Lars Eidinger: "Für mich ist Brecht ein Idol"

Der Schauspieler spielt in dem Streifen "Mackie Messer - Brechts Dreigroschenfilm" den berühmten Dramatiker und Theatermacher - und hadert mit einigen Erkenntnissen

Vom Theater kommend, hat Schauspieler Lars Eidinger die deutsche Filmlandschaft im Sturm erobert. Allein im Oktober starten nun drei Kinofilme, die die Vielseitigkeit des 42-jährigen Darstellers unter Beweis stellen: Florian Henckel von Donnersmarcks Drama "Werk ohne Autor", der Thriller "Abgeschnitten" sowie die Komödie "25 km/h". Doch vorher ist der Berliner erst einmal in dem ebenso mutigen wie eigenwilligen Kinofilm über Bertolt Brecht mit dem Titel "Mackie Messer - Brechts Dreigroschenfilm" zu erleben. André Wesche hat sich mit Lars Eidinger über seine Rolle als Bertolt Brecht, über seine eigenen Träume und Wünsche und den Kampf gegen Windmühlen unterhalten.

Freie Presse: Herr Eidinger, die zentrale Frage zuerst: Sind Sie jetzt Zigarrenraucher?

Lars Eidinger:(lacht) Lustigerweise wurde ich das schon öfter gefragt. Es scheint die Leute wirklich zu interessieren. Tatsächlich bin ich "trockener Raucher". Und ich habe auch keine Lust, wieder anzufangen. Ich wusste, dass ich bei diesem Film nicht drumherum kommen würde. Es gibt ja kaum eine Aufnahme oder ein Foto, wo Brecht nicht raucht. Ich habe darauf bestanden, dass es tabak- und nikotinfreie Zigarren sind. Die wurden dann tatsächlich aus den USA eingeflogen, zum Stückpreis von 20 Euro. 30 Zigarren sollten für die gesamten Dreharbeiten reichen. Ich dachte mir gleich, dass das nichts werden würde. Am Ende haben wir pro Drehtag zehn Stück verbraucht. Das wurde ein ganz neuer Posten im Budget. Ich habe nicht wieder angefangen zu rauchen. Am Ende des Tages hatte ich immer wahnsinnige Kopfschmerzen. Genauso wie alle, die um mich herum waren.

Schreit man gleich "Juchu!", wenn man eine solche Rolle in einem solchen Projekt angeboten bekommt? Oder wägt man Für und Wider ab?

Beides. Ich habe schon auch "Juchu!" geschrien, weil ich Brecht für ein spannendes Thema halte. Aber man fragt sich auch, ob man ihn jetzt überhaupt zeigen oder darstellen muss. Kratzt man damit nicht an diesem Mythos? Für mich ist Brecht ein großer Held und jemand, den ich sehr bewundere. Ein Idol. Dann hat man größte Skrupel, ihn darzustellen. Ich mache ja selbst auch Theater. Wenn in einem Film Theater gezeigt wird, denke ich oft, dass es dem gar nicht entspricht. Meistens hat es nichts damit zu tun, wie ich selbst Theater empfinde oder wie Theater wirklich ist. Ich habe mir selbst geholfen, indem ich mir gesagt habe, dass es vielleicht gar nicht darum geht. Viele Fragen, die sich auftun, beantwortet Brecht in seinem Werk und auch in unserem Film. Er sagt: "Zeigt, dass Ihr zeigt!"

Es geht am Ende also gar nicht darum, zu Brecht zu werden?

