Manchmal sind nicht die Verrückten verrückt

Kommen zu viele unserer Mitmenschen vom sprichwörtlichen anderen Stern? Oder sind es eher noch zu wenige? Eine Comicgeschichte findet darauf verblüffende Antworten.

Bielefeld.

An Ela Era Ean ist nicht nur der Name seltsam: Die junge Frau scheint mitunter nicht von dieser Welt zu sein. Zwar ist sie in vielen Dingen bemerkenswert weitsichtig und clever - dann wieder kommt sie aber mit vielen Details des normalen Zusammenlebens schlicht nicht klar und wirkt naiv und hilflos bis zur Lebensuntüchtigkeit. Nina nimmt Ela, die sie auf dem Heimweg von der Arbeit im Park findet, trotzdem mit nach Hause: Sie ist stolz darauf, trotz der einer selbst ertrotzten Freiheit geschuldeten geringen Einkünfte ihr Leben nicht nur ganz allein zu meistern, sondern auch anderen helfen zu können. Dass Ela behauptet, außerirdisch zu sein, findet sie schrullig, aber auch faszinierend.

An dieser Stelle könnte die Comicgeschichte "Sterne sehen" von der jungen Zeichnerin und Autorin Asja Wiegand ähnlich krude durch die Decke gehen wie so viele der angesagten Manga-Geschichten, an deren Stil die zweibändige Reihe sichtlich angelehnt ist. Doch die Bielefelderin schaltet feinfühlig in die Zwischentöne und entwickelt ein lebensecht verwirrtes Familiennetz zwischen ihren Figuren. Die Frage, ob Ela nun eine echte Außerirdische ist oder doch eher ein verwirrtes Mädchen, das in seinem Wahn Hilfe braucht und aus seiner Welt in "unsere" gerissen werden muss, wird schnell zur Metapher auf Fragen, die die "Normalen" selbst nicht gelöst bekommen: Das täuschen sie nur vor. Wiegand lässt ihre Geschichte immer wieder nach verschiedenen Seiten kippen, zeigt die erfrischenden Effekte von Verrücktheiten, die das Leben lockern - dann wieder aber auch deren Potenzial, wesentliche Gleichgewichte unseres Seins ungut auszuhebeln. Die anfangs verträumte E.T.-Geschichte verliert so mehr und mehr ihre charmante Unschuld und zieht mit ihren Fragen Risse bis tief in ein festes Erwachsenen-Weltbild: Wo beginnt das Fremde in mir selbst - und wo im anderen? Wo stehe ich mir mit meinen Prinzipien selbst im Weg, wo dagegen darf ich sie um der eigenen seelischen Gesundheit willen auf keinen Fall aufgeben? Wie spinnt man die richtigen Fäden persönlicher Beziehungen zu Freunden und Verwandten durch die Ritzen gesellschaftlicher Normen und Erwartungen? Wenn die Protagonisten in "Sterne sehen" auf dem Rücken liegen und rührig in den Himmel schauen, sehen sie zwar Traumhaftes, aber auch wenig Hilfreiches: Die Geschichte hebelt allgegenwärtige Kalenderspruchweisheiten immer wieder aus, sodass man als Leser sich letztlich sein eigenes Bild machen muss. Was man nun mal ja auch muss. Die herzige Auflösung ist bei aller Surrealität erhellend übertragbar: Nach dem Lesen der beiden Bände will man nur allzu gern an den Gitterstäben unserer Realität rütteln, ist sich aber auch bewusst, dass nicht alle Konventionen allein dazu da sind, überwunden zu werden. Obwohl es mitunter ja wirklich gute Gründe gibt für die Annahme, dass nicht der vermeintlich Verrückte verrückt ist, sondern seine verknöcherte, ignorante Umwelt mit ihren grundlos steifen Regeln. Es bleibt spannend, dieses verflixte Leben!

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