Leben in der DDR: Eine Wahrheit unter Millionen

Auf die Frage, wie das Leben im sozialistischen Arbeiter- und Bauernstaat aussah, versuchen 30 Jahre nach dessen Ende derzeit viele Menschen eine Antwort. Eine der interessantesten gibt dabei der Enkel des Pianisten Siegfried Stöckigt aus dem Vogtland.

Lengenfeld/Würzburg.

Eigentlich wirkt das Ganze wie eine literarische Labor-Versuchsanordnung: In den 70er-Jahren lernen sich beim Musikstudium in Ostberlin Karin Gärtner und Michael Stöckigt kennen und lieben. Die beiden entstammen komplett unterschiedlichen Milieus: Karins Vater Hans ist mit Leib und Seele Eisenbahner in Dresden. Seiner Frau zuliebe, die einer strenggläubigen Mormonenfamilie entstammt, ist er vor der Heirat pro forma der christlichen Glaubensgemeinschaft beigetreten. Michaels Eltern sind Vertreter des DDR- Bildungsbürgertums und leben im Berliner Umland: Der Vater, Siegfried Stöckigt, wird 1929 im vogtländischen Lengenfeld geboren. Der Musiker, der 2012 starb, ist als virtuoser Grenzgänger zwischen Jazz und Klassik ein hoch angesehener Pianist und Komponist des Ostens. Seine Frau, Annemarie Forkel-Stöckigt, ist eine ebenso beliebte Sprecherin beim DDR-Rundfunk. Wie haben diese Menschen ihr Land betrachtet, wie hat das Land und seine Geschichte ihr Leben geprägt, geformt, beeinflusst und wie ihre Kinder und Kindeskinder? Diese Frage hat sich auch Maxim Stöckigt gestellt, der jüngere Sohn von Karin und Michael Stöckigt - und eben Enkel zweier so unterschiedlicher Großelternpaare.

"Rhapsodie Ost" lautet der Titel des Romans, den Maxim Stöckigt unlängst bei Books on Demand vorgelegt. Im Buch erzählt er, schlaglichtartig beginnend mit Kriegsende 1945, die Viten seiner derweil verstorbenen Großeltern, der Eltern und der eigenen Generation. Das tut er flüssig, anschaulich und unterhaltsam, aber auch respektvoll und ohne zu idealisieren: "Das Material für den Roman ist mir in den Schoß gefallen, ich musste es nur noch verarbeiten", sagt der 36-Jährige, der als Lehrer an einer Mittelschule in Miltenberg im westlichsten Zipfel Bayerns arbeitet und in Würzburg lebt. Er hatte Erinnerungen und Anekdoten, die Großeltern und Eltern erzählt haben, die Beobachtungen weiterer Verwandter, sowie eigene Recherchen zu DDR-Themen, in die sich der 1983 Geborene einlesen musste. Daraus hat der Pädagoge ein biografisches Mosaik gelegt, in dem nicht ständig der Mantel der Geschichte rauscht - vielmehr erwachsen darin die prägendsten Erlebnisse aus dem Handeln der Figuren selbst. Etwa für Hans Gärtner, der 1961 gemeinsam mit seiner Frau konkrete Pläne fasst, aus der DDR zu flüchten: "Das von den Russen aufgezwungene System war ihm zuwider", sagt Maxim Stöckigt. Doch dann passiert ein Unfall: Hans überfährt mit seiner Lok auf einem Rangierbahnhof eine Gleisputzerin. Er wird angeklagt, bis sich vor Gericht dank spät nachgeholter Ermittlungen Ungereimtheiten herausstellen: Die Frau trug nicht die vorgeschriebene Warnweste; und offenbar hatte ein entgegenkommender Zug sie zuerst angefahren, wodurch sie vor die Räder der von Hans gesteuerten Lok geriet. Am Ende spricht alles für Suizid, Hans wird freigesprochen. Die Möglichkeit, mit Frau und Tochter in den Westen zu fliehen, verpasst er aber: Am 13. August 1961 wird die Mauer gebaut. Hans kapselt den Schmerz, das Land nicht mehr verlassen zu können, ein. Er richtet sich in seiner "Eisenbahnerblase" ein, wie Stöckigt das nennt. Versuche der Stasi, ihn als Inoffiziellen Mitarbeiter zu gewinnen, hintertreibt er, indem er sich hartnäckig doof stellt.

