Kabarettist Bernd-Lutz Lange: Von Grenzen, Wegen und Toren

"Academixer"-Gründer Bernd-Lutz Lange hat nicht nur mit Kabarett und Literatur sein Publikum gefunden: Er spielte auch eine Schlüsselrolle bei der friedlichen Revolution in Leipzig. Und Zwickau? kennt er wie seine Westentasche! Am heutigen Montag wird er 75 Jahre alt.

Leipzig/Zwickau.

Es dürfte nicht wenige Männer und Frauen der 1940er-Jahrgänge in der Region geben, die am heutigen Montag das Bedürfnis verspüren, die Leipziger Telefonnummer Bernd-Lutz Langes zu wählen, um ihm zu seinem Geburtstag zu gratulieren. Sie werden aber nur seine Mailbox erreichen: Lange selbst hat sich mit seiner Familie in ein rund vier Autostunden von Leipzig entferntes deutsches Mittelgebirge zurückgezogen. Dort feiert er in aller Ruhe, mit viel Kontakt zur Natur, seinen 75.Geburtstag.

So ist das seit geraumer Zeit seine Art: "Den letzten Geburtstag, den ich groß gefeiert habe, war der Sechzigste - in der Zwickauer ,Waldschänke', erinnert sich der am 15. Juli 1944 im ostsächsischen Ebersbach geborene Wahlleipziger. Der Krieg und die verwandtschaftlichen Bande seiner Mutter verschlugen ihn schon im Kleinkindalter in deren Heimatort Zwickau.

Der Sechzigste - 2004 war das. Zugleich ein Datum, das ein Beispiel für Langes Lebenskonzept ist, planvoll Zäsuren zu setzen, ehe das Leben selbst es tut: "Zehn Jahre vorher, zu meinem Fünfzigsten, hatte ich mich mit meinem damaligen langjährigen Kabarettpartner Gunter Böhnke zusammengesetzt. Wir wurden uns einig, dass wir noch zehn Jahre zusammenarbeiten und dann jeder seiner Wege geht", erinnert sich Lange, der 1966 mit Böhnke, Christian Becher und Jürgen Hart in Leipzig das Studentenkabarett "Academixer" gegründet hatte.

Wohin der Weg für Lange gehen würde, war für ihn bereits sechs Jahre nach der Abmachung mit Böhnke klar: Da begegnete er der Sängerin und Kabarettistin Katrin Weber. Man fand künstlerisch Gefallen aneinander und vereinbarte die Zusammenarbeit - eben ab 2004. Zeit genug für den umtriebigen Sachsen, am ersten Duoprogramm, "Das wird nie was", zu arbeiten. Doch so erfolgreich die Zusammenarbeit mit der gebürtigen Plauenerin war - auch hier setzte sich der Sachse Grenzen und beschloss, mit 70 Jahren von der Kabarettbühne abzutreten: "Die Leute sollten noch sagen können: ,Es ist schade, dass er geht', statt später zu sagen: ,Es wird aber auch Zeit!'", so Lange, der seinen bereits am 28. Mai 2014 vollzogenen Abgang noch keinen Tag bereut hat. Auch, weil er den Kontakt zum Publikum nun eben bei Lesungen hält.

Vielleicht entspricht er heute, fünf Jahre später, nicht dem Klischeebild des Rentners, der niemals Zeit hat. Aber genug zu tun hat er weiterhin. So landete er mit seinem Buch "Das gab's früher nicht - ein Auslaufmodell zieht Bilanz" bereits Ende 2016 einen veritablen Bestseller. Mit seiner so humorvoll wie zeitkritisch notierten Bestandsaufnahme zahlloser kleiner Dinge und gesellschaftlicher Erscheinungen des Alltags, die sich im Verlauf der vergangenen 50 bis 70 Jahre grundlegend verändert haben, traf der Smartphone-Abstinenzler den Nerv einer - seiner - ganzen Generation: Der 349-Seiter schaffte es bis auf Platz 5 der "Spiegel"-Bestsellerliste, liegt jetzt in der siebenten Auflage vor und verkauft sich immer noch ordentlich. Ein kleines Déjà-vu: Hatte Lange doch bereits 1999 und 2003 mit seinen Büchern "Magermilch und lange Strümpfe" sowie "Mauer, Jeans und Prager Frühling" dem Alltag seiner Jahrgänge ein Denkmal gesetzt - und nebenher auch der Stadt Zwickau, seiner Wahlheimat bis zu seinem Wegzug nach Leipzig im Jahr 1965.

