wenn es alles darf.

Eine schöne Szene im Film dreht sich um einen Kuss. Erinnern Sie sich an Ihren ersten?

Ja. Das war ganz lustig. Ich war zu einem Geburtstag mit Mädels eingeladen, die alle so zwei Jahre älter waren. Ich habe mich sehr gewundert, dass ich der einzige Junge war. Dann hieß es plötzlich, wir machen Flaschendrehen. Ich hatte keine Ahnung, was das bedeutet. Wir saßen alle im Kreis und die Flasche wurde gedreht. Komischerweise zeigte sie am Ende immer auf mich und ich musste die Mädels küssen. Ich fand das ganz toll, in diesem Alter findest du ältere Mädchen sowieso extrem cool. Das Schlimme war, dass ich meinen Freunden nicht davon erzählen konnte. Niemand hätte es mir geglaubt! Ich hatte mein erstes Kusserlebnis also mit fünf verschiedenen Mädels an einem Tag. Eigentlich paradiesisch. Ich war vielleicht neun oder zehn, eigentlich noch zu jung, um es wirklich zu begreifen. Aber ich fand es schön.

Würden Sie Ihre Kinder unterstützen, falls diese einmal in Ihre Fußstapfen treten möchten?

Nee. Ich würde ihnen eher Steine in den Weg legen. Ich finde diesen Job unheimlich hart. Und ich glaube, das Kind von einem Schauspieler zu sein, ist doppelt hart. Wenn du keine fundierte Ausbildung machst, bist du eigentlich durch. Dann nimmt dich keiner ernst. Wenn meine Kinder das machen wollen, dann müssen sie auf eine richtige Schauspielschule gehen. Ihnen zu helfen und sie auf ein Casting mitzuschleppen, würde es bei mir nie geben. Ich habe ja vier erwachsene Kinder und sie hätten schon längst gespielt, wenn ich das gewollt hätte. Wenn ein Kind trotzdem Schauspieler werden will, obwohl der Alte sagt, dass er das eigentlich nicht möchte, dann will es das auch und dann soll es auch so sein. Dann hat es die erste Hürde schon genommen, nämlich mich. Das finde ich ganz gesund. Das Wertvollste, was du als Kind prominenter Schauspieler besitzt, sind Anonymität und Privatsphäre. Das ist etwas sehr Wichtiges. Warum sollte ich auf die Idee kommen, ihnen genau das zu nehmen? Wenn sie einmal in einem Kinderfilm eine Hauptrolle spielen, dann ist das weg, dann sind sie nicht mehr anonym. Dabei können sie noch gar nicht wissen, ob sie das später mal machen wollen oder ob sie es können. Einer solchen Situation würde ich meine Kinder nie aussetzen wollen.

Haben Sie noch Zugriff auf das Kind in sich?

Auf jeden Fall. Sonst hätte ich eine Rolle wie in "Die drei !!!" nicht spielen können. In dieser Rolle steckt ganz viel von dem Kind in mir.

Darf man das heute noch: Drei Fragezeichen für Jungs wie in der entsprechenden Serie "Die drei ???" und drei Ausrufezeichen für Mädels? Muss nicht alles geschlechtsneutral sein? Und wo bleibt die Serie für Kids, die keinem Geschlecht angehören?

Das kommt alles noch, glaube ich. Wir sind ja in einer solchen Entwicklung. Ich bin für alles offen und ich kann alles verstehen. Für mich sind Mädchen Mädchen und Jungs sind Jungs. Und manche fühlen sich eben dazwischen. Ich würde niemanden dazu zwingen, irgendwelche geschlechtsspezifischen Attitüden zu erfüllen. Es ist okay, wenn eine Gesellschaft gegen die Inakzeptanz arbeitet, damit ein Bewusstsein für diese Dinge geschaffen wird. Wenn sich eine Gruppe ausgeschlossen fühlt, dann muss man etwas dagegen tun. Das finde ich gut.

Aber sollte man wirklich so weit gehen und die Worte "Vaterland" und "brüderlich" aus der Nationalhymne ersetzen, wie es einmal im Gespräch war?

