Kunst aus den Trümmern

Die Neue Sächsische Galerie in Chemnitz zeigt sehenswerte Arbeiten der "Generation im Schatten" aus den 1940er- und 1950er-Jahren, die lange fast vergessen war. Eine Ausstellung, die Entdeckungen bereithält.

Chemnitz.

Es war vielleicht die Künstlergeneration, die es in der DDR am schwersten hatte: Zwischen etwa 1900 und 1920 geboren, erlebte sie den Zweiten Weltkrieg als Erwachsene. Zuvor hatten die damals jungen Leute mit den Beschränkungen der künstlerischen Ausbildung und Praxis durch die Nazis, später mit den ideologischen Vorgaben der DDR-Kulturpolitik zu kämpfen. Und auch das potenzielle Publikum hatte wohl in den späten 1940er- und den 1950er-Jahren anderes im Sinn, als sich mit Kunst zu beschäftigen.

Dieser "Generation im Schatten" aus Chemnitz und Umgebung ist die aktuelle Ausstellung in der Neuen Sächsischen Galerie in Chemnitz gewidmet. Zwar sind die eine Künstlerin und die 14 Künstler keineswegs alle "vergessen", wie es im Untertitel heißt, aber einige sind tatsächlich kaum (noch) bekannt und können nun in einem repräsentativen Querschnitt ihrer Werke wie-derentdeckt werden. Kurator Ale-xander Stoll hat klug und stilsicher ausgewählt, was auch heute noch Bestand hat.

Marianne Brandt (1893 - 1983), einzige Frau in der Ausstellung, macht den Anfang mit wenig bekannten Aquarellen, die die Ruinen der Nachkriegszeit zeigen. Hanns Dietrich aus Jahnsdorf (1905 - 1983) hatte unter anderem bei Gerhard Marcks gelernt, schuf zahlreiche Plastiken, denen teils der Einfluss des Lehrers, aber auch Ernst Barlachs anzusehen ist. Eine Käthe-Kollwitz-Büste kam als Leihgabe aus Privatbesitz in die Ausstellung. In den Holzschnitten Heinz Fleischers (1920 - 1975) aus Zwickau finden sich eindrucksvolle Kriegskrüppel, aber auch Szenen aus dem "Rummel" und Bergarbeiter. Rudi Gruner (1909 - 1984) illustrierte Jack London und Boccaccio, malte zerklüftete Industrielandschaften. Ernst Hecker (1907 - 1983) malte und zeichnete illusionslos die einfachen Menschen des Erzgebirges. Frühe Arbeiten von Albert Hennig (1907 - 1998), in Leipzig geboren, aber einige Jahre auch in Chemnitz und Zwickau tätig, überraschten mit Alltagsszenen vom Wasserrohrbruch bis zur Kartoffelernte. Fritz Keller (1915 - 1994) aus Glauchau griff in seinen Porträts und Landschaftsbildern expressionistische Traditionen auf. Gerhard Klampäckel (1919 - 1998) begann mit Porträts und Arbeiterbildern. Gottfried Kohl (1921 - 2012) arbeitete als Bildhauer meist in Freiberg. Seine realistischen Skulpturen jener Zeit zeigen Menschen aus dem Volk. Otto Müller-Eibenstock (1898 - 1986) verband Figürliches mit abstrakt-konstruktivistischen Elementen in seinen Landschaften und Stillleben. Auch der Vogtländer Lothar Rentsch (1924 - 2017) pflegte keinen platten Realismus in seinen frühen Holzschnitten. Will Schestak (1918 - 2012) dagegen ist ganz vom klassischen Realismus geprägt, mit dem eindrucksvolle Porträts gelangen. Während Heinz Tetzner (1920 - 2007), welterfahren, als einer der letzten Expressionisten der Region galt. Eindrucksvoll: Seine "Bibelleserin" aus dem Jahr 1956, der man an-sieht, dass allein das Lesen der Bibel damals schon ein widerständiger Akt war. Kurt Teubner (1903 - 1990), später für seine desillusionierenden Assemblagen berühmt, begann als ganz figürlicher Maler, der 1947 auch "Die Ungemalten" ins Bild setzte. Willy Wittig (1902 - 1977) war wohl der modernste Maler dieser Generation - seine "Trümmer", ohne Jahresangabe, aber sicher aus der unmittelbaren Nachkriegszeit, schauen den Betrachter wie Totenschädel an, und er ahnte wohl auch schon, dass man in Ostdeutschland nach dem Krieg "Vier Masken" brauchen würde, um sich zu verstecken.