Genau. Das ist auch gar nicht mein Anspruch. Man sieht, wie ein Schauspieler den Brecht spielt. Und beides bleibt immer sichtbar: Brecht als Figur und ich als Spieler. Dadurch entsteht eine Reibung. Es geht nicht um das Verwandeln. Oder, wie Brecht sagt, sich einlullen zu lassen. Es geht darum, analytisch draufzuschauen. Man muss Kunst nicht verstehen. Es geht nicht um eine Logik, sondern darum, Widersprüche sichtbar zu machen. Mein Credo war schon vorher, dass die Widersprüche die Hoffnungen sind. Ein Widerspruch ist nicht das Ende eines Gedankens, sondern sein Anfang. Klar tut man sich erst einmal schwer damit, so zu denken. Man wurde dazu erzogen, dass Widersprüche etwas Negatives sind, anstatt zu sagen, das ist eigentlich das Leben, das ist die Kunst. "Wenn Sie etwas sehen wollen, das Sie verstehen können, dann müssen Sie auf das Pissoir gehen." - das sind Sätze, die da fallen und die ich total nachvollziehbar finde.

Welche Aspekte haben Sie bei der neuerlichen, intensiven Auseinandersetzung mit Brecht besonders überrascht?

Natürlich falle ich ja auch auf die Klischees herein. Brecht gilt als Dogmatiker oder als Provokateur. Es gibt diverse Dokumentationen oder Features, in denen er sogar als erster Punk dargestellt wird. Damit wird man ihm meiner Meinung nach nicht gerecht. Mir hat sehr imponiert, wenn Brecht sagt, dass sein höchstes Gut, sein höchster Anspruch die Freundlichkeit sei. Mir gefiel die Idee, dass jemand, der so viel weiß und den Menschen so komplett durchdringt und auch das System so gut beschreiben kann, am Ende nicht zu einem Zyniker wird. Er liebt die Menschen und beschreibt sie mit diesem Blick. Das zeigt, dass Brecht selbst natürlich auch voller Widersprüche war. Er machte auch Werbung für große Autofirmen. Das hat mich überrascht. Er war das Gegenteil von dogmatisch, hat sich selbst immer wieder hinterfragt und neu erfunden.

Im Film trifft man im Minutentakt auf Probleme und Missstände, die aktueller nicht sein könnten: Beamte, die kreative Ideen blockieren, selbstsüchtige Parteien, die sich vor den Karren der Industrie spannen lassen, und Straßenräuber und Banker in einer Person. Leben Sie als Schauspieler in einem Elfenbeinturm oder haben Sie einen scharfen Blick auf das Deutschland 2018?

Ich entnehme Ihrer Beschreibung ein Missverständnis, dem sehr Viele erliegen. Auch für mich war es eine Erkenntnis. Es geht nicht darum, zu sagen, dass die Banker die Bösen sind. Die Bösen sind die Bürger. Die Räuber sind die Bürger. Und wir müssen erst einmal verstehen, dass wir die Räuber sind. Die Johanna beschreibt in "Die heilige Johanna der Schlachthöfe" das System und sagt, dass die Armen unten sind und die Reichen oben. Die Reichen sagen zu den Armen: "Kommt doch hoch!" Aber die beiden verbindet kein Weg, sondern ein Schaukelbrett. Die Reichen sind nur oben, weil die Armen unten sind. Deshalb müssen die Armen auch mehr sein. Damit sind wir gemeint. Und der Reichtum unserer Gesellschaft basiert auf einer Ungerechtigkeit. Wenn man sich die Flüchtlingsdebatte vor Augen hält, dann heißt es: "Das Elend macht sich breit" - so wie im Film. Da kommen die, die wir eigentlich nicht haben wollen. Ich bin in den 80er-Jahren großgeworden, mit Bildern von afrikanischen Kindern mit aufgeblähten Bäuchen. Man fragte sich, wie wir denen helfen sollen. Heute stehen sie vor unserer Tür und wir sagen, nee, wollen wir aber nicht. Weil wir es nicht ertragen, dass dieses Schaukelbrett, das unser System ist, sich ausgleicht. Dass wir Eingeständnisse machen und dazu bereit sein müssen, auch runterzugehen. Man muss immer bei sich selbst anfangen.

Die gesellschaftlichen Missstände, die Brecht vor 90 Jahren angeprangert hat, haben sich heute eher noch verschärft. Wie sehr fühlt man sich als Künstler manchmal wie ein Don Quixote?

