Kitty und der Sog der Düsternis

Ein am Samstag erscheinendes Romanfragment von Anne Frank zeigt die Schrecken der Judenverfolgung. Die Texte sind an eine Freundin gerichtet.

Chemnitz.

Wenn es eine Symbolfigur für die unsäglichen Verbrechen während des Holocaust gibt, dann Anne Frank. Als das jüdische Mädchen 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen an einer Seuche starb, hinterließ sie ein Tagebuch, das Erlebnisberichte über die Zeit beinhaltete, während der sie sich vor den Nazis in einem Amsterdamer Hinterhaus verbarg.

In diesem Schlupfloch beschloss sie enthusiastisch Schriftstellerin zu werden und konzipierte einen Roman, den sie nicht mehr vollenden konnte. 74 Jahre nach ihrem Tod erscheint dieses Fragment am Samstag erstmals als eigenständige Publikation.

Am 20. Mai 1944 begann Anne Frank in ihrem geheimen Zufluchtsort mit der Arbeit an ihrem literarischen Torso. Zweieinhalb Monate danach wurde sie verhaftet und deportiert. Während dieser kurzen Spanne füllte sie fieberhaft mehr als 200 Seiten. Fast wirkt es so, als ahnte sie, dass ihr Leben am seidenen Faden hing. Generell verwundert es, wie sie dieses Pensum bewältigte, denn sie befand sich im Sog der Düsternis: "Ich schlucke jeden Tag Baldrianpillen gegen Angst und Depression, aber das verhindert trotzdem nicht, dass meine Stimmung am nächsten Tag noch elender ist."

Anne Franks Idee zu dem Romanprojekt entsprang dem Problem, dass sie keine Vertraute besaß. Sie beklagte, dass sie zwar liebe Verwandte und einen großen Schwarm Verehrer habe, aber niemanden, den sie in ihre Intimitäten einweihen konnte. Deshalb hob sie fiktive Freundinnen aus der Taufe. Eine davon nannte sie Kitty. An sie adressierte sie die Romankapitel in Briefform. Ein Mädchen desselben Namens tauchte schon in Anne Franks ursprünglichem Tagebuch auf, doch die Verfasserin überarbeitete das Material später intensiv, denn Gerrit Bolkestein, der niederländische Minister für Schulwesen, Kunst und Wissenschaften im Exil, bat die Bevölkerung seiner unterjochten Heimat per Radioansprache, die Realität in Prosatexten zu dokumentieren. Sie sollten nach Kriegsende eingesammelt werden und als Basis für authentische Geschichtschroniken dienen.

Es berührt und erstaunt, welche künstlerische Reife Anne Frank an den Tag legte, als sie mit 14 Jahren ihr Romanvorhaben anpackte. Sie beherrschte bereits ein weit gefächertes Vokabular und baute mit sicherem Instinkt grammatisch niveauvolle Sätze. Auch vermochte sie Szenen aus ihrem Alltag intelligent und wunderbar plastisch zu schildern. Dass sie fraglos über das Potenzial zu einer beachtlichen Schriftstellerin verfügte, unterstreicht auch der Epilog zu ihrem Buch. Er stammt von der renommierten Germanistin Laureen Nussbaum, die bis zu ihrer Pensionierung an der Portland State University unterrichtete. Sie war eine gute Bekannte der Familie Frank. Obwohl sie 1957 mit ihren Angehörigen in die USA auswanderte, pflegte sie weiterhin Kontakte zu Anne Franks Vater Otto, der wie durch ein Wunder der Hölle von Auschwitz entrann.

Die Kernbotschaft von Anne Franks Romanentwurf steckt in den politisch geprägten Abschnitten. Häufig ist darin die Rede von der rasant wachsenden Bangigkeit vor der Invasion der Hitler-Truppen in Holland. Dann wieder dominiert die panische Furcht vor "Hungern, Sterben, Bomben, Feuerspritzen, Schlafsäcken, Judenausweisen, Giftgasen". Das Thema Verfolgung und Ausrottung rankt sich wie ein roter Faden durch das ergreifende dichterische Vermächtnis der Halbwüchsigen. Der ständige Zwang, sich verbergen zu müssen, belastete sie mental streckenweise bis zum Äußersten: "Glaub mir, wenn man anderthalb Jahre eingeschlossen ist, kann es einem an manchen Tagen mal zu viel werden. Auch wenn es nicht gerechtfertigt oder undankbar ist - Gefühle lassen sich nicht wegdrücken. Rad fahren, tanzen, pfeifen, in die Welt schauen, mich jung fühlen, wissen, dass ich frei bin, danach sehne ich mich, aber ich darf es nicht zeigen."

"Schreiben will ich", lautete das Credo von Anne Frank bis kurz vor ihrer Verschleppung. Mit ihrem hochemotionalen Prosa-Flickenteppich löste sie diese Beteuerung konsequent ein. Ihr Buch verkörpert Warnung und Mahnmal zugleich. Es sollte künftigen Generationen als eindringliches Lehrstück dienen.

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