Den Bildern ist der entbehrungsreiche Neuanfang nach dem Krieg ebenso anzusehen wie das Bemühen der Künstler, Werke zu schaffen, die der hungernden und darbenden Be-völkerung helfen würden, über diese schweren Jahre zu kommen: von der Erinnerung an die Ruinen des Krieges bis zur Sehnsucht nach Tanz und Karneval. Auch die Porträts spiegeln oft die Härte der Zeit wider. Einige der Künstler standen dem offiziellen Kunstkanon der DDR näher, andere fühlten sich nach den Beschränkungen der Nazizeit befreit, wollten an Vorkriegstraditionen der Moderne anknüpfen - was nach einer kurzen liberalen Phase jedoch in der DDR nicht mehr erwünscht war.

Im informativen Katalog-Begleittext zur Ausstellung erinnert Alexander Stoll daran, dass auch die "Freie Presse" dabei nicht immer eine positive Rolle spielte, sondern die Künstler teilweise ganz persönlich angriff, selbst die Vergabe des Max-Pechstein-Preises 1955 an Heinz Tetzner scharf kritisierte. Kurz zuvor war ihm schon vorgeworfen worden, dass "zweifellos eine künstlerische Begabung" vorliege, aber "die vorgelegten Arbeiten vom Thematischen her offensichtlich nicht in Einklang mit den Zielen unseres Staates" stehen. Solche Verdikte konnten Lebensgrundlagen zerstö-ren. So ist denn auch in den Kurzbiografien der Künstler nachzulesen, dass sich kaum einer ein Leben lang nur mit seiner Kunst über Wasser halten konnte, viele für den Broter-werb auch andere Arbeiten anneh-men mussten, selten in Ausstellun-gen berücksichtigt wurden.

Umso schöner, dass nun auch ihr künstlerisches Werk wieder in den Mittelpunkt rückt. Eine verdienstvolle Ausstellung - die im Übrigen auch die nächste Generation verdient hätte, die - wie etwa der Chemnitzer Lothar Kittelmann - vielleicht sogar noch mehr vergessen wurde als ihre Vorgänger.

Die Ausstellung "Generation im Schatten: Die fast vergessene Künstlergeneration der 40er und 50er Jahre aus Chemnitz und Umgebung" ist bis 24. Februar in der Neuen Sächsischen Galerie Chemnitz zu sehen. Geöffnet täglich, außer Mittwoch, 11 bis 17, Dienstag bis 19 Uhr. Im Begleitprogramm sind im Kino Metropol Filme zu sehen: Sonntag, 27. Januar, 11 Uhr: "Schlösser und Katen"; Mittwoch, 6. Februar, 18 Uhr: "Sonnensucher"; Mittwoch, 20. Februar, 18 Uhr: "Irgendwo in Berlin".

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1Kommentare
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  • 1
    0
    Freigeist14
    05.01.2019

    Unabhängig von der "Formalismus-Debatte" und den ideologischen Vorgaben der DDR-Kulturpolitik : Im gleichen Satz verharmlosend von "Beschränkungen der künstlerischen Ausbildung und Praxis unter den Nazis " kann man nicht durchgehen lassen . In der NS- Kunst , der heroischen Überhöhung des Opferganges , der "Blut und Boden"-Ideologie und der Diffamierung und Vernichtung " Entartetet Kunst" kam ein Ausbrechen aus den Vorgaben der >Reichskammer der Künste< einem Berufsverbot oder der Verfolgung gleich !



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