Maschine von Hand

Vor 35 Jahren spielte die kanadische Band Saga als erste West-Rockgruppe ein Konzert in der DDR. Der Auftritt in der Stadthalle Suhl zeigte die damals weltweit stilprägende Band auf dem Höhepunkt ihres Erfolges - und markierte den Beginn einer jahrzehntelangen Liebesbeziehung zu Deutschland.

Das DDR-Fernsehen gab sich am 29. August 1983 alle Mühe, das Ereignis ebenso weltmännisch wie beiläufig erscheinen zu lassen: Man sah die Musiker von Saga in vermeintlich regem Flugverkehr in Berlin-Schönefeld landen und kurz darauf wie Rock-Staatsgäste aus der Interflug-Maschine klettern - alles ganz cool, alles ganz normal!

Doch normal war an dem Konzert in der Stadthalle Suhl dann so ziemlich gar nichts - selbst wenn man außer acht lässt, dass Saga zu diesem Zeitpunkt die erste West-Rockband war, die live in der DDR spielte, was massive Berichterstattung zur Folge hatte, eine (wenn auch zwei Jahre verspätete) Amiga-Platte der Band hervorbrachte und das Saga-Poster aus der "Melodie & Rhythmus" in zahllose Jugendzimmer katapultierte. Denn was das Jugendfernsehen der DDR da übertragen durfte, war sowohl in Licht als auch Ton selbst für die West-Verhältnisse Anfang der 80er selten erreichter state of the art. Saga hatte damals mit "Heads Or Tales" soeben den Nachfolger des enorm erfolgreichen Albums "Worlds Apart" (1981) vorgelegt, und beide Platten sollten den Poprock des Jahrzehnts prägen. Große Saga-Hits wie "Wind Him Up", "The Flyer", "On The Loose", "Scratching The Surface" oder die Über-Ballade "Intermission" mögen im Evergreen-Gedächtnis des Mainstream vielleicht nur als Spurenelement hängengeblieben sein: Damals war es der kanadischen Gruppe damit gelungen, Tiefe und Anspruch des Prog-Rock der 70er mit den frischen Möglichkeiten des neuen Jahrzehnts zu verbinden.

Dazu etablierte Saga zusammen mit dem Produzenten Rupert Hine, der später mit Größen wie Rush, Chris de Burgh oder Tina Turner ikonische Platten des Jahrzehnts schuf, ein paar musikalische Kunstgriffe, die später auf vielen späteren 80er-Alben prägend waren. Da war zum einen der innovative Einsatz von Synthesizern, die der fulminante Keyboarder Jim Gilmoure per Hand oft so spielte, als seien sie von einem Sequenzer getrieben - nur, dass damalige Sequenzer weit davon entfernt waren, Pattern in seiner Güteklasse abspielen oder gar derart variieren zu können.

Zweiter Punkt: Schlagzeuger Steve Negus entwickelte aus der traditionellen Rock-Trommelkunst einen elektronischen Stil, er war zudem an der Entwicklung der legendären Simmons-Drums maßgeblich beteiligt und spielte das Instrument, das mit seinem kühlen, unverwechselbaren Sound kurz darauf der Traum einer jeden Poprock-Band war, als einer der ersten. (Weshalb ein entsprechendes Kit, das auch im Westen den Gegenwert eines Mittelklasse-Wagens kostete, in Suhl auf der Bühne stand). Gebrochen wurde diese neuartige, später im Wave zum Welterfolg aufgebohrte "Maschinenmusik" bei den superben Handwerkern Saga vor allem mit der Wunderstimme Michael Sadlers, die zwischen schmeichelnder Honigsüße bis zum bitter packenden Power-Sarkasmus pendeln konnte - und dem unfassbaren Gitarristen Ian Crichton, der sein Instrument in rasend schnellen Arpeggios exakt parallel zu Gilmours Keybords flirren lassen konnte. Der Kanadier, bis heute einer der außergewöhnlichsten Saitenhexer des Rock, konnte seine Lado-Strat aber auch gefühlvoll zubeißen lassen wie eine Kettensäge - und klang dabei immer unverwechselbar nach Crichton.

Bereits mit dem 1978 veröffentlichten Debüt hatte Saga vor allem in Deutschland großen Erfolg gehabt. Schuld war der Legende nach eine damalige Schwäche des kanadischen Dollars, die ein findiger Plattenimporteur ausnutzte, indem er 10.000 Scheiben günstig nach Europa verschiffen ließ. Hier wurde ihm die damals neuartige Musik förmlich aus den Händen gerissen, denn die Kanadier frästen dem oft arg sphärisch-verräucherten Progressiv-Rock der 70-er markante neue Kerben ein: Songs wie "Humble Stance" arbeiten mit schnittigen, frischen Keyboards abseits des Space-Gewabers. Im Opener "How Long" nahm man gar mit nagelnden Synthie-Sounds vorweg, was viele Stücke späterer 80er-Popbands bis heute legendär macht. Polydor sicherte sich die Rechte, brachte das Album regulär heraus und verkaufte im Schwung nochmal 35.000 Stück. Auf dem Nachfolger "Images At Twilight" (1979) wurde das Gesamtkonzept noch gestrafft, hier sind erste Ansätze der "Saga-haften" Duelle zwischen den Keyboards und Gitarre zu hören. Auf "Silent Knight" gelang dann 1980 mit "Don't Be Late" ein erster Großhit - bevor die genannten Hine-Alben einschlugen.

