Mit 75 noch längst nicht erwachsen

"Frech und wild und wunderbar" - so charakterisierte Astrid Lindgren einmal ihre Romanheldin "Pippi Langstrumpf". Bis heute ist sie populär. Der erste von drei Bänden der Kinderbuch-Reihe erschien vor 75 Jahren, am 26. November 1945.

Pippi Langstrumpf - mit vollem Namen Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Efraimstochter Langstrumpf - ist ein selbstbewusstes neunjähriges Mädchen mit Sommersprossen, roten Haaren und Zöpfen. Sie lebt zusammen mit dem Äffchen "Herr Nilsson" und einem Apfelschimmel (im Film heißt das Pferd "Kleiner Onkel") in der "Villa Kunterbunt". Sie behauptet, ihre Mutter sei ein Engel im Himmel und ihr Vater Kapitän des Schiffs "Hoppetosse". Der ehemalige "Schrecken der Meere" lebe inzwischen als König auf der Südseeinsel Taka-Tuka-Land. Pippis beste Freunde sind Tommy und Annika Settergren, die in der Nachbarschaft wohnen und sie bei ihren Abenteuern begleiten. Da Pippi in der Villa ohne ihre Eltern wohnt, kann sie tun und lassen was sie will. Finanziell ist sie unabhängig, weil ihr Vater ihr Goldstücke geschenkt hat. Pippi verursacht regelmäßig Chaos, erzählt gern fabelhafte Geschichten, die sie vorzugsweise auf ihren Reisen mit ihrem Vater erlebt haben will. Meist entstammen sie aber - wie sie selber zugibt - ihrer blühenden Fantasie.

Auf die Idee dieses Kinderbuches, das eines der erfolgreichsten der Welt werden sollte, kam die Schwedin Astrid Lindgren im Winter 1941. Ihre siebenjährige Tochter Karin musste krank das Bett hüten. "Mami, erzähl' mir etwas von Pippi Langstrumpf", soll die Kleine gefordert haben. Sie dachte sich gern lustige und schräge Namen aus. Die Mutter ließ sich nicht lange bitten und erfand spontan eine Geschichte um ein rothaariges Mädchen. Schließlich wollte Karin immer neue Abenteuer von Pippi hören, auch als sie gesund war. Deshalb schrieb Lindgren die Texte auf und schenkte sie der Tochter zum Geburtstag. Bereits zuvor hatte Astrid Lindgren Kurzgeschichten und Weihnachtsmärchen in Zeitungen veröffentlicht. Doch als sie ihre Pippi-Geschichte an den renommierten schwedischen Verlag Bonnier schickte, erhielt sie eine Absage. Der Chef fürchtete, seine Kinder damit auf dumme Gedanken zu bringen. Erst der Verlag Rabén & Sjögren druckte das Buch und stellte Astrid Lindgren zudem als Lektorin ein.

Pippi Langstrumpf ist ihre bekannteste Figur. Obwohl das Buch zum Zeitpunkt seiner Erstveröffentlichung wegen seiner starken und wortgewandten Hauptfigur - Pippi verkörperte das im Sinne der Reformpädagogik "freie Kind" - in Schweden zunächst durchaus umstritten war, verhalf es der neuen Erzählform aus Sicht des Kindes zum Durchbruch. Nach "Pippi Langstrumpf", "Pippi Langstrumpf geht an Bord" und "Pippi in Taka-Tuka-Land" veröffentlichte Lindgren noch weitere Kinderbücher, wie 1946 "Kalle Blomquist", 1947 "Wir Kinder aus Bullerbü", 1955 "Karlsson vom Dach", 1963 "Michel aus Lönneberga" und 1981 "Ronja Räubertochter". Insgesamt schrieb die Schwedin rund 70 Kinderbücher. Zum weltweiten Erfolg von Pippi Langstrumpf trugen mutmaßlich auch die Illustrationen von Ingrid Vang Nyman bei, die bereits die 1945 erschienene schwedische Originalausgabe gestaltet hatte und neben den Büchern auch für Pippis Bildergeschichten in der schwedischen Kinderzeitschrift "Klumpe Dumpe" Ende der 1950er-Jahre verantwortlich war.

