Kaum noch Luft nach oben

Bei den Dresdner Musikfestspielen geben sich Künstler der Weltelite die Klinke in die Hand. Was hat da ein Jugendensemble zu suchen?

Dresden.

Die Programmgestaltung für ein Musikfestival wie das aktuell in Dresden laufende ist mehr als das Füllen eines Kalenders. Was will man dem Publikum näherbringen, was ist diese Mühe wert? Diese Positionsbestimmung schwingt immer mit, und insofern ist es ein Bekenntnis, dass dieses Jahr das zweite Mal in Folge die Deutsche Streicherphilharmonie zu Gast bei dem Festival war. Ein Ensemble, das seine Kernidentität mit einem sehr allgemeinen Namen tarnt. Denn das jüngste Mitglied dieses zurzeit 59-köpfigen Streichorchesters ist zwölf, das älteste 20 Jahre alt. Es setzt sich aus der jungen Streicherelite der ganzen Republik zusammen und muss sich von der Qualität dessen, was es abliefert, beileibe nicht hinter Orchestern aus gestandenen Profis verstecken. Ja, die Frage ist erlaubt, ob es nicht sogar eher umgekehrt ist.

Erst recht nach dem Festival-Konzert, mit dem die jungen Musiker am Montagabend im Saal der Dresdner Musikhochschule "Carl Maria von Weber" unter Leitung des ehemaligen Chemnitzer Konzertmeisters Wolfgang Hentrich ihr Publikum begeistert haben. In einem Programm, das von Bachs 3. Brandenburgischem Konzert bis zu "Vivid", einem anspruchsvollen, für den Hörer spannend-kurzweiligen, "schnell geschnittenen" Auftragswerk der 32-jährigen Israelin Shir-Ran Yinon reichte, zeigten die 41 Streicherinnen und 18 Streicher fast unwirklich erscheinende Brillanz, Transparenz und Homogenität. Gemessen etwa daran, dass sie (noch) keine "Profis" sind, übers ganze Land verteilt naturgemäß nur selten vollzählig proben können und sich das Orchester zudem regelmäßig in der Zusammensetzung ändert. Und doch brachten sie in Dresden Brocken wie die Kammersinfonie von Dmitri Schostakowitsch, basierend auf dessen 1960 in Gohrisch (Sächsische Schweiz) entstandenem 8. Streichquartett, so auf die Bühne, dass man kaum sagen mag, wo da noch Luft nach oben wäre. Timing und Dynamik: stets auf den Punkt, etwa bei den perkussiven Elementen dieses so ernsten wie klangschönen, zugänglichen Werks. Doch sie können sich auch unterordnen, wie bei dem Haydn-Konzert in C-Dur, für das das Festival als Gastsolisten den 24-jährigen österreichischen Geigen-Jungstar Emmanuel Tjeknavorian engagiert hatte. Beiden Seiten merkte man deutlich an, wie viel Freude sie am gemeinsamen Tun hatten - und bestand der Beitrag des Orchesters etwa im zweiten Satz auch fast nur aus hauchzart an die Hörschwelle getupften Pizzicati. So brillant Tjeknavorian agierte, merkte man indes, dass er unter seinen Möglichkeiten blieb. Aber meist erfordern virtuosere Violinkonzerte eben mehr als ein Streichorchester als Begleitung.

Selbst für die Zugabe legte sich das Orchester noch ein dickes Brett auf: Das schwebend-lichtdurchflutete Nimrod-Thema aus Edward Elgars Enigma-Variationen entließ das 450-köpfige Publikum beseelt in einen lauen Frühsommerabend.

Das Konzert wird als Aufzeichnung am 18. Juni ab 20.05 Uhr von MDR Kultur und MDR Klassik gesendet.

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