Danach erlag die Band leider etwas dem Erfolgs-Reiz der Poprock-Welle, die sie selbst mit losgetreten hatte: Auf den Alben "Behaviour" (1985) und "Wildest Dreams" (1987) versuchten sich die Kanadier an elegantem Zeitgeistpop mit Restgitarre, der die Tatsache nutzte, dass Sadlers Fabelstimme im modifizierten Umfeld so seidig funktionieren konnte wie die von erfolgreichen Popsängern: In der Tat erinnert der Mann in dieser Phase mitunter an Tony Hadley von Spandau Ballet. Doch der Band, geschult in der Kunst des immer leicht verschachtelten Prog-Rock, fehlte das Händchen für wirklich griffige Pophits - sie konnte nur die handwerklich perfekte Projektionsfläche liefern.

199o wurde es daher sehr still um Saga - doch vor allem in Deutschland hatte sich eine sehr treue Fan-Basis gebildet, die dafür sorgte, dass seit dem 1993er-Album "The Security of Illusion", das zu den Wurzeln zurückging, jedes der 13 (!) regulären Alben der Kanadier zuverlässig in den unteren Rängen der deutschen Charts landete und die Gruppe hierzulande stets Touren fahren konnte. Selbst vergurkte Experimente wie das vom Techno (!) beeinflusste Album "Steel Umbrellas" oder Sadlers einer Alkoholsucht geschuldete Pause wurden akzeptiert. Denn Saga schafft es als eine der ganz wenigen Bands, aus ihren unverkennbaren Eigenheiten immer wieder sehr packende, eigene Musik zu kreieren, die auch ohne neue Hitkompositionen auskommt. Wie zeitlos diese Band funktioniert, demonstriert sie übrigens trotz (oder wegen) eines Rudimentärsounds auf dem aktuellen Livemitschnitt vom Stuttgarter "Rock of Ages"-Festival.

"Das war gigantisch!"

Wie kam Saga bereits in den frühen 80ern in die DDR? Tim Hofmann hat Sänger Michael Sadler dazu bereits vor einigen Jahren befragt.

Freie Presse: Mr. Sadler, German Democratic Republic 1983 - erinnern Sie sich?

Michael Sadler: Für mich ist es etwas schwierig, mich an die 80er zu erinnern - der Alkohol! Aber sie sprechen von Suhl, oder?

Ein denkwürdiges Konzert-Ereignis für jeden Ost-Musikfan!

Die letzten 35 Jahre sind voller verschwommener Erinnerungen, aber es gibt da herausragende Top-Ten-Erlebnisse, die man nicht vergessen kann, und Suhl ist eines davon! Das war für uns nicht nur ein Tourstart, es war die größte Produktion, die wir je gemacht haben. Wir waren mit drei großen Trucks und vielen Bussen unterwegs und haben die ganze Stadt zugeparkt! Das war gigantisch.

Wie sind Sie ausgerechnet auf Suhl gekommen?

Es war das erste Konzert der Welttour. Wir wollten alles ordentlich testen, und zwar vor einem fairen neuen Publikum. Deutschland war damals einerseits einer unserer wichtigsten Märkte, aber die Leute in Suhl konnten uns andererseits noch nicht gesehen haben.

Aber Sie wussten schon um die spezielle Situation im Osten?

Hey, wir sind Kanadier, keine Amerikaner! (lacht) Wir hatten Geschichtsunterricht und wissen, dass das vor dem Mauerfall war. Und es fühlte sich auch wirklich anders an in Suhl. Wir hatten das diskutiert, so nach dem Motto: Hoffentlich lassen die uns auch wieder zurück. Es überwog aber der Reiz, zumal wir dort vorab einige Tage proben konnten.

Hatten Sie sich deswegen extra um das Konzert im Osten bemüht, oder sind Sie angefragt worden?

Das hat das Management eingefädelt, ich weiß das wirklich nicht. Aber als die Band gefragt wurde, haben wir sofort zugesagt! Und ich erinnere mich, dass alles unglaublich billig war. Unser Tourmanager hat an der Hotelbar Sekt wie Bier bestellt, weil die Flasche nur einen Dollar kostete. Okay, geschmeckt hat er allerdings nach 50 Cent. (lacht) Damit will ich aber absolut nichts gegen die Ostdeutschen sagen. Wir hatten auch nach der Wende viele gute Gespräche dort. Dabei habe ich den Eindruck bekommen, dass etliche eher traurig sind, dass die deutsche Teilung aufgehoben ist. Das ist für uns etwas schwierig zu verstehen, aber es hängt wohl mit der Änderung des Lebensstils zusammen. Hinter der Mauer scheint sich ein spezielles Miteinander entwickelt zu haben.

Dieser Beitrag erschien in der Wochenend-Beilage der Freien Presse.

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