Menschen hassen Menschen

Body-Count-Bassist Vincent Price über Durststrecken, Regierungskrisen, Rassismus und musikalische Kraft

Die Band hat Musikgeschichte geschrieben und droht dennoch, als One-Album-Wonder eine kultige Randerscheinung zu bleiben: Body Count. Anfang der 1990er scharte der Gangster-Rapper Ice-T dazu im Freundeskreis eine Rockband zusammen und mixte Hip-Hop mit Punk, Metal und Hardcore wie keiner vor ihm. Das selbstbetitelte Debüt war ein Meilenstein des Crossover - doch danach folgte Mittelmaß. Erst 2017 lies die Band in neuer Besetzung mit "Bloodlust" wieder weltweit aufhorchen, die alte Flamme war neu gezündet. Im 30. Bandjahr legt Body Count mit "Carnivore" nun noch eine Schippe drauf. Warum, verrät Vince Dennis alias Vincent Price, Bassist und Songschreiber, im Gespräch mit Karsten Kriesel.

Freie Presse: Body Count war nicht die erste schwarze Rockband, doch ihr Debüt hat 1992 musikalische Standards gesetzt, die den späteren Nu Metal oder Metalcore mit prägten. Sie waren damals noch nicht in der Band: Was war Ihr Eindruck von Body Count?

Vince Dennis: Das erste Mal habe ich Body Count gehört, da hatte mir ein Freund ein Tape gegeben, aber so richtig "entdeckt" hatte ich sie da noch nicht. Doch dann sah ich sie zum ersten Mal live, und ab da hatten sie mich. Wenig später hatte ich zufällig einen Proberaum dort, wo die Band auch probte, und wir freundeten uns an. Ich beobachtete die verschiedensten Wechsel, ich selbst habe in der Band mit drei verschiedenen Besetzungen gespielt bis zum jetzigen Line-up.

Mit den folgenden Alben konnte Body Count nie die Qualität des Debüts erreichen, auch nicht mit Ihrer ersten Platte "Murder For Hire" Mitte der 2000er. Warum konnten Sie gemeinsam das erst eine knappe Dekade später mit "Manslaugher" 2014 und vor allem 2017 mit "Bloodlust" so eindrucksvoll ändern?

Die Band begann als Freunde, die zusammen aufgewachsen waren und sich zum Teil aus der Schule kannten. Davon leben einige nicht mehr. Beatmaster V starb im Laufe des zweiten Albums "Born Dead" an Leukämie, Mooseman wurde bei einem Drive-By-Shooting erschossen. Die Songs von "Murder for Hire" habe ich zusammen mit D-Roc geschrieben, der später auch starb. Das Album wurde nie professionell aufgenommen, Ice-T sang lediglich auf unseren Demos. Danach suchte die Band wieder neue Mitglieder, wir wussten aber nicht so richtig, wie und wo es weitergehen sollte. Erst als wir einen richtigen Platten-Deal bei Sumerian Records bekamen und sie uns wieder richtige Aufnahmen bezahlten, ging es voran. Diesmal mit Will Putney, der von da an wie zu einem siebenten Bandmitglied wurde: Body Count hatte davor nie wirklich eng mit einem Produzenten gearbeitet. Aber als Will ins Spiel kam, machte er aus unseren Vorlagen wirklich bessere Songs.

2014 beschrieb Ice-T Body Count noch als eine Art Slasher-Film in musikalischer Form. Aber mit "Bloodlust" wurde es wieder deutlich politischer, ähnlich wie auf dem ersten Album. Warum?

Das hat viele Aspekte, wir sind keine Gore-Band. Ice versteht uns eher im Sinn eines Tarantino-Streifens. Die Texte drehen sich hauptsächlich darum, was in der Welt passiert und wie Ice die Welt sieht. So, als würde er herumlaufen und jedem erzählen: Hey: Das passiert gerade! Wie eine musikalische Tageszeitung. Und nach 2014 ist eine Menge passiert!

Ein Grundthema bei Body Count ist seit jeher der Kampf gegen Rassismus. Wie gehen Sie persönlich damit um?

Rassismus gibt es an so vielen Stellen. Kaum jemand ist frei davon. Du kannst rassistisch jemandem gegenüber sein, der mehr Geld hat als du. Da gibt es so viele verschiedene Wege. Schwarz hasst Weiß, Weiß hasst Schwarz. Braun hasst Grün, Grün hasst Rot. Menschen mögen keine Menschen.

Musikalisch klingt "Carnivore" noch härter als die Alben davor. Wie würden Sie Ihren Sound heute beschreiben?