Ich habe damit nicht so viel am Hut. Es würde mich nicht stören, wenn sich da etwas ändert, weil ich die Nationalhymne nicht singe und auch nicht kann. Ich liebe Deutschland, ich liebe das Land, in dem ich lebe. Eine Hymne geht aber an mir vorbei. Ich kann mich nicht dagegen aussprechen und sagen, "Vaterland" finde ich jetzt aber wichtig. Vorurteile stecken nicht in den Wörtern, sie stecken in den Köpfen. Man sollte nicht Wörter verändern, sondern ein Bewusstsein schaffen. So etwas kann eine solche Bewegung leisten. Und das ist schon mal ein Anfang.

Sie sind auch in Quizshows zu erleben. Geht man da gern hin oder ist es heutzutage eine Pflichtnummer für Prominente?

Pflicht ist das gar nicht. In 80 Prozent der Gameshows kann man ja auch etwas für gute Zwecke gewinnen. Wo kann man sonst schon so schnell Geld einsammeln, um zu helfen? Ich unterstütze zum Beispiel das Kinder-Hospiz "Sternenbrücke" in Hamburg. Immer, wenn man etwas gewinnt, geht das Geld an eine solche Organisation. Das ist super. Allein dafür lohnt es sich. Aber, ehrlich gesagt, machen mir solche Shows auch Spaß. Bei "Wer weiß denn sowas?" lernst du wirklich etwas. Ich merke mir diese Sachen. Ich konnte die Antwort nicht kennen, keiner kann das. Aber danach vergisst du es nie wieder.

Haben Sie mitunter Zweifel, als Schauspieler wirklich etwas Signifikantes zur Welt beizutragen?

Ja, klar. Oder sagen wir es so: Man will auf jeden Fall diesen Beitrag leisten. Man will Leute berühren, denn dann ist man schon auf dem richtigen Weg. Das ist der Ehrgeiz eines Schauspielers, sein Antrieb. Ob man das am Ende wirklich geschafft hat, müssen andere beurteilen.

Jürgen Vogel

Am 29. April 1968 wurde Jürgen Peter Vogel in Hamburg geboren. Sein Vater arbeitete als Kellner, seine Mutter war Hausfrau. Er hat drei Geschwister. Schon mit neun Jahren stand Vogel erstmals vor der Kamera - als Kindermodell. Seinen ersten Auftritt im Fernsehen feierte er 1985 in der Jugend-Miniserie "Bas-Boris Bode - Der Junge, den es zweimal gab". In Filmen wie "Novemberkatzen" oder "Kinder aus Stein" rückt der Name "Vogel" in den Besetzungslisten rasch weiter nach oben.

Der junge Darsteller kann gewissermaßen auf eine Erfahrung von der Schauspielschule München zurückblicken. Was dort vermittelt wurde, deckte sich allerdings in keiner Weise mit seinem Bild vom Beruf des Schauspielers. Er schmiss bereits am ersten Tag hin und stürzte sich als Autodidakt ins Geschäft. Die nächste Station ab 1985: Berlin.

Vogel teilte sich zwei Jahre lang eine WG mit seinem Kollegen Richy Müller. Nach diversen Episodenrollen in "Tatort", "Der Fahnder" und Co. dann der Durchbruch: Sönke Wortmann besetzte den jungen Schauspieler 1992 für seinen Komödien-Hit "Kleine Haie". Seither zählt der vielseitige Darsteller hierzulande zu den erfolgreichsten seiner Zunft. Wichtige Werke: "Das Leben ist eine Baustelle" (1997), "Nackt" (2002), "Der freie Wille" (2006), "Schwerkraft" (2010). Zuletzt stand Vogel für die Vox-Familienserie "Das Wichtigste im Leben" vor der Kamera. Für seine Arbeit wurde er unter anderem mit dem "Silbernen Bären" der Berlinale, dem "Bayerischen Filmpreis", dem "Deutschen Filmpreis" und der "Goldenen Kamera" ausgezeichnet.

Zum ersten Mal Vater wurde Jürgen Vogel mit 20 Jahren. Zehn Jahre später heiratete er und gründete eine Patchwork-Familie mit mehreren Kindern. Mit seiner aktuellen Lebenspartnerin, nach Medienberichten Schauspielerin Natalia Belitski, bekam Vogel in diesem Jahr erneut Nachwuchs. (aws)

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