In einem Interview nannte Michelle Obama "Pippi Langstrumpf" ihr erstes Lieblingsbuch: "Ich war wirklich fasziniert von diesem starken, kleinen Mädchen, das im Zentrum von allem stand. Pippi war in gewisser Weise fast magisch, stärker und härter als alle anderen." Denn das pfiffige Mädchen besitzt außergewöhnliche Eigenschaften, um die sie andere Kinder beneiden. Pippi ist mutig und so stark, dass sie im Zirkus einen Ringer besiegt oder ihr Pferd in die Höhe stemmt, selbst wenn Tommy und Annika darauf sitzen. "Das haben wir noch nie probiert, also geht es sicher gut", lautet zudem Pippis Einstellung, wenn sie sich an etwas Unbekanntes wagt. Und sie kann fast jeder Situation etwas Positives abgewinnen. "Warte nicht darauf, dass die Menschen Dich anlächeln ... Zeige ihnen wie es geht", rät die lebensfrohe Pippi. Außerdem ist sie sehr selbstbewusst: "Was findest du so bezaubernd?", wird sie einmal von Tommy gefragt. "Mich", sagt sie zufrieden.

Pippi hat in verschiedenen Ländern ganz unterschiedliche Namen: Im schwedischen Original heißt sie "Pippi Långstrump", wobei sich die deutsche und englische Bezeichnung "Pippi Langstrumpf" und "Pippi Longstocking" sehr an der Vorlage orientieren. Auf Französisch heißt sie "Fifi Brindacier", in China "Changwazi Pipi", in Thailand "Pippi Thung-Taow Yaow" und in Vietnam "Pippi Tat Dai". Die Pippi-Bücher wurden in 107 Sprachen übersetzt, die Gesamtauflage beträgt rund 165 Millionen Exemplare. Allein in Deutschland hat Lindgren mehr als 20 Millionen Bücher verkauft.

Für einen noch größeren Bekanntheitsgrad sorgten ab Ende der 1960er-Jahre auch die vier Kinofilme unter der Regie von Olle Hellbom mit der Schauspielerin Inger Nilsson in der Titelrolle: "Pippi Langstrumpf" (1969), "Pippi geht von Bord" (1969), "Pippi in Taka-Tuka-Land" (1970) und "Pippi außer Rand und Band" (1970). Die kleine Inger war gerade acht Jahre alt, als ihr Vater sie für ein Vorsprechen anmeldete. Am Ende wurde sie unter 8000 Kindern für die begehrte Rolle ausgewählt. "Zwei mal Drei macht Vier Widdewiddewitt und Drei macht Neune! Ich mach' mir die Welt Widdewidde wie sie mir gefällt..." singt Pippi in ihren Filmen. Daneben gab es auch eine 21-teilige Fernsehserie, für die Astrid Lindgren die Drehbücher verfasste. Demnächst soll außerdem ein neuer Spielfilm über Pippi erscheinen.

Astrid Anna Emilia Ericsson - erst nach ihrer Heirat hieß sie Lindgren - wurde am 14. November 1907 als zweites von vier Kindern auf einem Hof in der schwedischen Ortschaft Vimmerby geboren: Mit ihren drei Geschwistern erlebte sie exakt jene Bilderbuchkindheit, die sie in ihren Geschichten später festhielt. "Die beste Zeit meines Lebens war, wenn ich spielen durfte. Ich empfand das Erwachsenwerden ebenso wie Pippi als nicht besonders erstrebenswert", erinnerte sie sich später.

Als sie mit nur 18 Jahren überraschend von einem verheirateten Mann schwanger wurde, musste sie die Stadt verlassen. Sie begann in Stockholm ein neues Leben, arbeitete als Sekretärin und heiratete Sture Lindgren, mit ihm bekam sie 1934 auch Tochter Karin. Ihre freche Pippi war auch eine leise Rache an den spießigen Kleinstädtern, vor denen sie geflohen war. "Ich bin nur ein Bauernmädchen aus Småland", sagte sie, "wenn ich schreibe, bin ich für alle Sorgen unerreichbar."

Ihren Erfolg als Schriftstellerin nutzte sie, um sich für Menschen- und Tierrechte einzusetzen. "Wenn ich auch nur eine einzige düstere Kindheit erhellen konnte, bin ich zufrieden", definierte sie ihr literarisches Lebensziel. Astrid Lindgren starb im Alter von 94 Jahren am 28. Januar 2002 in Stockholm. In den Kindern ihrer Geschichten lebt sie weiter.

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