Wir hören alle verschiedene Musik und man kann nie wissen, was aus uns rauskommt, wenn wir das zusammenschmeißen. Mit "Bloodlust" haben wir einige klare Standards gesetzt. Für viele ist es die fetteste Body-Count-Platte - wir konnten dem Label aber auch nicht vorher sagen, wie die neue Scheibe wird. Das ist ein Prozess, der sich im Studio ergibt. Ich würde das mal mit Sepultura vergleichen: Deren "Beneath The Remains" ist bei uns "Manslaughter", "Arise" ist "Bloodlust" und "Chaos A.D." ist dann "Carnivore". Oder, um es mit Metallica zu sagen: Wenn "Kill 'Em All" "Manslaughter" ist und "Ride the Lightning" "Bloodlust", dann ist wohl "Carnivore" unser "Master of Puppets". Das sind alles gute Platten, aber auf allen geht es um was anderes. Wir werden als nächstes aber nicht "...And Justice For All" machen, sondern direkt auf das Schwarze Album steuern. Oder, noch besser: zu "Roots"! (lacht)

Viele Songs auf "Carnivore" drehen sich um Gewalt. Ist die Musik ein Ventil für echte Gewalt, oder wo liegt die Balance?

Es ist wohl eher wie bei Comedy. Es kommt darauf an, wie du es verstehen willst. Schau dich um, mach den Fernseher an, das ist doch die Kultur heutzutage: Menschen töten Menschen, Menschen hassen sich gegenseitig. Das passiert die ganze Zeit. Uns geht es darum, den Leuten zu zeigen: Hey, genau so findet es statt! Menschen glorifizieren Gewalt und verdienen daran: Boxen, UFC, Wrestling, das ganze verrückte Zeug im sogenannten "Sport". Amerika, die ganze Welt funktioniert so.

Im Song "Point the Finger" geht es wieder um Polizeigewalt, nachdem ja "Cop Killer" immer noch eines der bekanntesten Body-Count-Stücke ist. Auch in Deutschland gibt es immer wieder Skandale um rechtsgerichtete, gewalttätige Polizisten, die ausländisch oder alternativ Aussehende nicht adäquat behandeln. Warum halten sich manche Polizisten anscheinend nicht an ihren Berufskodex?

Dieser Mist ist eine nie endende Geschichte: Gib einem Mann Autorität, und er nimmt sich seinen persönlichen Vorteil daraus. Polizisten, die sich so verhalten, machen ganz einfach ihren Job nicht! Sie missbrauchen ihre Macht, sie missbrauchen ihre Privilegien!

Auch Hass im virtuellen Raum ist ein Thema auf "Carnivore": Im Internet schreiben viele Menschen Dinge, die sie von Angesicht zu Angesicht wahrscheinlich nie sagen würden ...

Ja, das ist echt abgefuckt! Ich hasse diese Art von Kommunikation heutzutage. Ich telefoniere viel lieber, als dass ich eine E-Mail schreibe. E-Mail finde ich nur praktisch, um sich Musik hin- und herzuschicken. Per E-Mail kannst du mich gerade so noch erreichen, aber in den sozialen Medien findest du mich nicht, dafür habe ich keine Zeit. Ich bin Facebook-los und Instagram-los!

Haben soziale Medien für euch als Band auch positive Aspekte, zum Beispiel in der Verbindung zu euren Fans?

Wir haben auch so eine gute Verbindung zu unseren Fans. Unsere Musik ist für alle da. Entweder man mag uns oder man hasst uns. Zum Glück mögen uns viele. (lacht) Unsere Fans verstehen: Body Count ist kein Fake, wir sind echt! Das, was in der Welt passiert, zwischenmenschlich passiert, findet man in unseren Songs wieder, damit können die Leute etwas anfangen.

Dieses Jahr kommt ihr nach Deutschland: Macht es für Sie einen Unterschied, in den USA oder in Europa aufzutreten?

Ja, es ist ein großer Unterschied! Das Publikum in Europa weiß Musik ganz einfach zu schätzen. In den USA ist es häufig ein sehr oberflächliches "Who's Who", jeder möchte cool mit im Backstage abhängen. Man interessiert sich viel weniger für die eigentliche Musik. Das hat sich in den letzten Jahren ein wenig geändert, aber es ist noch lange nicht so wie in Europa!kries

Im Konzert: Body Count spielt am 24. Juni in Berlin und am 1. Juli in München. Karten gibt es in allen "Freie Presse"-Shops in Ihrer Nähe oder online

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