Lana Del Rey: Von der unerlässlichen Traurigkeit des Seins

Mit ihrem neuen Album "Norman Fucking Rockwell" entwirft die US-Songschreiberin einen Gegenentwurf zum American Dream.

Berlin.

Lana Del Rey bringt wie kaum eine andere den Unterschied zwischen Kunstfigur und Kunstprodukt auf den Punkt. Während übliche Verdächtige der weiblichen Megastar-Riege es oft vermeiden, auch nur Spuren von Tiefgang zu zeigen, präsentiert die gebürtige Elisabeth Grant mit ihrem Alter Ego Untiefen unter schillernder Oberfläche. Sechs Alben in zehn Jahren bauten sie zur übergroßen, stets unwirklich anmutenden Erscheinung auf. Das aktuelle Werk "Norman Fucking Rockwell!" (Polydor) aber krönt alles bisherige mit exquisiter Melancholie in Pop. Im Gegensatz zu Kolleginnen von Madonna bis Lady Gaga setzt Del Rey nicht auf plastiniertes Katzengold steriler Trendsounds. Tonangebender Spielgefährte ist vor allem ein weltschmerzend angeschlagenes Piano. Von hier aus seziert sie den Denkmal gewordenen, aber blutleeren Archetypus der Spießeridylle, wie sie der Maler Norman Rockwell (1894 - 1978) für Titel von US-Illustrierten in Öl bannte, und entlarvt ihn als tumbe Illusion eines irrigen US-Selbstbildes.

Doch so typisch amerikanisch alles wirkt, was sie aufs Korn nimmt, so allgemeingültig gilt das Gezeigte für jede andere Gesellschaft. Hier ist alles total. Roxy Musics "Dream Home Heartache", wie Tori Amos auf Valium, Suizid per Cocktailschirmchen zwischen Bacardi, Koks, und enthemmtem Sex. Das Lächeln der Cheerleader bleibt hohl. Das Grinsen des dandyhaften Yuppies bleibt gierig. Schon im eröffnenden Titelstück kann sie nur schwer ihre Verachtung für den miesen, selbstherrlichen Künstlertypen zügeln. Und das auch nur, weil er wenigstens gut im Bett war. Sollte sich der nächste Gespiele ein paar Songs später dann als Serienkiller entpuppen, macht das auch nichts mehr. Was soll so einer dem ohnehin längst emotional ausgezehrten Mädchen noch antun können? So dreht die Sängerin die Mystik des Amerikanischen Traums heftig durch den Fleischwolf und zeichnet alles im Gegensatz zu Rockwell so entfremdet, kaputt, verloren und bar jeder Hoffnung, wie Lied gewordene Edward-Hopper-Gemälde. Der Clou: Zwar bekommen alle unwürdigen Gestalten - besonders sich meist als unzulänglich oder ebenso waidwund erweisende Lover und das "laute, aus Konfusion geborene" Trump-Amerika - ihr sarkastisches Fett weg. Doch auch sie selbst spart sich nicht aus, macht sich als Beobachterin mitunter gern zum Teil der jeweiligen Geschichte. Wie ein trauriger, sedierter Engel wirft ihr Gesang einen Mantel aus Schwermut und fatalistischer Erotik über die Stücke. Der unterstreicht die betörende Raffinesse der Arrangements. Gerade weil die Grenze zwischen Kommentatorin und Beteiligter von Zeile zu Zeile variiert, geraten ihre Skizzen des Versehrten so ausdrucksstark. Zahlreiche popkulturelle Referenzen - so an die Beach Boys, Cyndi Lauper oder Leonard Cohen, den ewig unerreichten Meister poetischen Trübsals - runden das dunkelbunte Bild ab.

Inmitten all dieser unerlässlichen Traurigkeit des Seins entsteht manche Perle. "Bartender" tänzelt seinen so eleganten wie angeschickerten Reigen ersäufter Desillusion. "The Greatest" lockt als hymnisches Kaleidoskop mit Streichern und E-Gitarre. Im Zentrum wartet "Venice Bitch", ein zehnminütiger Monolith, der als sinistrer Folkpop beginnt, um sich peu à peu zum psychedelisch schillernden Space-Cookie zwischen Pink Floyd und Tangerine Dream zu steigern.

"Mariners Apartment" und "Hope Is A Dangerous Thing For a Woman Like Me" ziehen alle Register auf der Balladenskala. Ersteres verknüpft Streicher, Piano und zarte Akustikgitarren so anmutig wie Rotwein um Mitternacht. Letzteres bietet ihre womöglich bisher intensivste Melodie. Mit dieser Grandezza in Moll kredenzt sie dem Publikum im Finale doch noch einen zaghaft glimmenden Funken der Hoffnung.

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