Das ist ein gutes Bild, absolut. Brecht hätte als echtes Genie das Potenzial gehabt, die Gesellschaft zu verändern. Er hatte eine große Weitsicht und hat allein mit "Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui" alles vorausgesehen. Trotzdem konnte er die Entwicklung nicht aufhalten. Und das frustriert mich natürlich. Als Kunstschaffender hat man immer die Sehnsucht, auf gesellschaftliche Entwicklungen Einfluss zu nehmen. Aber dem scheint nicht so zu sein. Insofern kämpft man tatsächlich gegen Windmühlen. Wir scheinen dazu verdammt zu sein, die gleichen Probleme und Konflikte mantraartig immer wieder durchzuspielen. Man kann die Konflikte, die Brecht vor 100 Jahren beschrieben hat, wie eine Folie auch über unsere Zeit legen. Das ist frustrierend, weil man sich wünscht, diese Konflikte irgendwann überwinden zu können. Aber das gelingt nicht.

Glauben Sie, dass der Film auch ein junges Publikum erreichen wird?

Ich bin sehr stolz auf dieses Projekt, weil es den Zuschauer sehr fordert. Ich frage mich, ob die Menschen sich dem aussetzen wollen. Oft heißt es, der Film sei so lang. Aber er ist ja auch von Joachim Lang. (lacht) Und dann denke ich darüber nach, was das eigentlich für ein Kriterium ist. Wir wissen, dass sich die Aufmerksamkeitsspanne der Menschen gerade extrem verändert. Sie verlernen, sich Dingen auszusetzen und sich mit ihnen zu konfrontieren. Man zapped und skipped weiter. Aber manchmal muss man sich in einen Konflikt auch reinzwingen. Ich hoffe, dass der Film durchaus ein Publikum erreicht. Die Art, wie Brecht Kunst beschreibt, entspricht mir selbst sehr. Deshalb hoffe ich, dass man auch ein junges Publikum gewinnen kann, um es mit diesen Werten zu konfrontieren. Als ich am Theater angefangen habe, hielt ich es selbst für etwas Museales. Junge Leute hätten vielleicht keinen Zugang dazu. Was okay ist. Aber an der Schaubühne haben wir das Gegenteil bewiesen. Zu "Hamlet" oder "Richard III." kommen Leute, die sind zwischen 20 und 40. Und ich bilde mir ein, der Grund ist, dass das Theater ihnen etwas bieten kann, das ihnen die anderen Medien nicht bieten können. Und wenn es nur die Unmittelbarkeit ist.

Im Film heißt es: "Die Zuschauer im Kino bezahlen, damit sie die Wahrheit eben nicht sehen." Hat das aktuelle Kino mit Superhelden, "Transformers" und "Fast & Furious" in dieser Hinsicht einen Scheitelpunkt erreicht?

Ich bin kein Fan dieser Filme, ich schaue sie mir nicht an. Aber ich glaube, dass man sich sehr wundern würde, was Brecht heutzutage für Filme machen würde. Man glaubt zu wissen, mit wem man es zu tun hat und möchte ihn kategorisieren. Das ist genau der Konflikt des Filmes. Die Filmindustrie möchte ihm aufoktroyieren, wie er seinen Film zu machen hat. Und er sagt, nee, ich mache ihn ganz anders. Vielleicht würde Brecht heute statt der "Dreigroschenoper" die "Transformers" oder "Fast & Furious" machen. Wer weiß das schon? Mir gefällt die Idee, dass das Fiktionale völlig frei ist und man keinen Anspruch auf Authentizität oder Realismus erhebt. Wie Fassbinder sagt: "Das Leben ist eine größere Lüge als der Film." Natürlich ist ein "Tatort" nicht realistisch. Aber es ist doch ein Trumpf, freier als die Realität sein zu dürfen.

Welche Träume und Wünsche haben sich seit Ihrer ersten großen Filmrolle in "Alle anderen" (2009) verwirklicht, welche mussten Sie über Bord werfen?