So gesehen hat die Kabarettabstinenz nun für ihn weitere produktive Kräfte freigesetzt. Ende vergangenen Jahres erschien sein Zwickau-Buch "Zwischen Altem Steinweg und Dresdner Tor", in dem er Erinnerungen an die teils im Mittelalter wurzelnde Osthälfte der Zwickauer Innenstadt festgehalten hat - eigene wie fremde, von Freunden und von durch sie vermittelten Zeitzeugen, die ihm bereitwillig am Telefon Auskunft gaben, obwohl sie das erste Mal mit Lange sprachen. Dazu muss man wissen: Zwickaus Altstadt ist eine untergegangene Welt. Die historische Bebauung des der Mulde zugewandten Teils des Zentrums wurde Anfang der 70er-Jahre bis auf wenige Ausnahmen dem Erdboden gleichgemacht, um dem Stadtbild ein sozialistisches Gesicht zu verpassen. Heute prägen zwischen Altem Steinweg und Flussufer Plattenbauten das Bild. 250 Häuser fielen damals dem Bagger zum Opfer, und mit ihnen eine gewachsene Infrastruktur von Handwerk, Handel und Gastronomie. Ein Kiez, der, wie Lange ohne Rücksicht auf etwaige Phantomschmerzen bei den Zwickauern betont, erhalten und saniert heute ein Pfund wäre, mit dem die Schumannstadt sicher wuchern könnte.

Maßlos kann er sich bis heute darüber erregen, dass um die Jahrtausendwende der Stadt auch eine zweite Wunde geschlagen wurde, indem in einem zentralen Karree für eine Einkaufspassage mit Ausgängen zu drei Seiten mehrere architektonisch wertvolle Bauten jüngeren Datums geopfert wurden - etwa das vormalige Wismut-Kaufhaus, einziges Zeugnis des Bauhausstils innerhalb des Dr.-Friedrichs-Rings. Der damalige Oberbürgermeister, so Lange, habe ihm damals gesagt, die Stadt habe so viele derartige Bauten, da könne man schon ein paar opfern.

Das Buch war Langes Beitrag zur 800-Jahr-Feier Zwickaus 2018, die sich für sein langjähriges Wirken im Interesse der Stadt im Januar mit der Ehrenbürgerwürde revanchierte. Aber der Jubilar denkt weiter: "Wir sterben aus. Irgendwann gibt es niemanden mehr, der diese Zeiten noch erlebt hat, und niemand kann mehr davon erzählen!" sagt Lange.

Ganz so weit ist es mit Wende und Ende der DDR vor 30 Jahren noch nicht. Gleichwohl bereitet er mit Sohn Sascha, einem studierten Historiker, welcher selbst bereits mit regionalhistorischen Werken Anerkennung fand, ein Buch über seine Erinnerungen an die schicksalhaften Tage im Leipzig des Herbstes 1989 vor, das im September erscheinen soll. Lange gehörte zu den sogenannten Leipziger Sechs, die in der kritischen Situation während der entscheidenden Montagsdemo vom 9. Oktober (Wird geschossen? Wird nicht geschossen?) der Eskalation Einhalt geboten. Zusammen mit dem 2015 verstorbenen Dirigenten Kurt Masur, dem Theologen Peter Zimmermann sowie den drei SED-Bezirkssekretären Kurt Meyer, Jochen Pommer und Roland Wötzel verfasste der Kabarettist seinerzeit einen öffentlichen Aufruf, in dem für den friedlichen Dialog über die Umgestaltung der DDR-Gesellschaft geworben wurde: "Unsere gemeinsame Sorge und Verantwortung haben uns heute zusammengeführt. Wir sind von der Entwicklung in unserer Stadt betroffen und suchen nach einer Lösung. Wir alle brauchen einen freien Meinungsaustausch über die Weiterführung des Sozialismus in unserem Land. Deshalb versprechen die Genannten heute allen Bürgern, ihre ganze Kraft und Autorität dafür einzusetzen, dass dieser Dialog nicht nur im Bezirk Leipzig, sondern auch mit unserer Regierung geführt wird. Wir bitten Sie dringend um Besonnenheit, damit der friedliche Dialog möglich wird."

Der Rest ist Geschichte. Aber auch die will aufgeschrieben sein, so lange sich noch Menschen an sie erinnern. Und wer weiß, was Bernd-Lutz Lange in den kommenden Jahren noch so alles zu erzählen hat.

Fernsehtipp In der Reihe "Legenden" des MDR führt Bernd-Lutz Lange am 21.Juli um 20.15 Uhr durch sein Leben - und Zwickau.

Buchtipp Bernd-Lutz Lange: "Zwischen Altem Steinweg und Dresdner Tor - Erinnerungen an die Zwickauer Altstadt"; E. W. Marx Verlagsbuchhandlung; 136 Seiten; 18 Euro.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...