Siegfried Stöckigt profitiert von der DDR und den Chancen, die sie talentierten jungen Menschen wie ihm bietet. Er ist ein Hoffnungsträger der Musikszene. Die Dauerkrise, die seine Familie ereilt, erwächst aus der Liaison, die er ab 1969 mit der Frau eines Freundes unterhält. Diese besteht bis zum Tod der Geliebten im Jahr 2002; vor seiner Frau verbirgt er sie nicht. Doch bringt weder er noch seine Frau bringen die Kraft auf, ihre nur noch scheinbar intakte Ehe zu beenden. Selbst, als Annemarie Forkel-Stöckigt bei einer Reise zur Westverwandtschaft die Möglichkeit hat, "drüben" zu bleiben, schafft sie den Bruch nicht und kehrt heim. In der DDR-Kulturszene gelten die beiden als Traumpaar. Aber wie's drinnen aussieht, und da ist Deutschland unteilbar, geht niemanden etwas an. Bezüglich der DDR, so der Autor, habe sich bei Großvater Stöckigt die Haltung in umgekehrter Richtung verändert wie bei seinem "Eisenbahner-Opa": Der Musiker habe zunehmend gehadert mit der Unfähigkeit zahlreicher Funktionäre, die für Dinge zuständig gewesen seien, von denen sie nicht wirklich etwas verstanden haben. Welchen Wert, fragt er sich, haben Auszeichnungen eines Kulturministeriums, deren Mitarbeiter ihn bitten, zu einem offiziellen Anlass etwas von Bruckner zu spielen, obwohl dieser gar nichts Bedeutendes für Klavier komponiert hat? Die, wenn er nach einem Flügel verlangt, meinen, er wolle sich damit verkleiden - obwohl er doch Klavier spiele!

Derlei kann man nicht erfinden. Und es ist auch nicht erfunden, betont der Autor. Er habe den zwischen den Jahren hin und her springenden Episoden nichts hinzugefügt, was nicht hätte passieren können. Westdeutsche Bekannte und Kollegen, denen er das Buch zum Lesen gegeben habe, hätten ihm attestiert, dass sie jenseits von gängigen Stereotypen und Klischees viel über die DDR und das Leben dort erfahren hätten, was ihnen neu gewesen sei. "Bei tieferen Gesprächen mit Westlern über die DDR merke ich aber, dass es Schwarz-Weiß-Denken nach wie vor gibt", sagt er. Die Mauer in den Köpfen mithin auch. Man müsse nur tief genug graben.

Zwiespältiger die Reaktion aus seinem ostdeutschen Bekanntenkreis. Aus dem habe einerseits eine ältere Leserin das Bekenntnis geäußert, das Buch habe sie um 50 Jahre zurückversetzt, ein anderer Zeitzeuge titulierte den im Alter von sieben Jahren zum Bundesbürger Gewordenen für seine literarisch bearbeitete Wiedergabe von Familienerinnerungen als "Nestbeschmutzer".

Fazit: Welches Urteil ein Bürger über das Land fällt, in dem er lebt oder gelebt hat, hängt immer stark von seiner persönlichen Biografie ab. In wohl jedem Land ist die Wirklichkeit sehr komplex. Denn sie ist ein Mosaik aus Millionen und Abermillionen von persönlichen Wahrheiten. Und jede davon dürfte ihren eigenen Roman wert sein.

Das Buch

Maxim Stöckigt: "Rhapsodie Ost". Book on Demand. 468 Seiten. 24,99 Euro als Hardcover, 14,99 Euro als Broschur und 9,99 Euro als E-Book.

Bewertung des Artikels: Ø 5 Sterne bei 4 Bewertungen
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