Eigentlich hat sich alles von dem erfüllt, was ich erwartet habe. Vor "Alle anderen" habe ich gedacht, dass ich nur einmal die Möglichkeit bekommen möchte, alles zu zeigen. Dann würde sich alles verändern. Und so war es auch. Maren Ade hat mir eine Plattform gegeben und danach hat sich wirklich mein gesamtes Leben gewandelt. Im selben Jahr war auch noch "Hamlet", das hat sich ein bisschen wechselseitig potenziert. Heute habe ich noch die Sehnsucht, einen großen, internationalen Film zu machen. Hollywood reizt mich schon. Eine Karriere wie die des Christoph Waltz ist da natürlich wie ein Märchen. Jemand, der kurz davor ist, seinen Beruf an den Nagel zu hängen, wird plötzlich wachgeküsst und gewinnt plötzlich zwei Oscars. Das ist doch zu schön, um wahr zu sein! Ich habe mir solche Träume bewahrt. Ich hatte kürzlich das Angebot, am Broadway zu spielen. Aus Zeitgründen kann ich es nicht machen, damit habe ich ein bisschen gehadert. Aber was will ich eigentlich mehr, als gute Arbeit zu haben? Eine Arbeit, die mir großen Spaß macht. Man sollte viel zufriedener mit dem sein, was man hat. Beruflicher Erfolg, das habe ich gelernt, hat nicht zwangsläufig mit einer Erfüllung zutun. Die glücklichen Momente erlebe ich in ganz anderen Zusammenhängen. Das ist eine sehr schöne Erkenntnis, die ich gern mit Kollegen teilen möchte, die sagen, dieser Lars Eidinger hat so viel Erfolg. Diese Kriterien bekommen wir vom Kapitalismus auferlegt: "Man ist nur glücklich, wenn man Erfolg hat." Quatsch!

Ein Hüne mit starker Präsenz

Lars Eidinger wurde am 21. Januar 1976 in Berlin (West) geboren. Der Spross einer Kinderkrankenschwester und eines Ingenieurs hat einen Bruder.

Vom Beruf des Schauspielersträumte Eidinger schon seit frühester Jugend. Der Wunsch sollte rasch in Erfüllung gehen. Schon Ende der 1980er-Jahre stand der Schüler für das populäre Jugendmagazin "Moskito - Nichts sticht besser" vor der Kamera. Außerdem wurde sein Talent in der Theater-AG auffällig, die sich an Stücke wie "Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui" von Brecht traute. Es folgten Episodenrollen in den Serien "Schloss Einstein" und "Berlin, Berlin".

Zum professionellen Darsteller wurde Lars Eidinger in den Jahren von 1995 bis 99 an der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" in Berlin geformt. Damit gehört er jenem legendären Jahrgang an, auf dessen Absolventen Devid Striesow, Nina Hoss, Mark Waschke und Fritzi Haberlandt der deutsche Film offenbar nur gewartet hatte.

Vorerst widmete sich Eidinger dem Theater, etwa der Berliner Schaubühne und dem Deutschen Theater. Von Anfang an überzeugte der 1,90 Meter große Hüne Kritiker und Publikum durch eine starke Präsenz, der man sich nur schwer entziehen kann.

Der Durchbruchals Filmschauspieler gelang Eidinger 2009 im Drama "Alle anderen" unter der Regie von Maren Ade. (Ade führte später Regie bei "Toni Erdmann"; der Film wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.) Seit Eidingers Durchbruch reißen sich Bühnen-, Fernseh- und Kinoregisseure um ihn. Zudem ist er ein talentierter Hobby-Musiker und DJ.

Vor zwei Jahren gehörte Eidinger der Jury der 66. Internationalen Filmfestspiele Berlin an, der Meryl Streep als Präsidentin vorstand.

Lars Eidinger ist mit der Opernsängerin Ulrike Eidinger liiert, das Paar hat eine Tochter und lebt in Berlin.

Dieser Beitrag erschien in der Wochenend-Beilage der Freien Presse.

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