Kartograph der menschlichen Seele

Mit seiner Idee, Körper und Geist als Einheit zu sehen, war Alfred Adler prägend für die Entwicklung der Psychotherapie im 20. Jahrhundert. Aber warum ist der Mann, der vor 150 Jahren geboren wurde, fast vergessen?

Wien.

Von den drei Leitfiguren der Tiefenpsychologie genießen Sigmund Freud und Carl Gustav Jung ungebrochen ein enormes Maß an Popularität. Alfred Adler fristet im Vergleich dazu eher ein Schattendasein - dabei zählte der Urheber der Individualpsychologie einst zu den international meistgeschätzten Koryphäen seines Fachs. Vor allem in den USA erfuhr er höchste Wertschätzung, weil er ein optimistisches Weltbild verbreitete. Damals verglich man ihn in der Presse nicht selten mit Albert Einstein, denn im Gegensatz zu seinen konventionell agierenden Kollegen betrachtete er den Einzelnen als Wesen, das sich nur aus seiner Einbettung ins soziale Umfeld heraus begreifen lässt.

Indem Adler bei der Diagnose von Krankheiten Körper und Geist als Einheit sah, legte er den Grundstein für die inzwischen arrivierte psychosomatische Medizin. Zu seinen wichtigsten Pflichten zählte er das Ausmerzen von Minderwertigkeitskomplexen, die Depressionen und Selbstmordgedanken auszulösen vermögen. Großes leistete er auch auch als Erziehungsberater an Volkshochschulen. Seine Devise lautete: "Förderung, Bestärkung und Selbstermutigung". In Deutschland bemühen sich heute etliche Alfred-Adler-Institute um die Weiterführung dieser Tradition.

Sein Biograf Alexander Kluy hält die Ideen des Intellektuellen für ungemein aktuell, ja geradezu für visionär: "Seine heilenden Theorien der Psyche sind virulent für zersplitternde Gesellschaften, in denen sich Separationsdebatten, Rückzugsmanöver, Einigelungsaktionen und Auflösungsprozesse vollziehen, in denen sich Neo-Puritanismus, Neo-Rassismus und alter Hass hochschaukeln." Und er fügt hinzu: "Adler hat mit als Erster verstanden und benannt, dass der Mensch infolge faktischer oder empfundener Unzulänglichkeit und eines Mangels an Selbstachtung die Tendenz entwickelt, durch Abwertung anderer sich selbst aufzuwerten." Daraus erklären sich viele Ursachen des Narzissmus.

Adler erblickte vor 150 Jahren im bescheidenen Mietshaus eines Wiener Vorortes das Licht der Welt. Er bezeichnete sich selbst als "Gassenjungen", der oft stundenlang mit seinen Gefährten draußen spielte und sich bei ihnen großer Sympathie erfreute. Obwohl er aus einer jüdischen Familie stammte, spielte das Thema Religion nie eine Rolle für ihn, seine Eltern waren säkularisiert. Mit fünf Jahren erkrankte er schwer an einer Lungenentzündung. Der herbeigerufene Spezialist sagte dem Vater, es bestehe keinerlei Hoffnung. Zurückschauend notierte Adler: "Wenige Tage darauf, nachdem es mir wieder gut ging, fasste ich den festen Entschluss, Arzt zu werden, um mich besser gegen die Todesgefahr zu wehren und mit besseren Waffen, als sie mein Doktor hatte, gegen den Tod zu kämpfen."

1896 begegnete der frisch promovierte Adler der emphatischen Russin Raissa Epstein, die an der Wiener Universität Zoologie studierte. Er verliebte sich unsterblich in die attraktive Marxistin. Aus der Ehe, die lebenslang dauerte, gingen vier Kinder hervor, die es zu ernähren galt. Adler, der ursprünglich als Augenarzt und Allgemeinmediziner praktizierte, konzentrierte sich deshalb auf die damals in Mode kommende Psychoanalyse. Er frequentierte die legendäre "Mittwochabendgesellschaft" bei Sigmund Freud, doch dann wurde er abtrünnig, was dazu führte, dass der Gastgeber den Bannfluch über ihn verhängte.

Nach diesem Desaster etablierte Adler 1912 den "Verein für freie psychoanalytische Forschung" und schuf mit seinem Hauptwerk "Über den nervösen Charakter" das Fundament für seinen bald anhebenden Ruhm, der ihm den Ruf eintrug, ein Kartograph der menschlichen Seele zu sein. Doch der Erste Weltkrieg durchkreuzte die Pläne des ehrgeizigen Wissenschaftlers: Adler meldete sich als Freiwilliger und tat in einer Reservistenkaserne Dienst. Seine Militäreuphorie erschien ihm allerdings bald absurd. Wie seine Gattin wandte er sich intensiver dem Sozialismus zu und beteiligte sich häufig an Weltjugendtreffen der Linken.

Als die Faschisten in Österreich zunehmend erstarkten, übersiedelte Adler nach Amerika, wo er bereits zuvor etliche Gastprofessuren inne hatte. Während seiner hektischen, von vielen Reisen geprägten Existenz erlitt er 1937 in Schottland einen Herzinfarkt. Alfred Adler wurde in Aberdeen beigesetzt.

Buchtipp Alexander Kluy: "Alfred Adler. Die Vermessung der menschlichen Psyche", DVA, 432 Seiten, 28 Euro.


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